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»Beklommen schaut die Welt zu«

»Wie ein Geschwür«, schrieb ein Beobachter, »frißt sich die Abbruchwut« über historischen Boden: Paris, das zu viele Menschen, zu viele Autos und zu viele elende Quartiere hat, wird modernisiert. Zweitrangige Städtebauer und geschäftstüchtige Grundstücksspekulanten verbauen nun -- ohne sinnvolle Planung -- den einstigen Charme der französischen Metropole: mit 200 Meter hohen Bürosilos, mit Straßenschneisen und klobigen Betonburgen.
aus DER SPIEGEL 30/1972

Paris zu zerstören«, warnte im Sommer 1944 Raoul Nordling, Doyen des Konsularkorps, den General der Infanterie Dietrich von Choltitz, »wäre ein Verbrechen, das die Geschichte niemals verzeihen würde.«

Choltitz, Stadtkommandant der besetzten Metropole, verweigerte den Führerbefehl und rettete Paris.

Ein Vierteljahrhundert später schicken sich Franzosen selber an, Silhouette und Flair ihrer Hauptstadt zu zerstören.

»Alle Welt schaut beklommen zu«, schrieb die »Süddeutsche Zeitung«, wie Paris verändert wird, wie Panoramen »vandalisiert« werden -- so das US-Magazin »Time«. »Resigniert und enttäuscht« erkennt auch die »FAZ«. wie der Nachbar im Westen nun im Begriff sei, wie die meisten anderen Metropolen in der Welt »jene Zukunft auszuspeien, in der Frankreich endgültig vor Amerika kapituliert«.

Nach jahrzehntelangem Zögern sind die Franzosen nun darangegangen, ihre glanzvolle und verkommene, schöne und altmodische, von Leben und chaotischem Verkehr durchpulste Kapitale zu renovieren -- zukunftssicher.

In der Stadt, in der zwischen Jahrhundertwende und dem Ende der Vierten Republik kaum gebaut wurde, in der die Kirchen Sacré-Coeur und Notre-Dame, die Kuppeln des Grand Palais wie des Invaliden-Doms und der Eiffelturm noch immer die Silhouette prägten, sind in den letzten Jahren Wälder von Wolkenkratzern hochgewachsen. Mehr als 60 Hochhäuser beherrschen schon die Skyline, und bis 1974, so die gegenwärtige Planung, werden es mehr als doppelt so viele sein:

>Westlich des Triumphbogens stehen die Hochhäuser der Bürostadt »La Defense« schon gedrängt wie sonst nur in Chicago, Manhattan oder Säo Paulo. Höchster Turm, noch im Bau: 150 Meter.

* Südlich vom Eiffelturm verstellen nun 30- und mehrstöckige Wohntürme und ein gewaltiger Schornstein des Ensembles »Front de Seine« den Blick auf die symbolträchtige Eisenkonstruktion. > Am Montparnasse überragt der 62 Stockwerke hohe Büroturm »Maine-Montparnasse« wuchtig die zwei- bis dreistöckigen idyllischen Künstlerateliers und die fünf- bis sechsstöckigen alten Wohnhöhlen.

Im Südosten der Stadt. hinter der Place d'Italie, wachsen gleichfalls Wohn- und Bürotürme. Und auch im Nordosten, unweit des Montmartre. bewegen die Baukräne sich am Himmel von Paris wie ein überdimensionales Mobile.

Gewiß: »Diese Stadt kann kein Museum sein« -- so hatte die auflagenstärkste Pariser Tageszeitung »France-Soir« konstatiert. Präsident Pompidou will Paris endlich »dem Auto anpassen": Frankreichs »Wasserkopf« (so der Soziologe Michel Ragon) droht an seinen Problemen buchstäblich zu ersticken.

Die Kernstadt von Paris ist klein (105 Quadratkilometer), mit 2,5 Millionen Einwohnern aber zehnmal so dicht besiedelt wie Hamburg. Und die wild wuchernde Häuserlandschaft von Groß-Paris ist längst weit über die Slums der Banlieue gewachsen; in ihr hausen bereits mehr Menschen als in ganz Schweden, mehr als acht Millionen Franzosen -- in einer Region, die der britische Urbanologe Peter Hall als »ausgedehntes. hastig aufgebautes Notaufnahmelager zur Unterbringung der in Paris tätigen Arbeitskräfte« bezeichnete.

Ursache dieser Entwicklung ist vor allem das zentralistische System Frankreichs, das sich um die Hauptstadt dreht. Jeder fünfte berufstätige Franzose haust in der Pariser Region. Nahezu jedes vierte französische Kraftfahrzeug rollt um oder durch Paris. Täglich drängen mehr als 900 000 Pendler in die Stadt. Doch für eine Million Automobile, die sich in den Straßen zwängen. gibt es nur 180 000 Parkplätze.

Die Häuser sind überaltert -- jedes zweite wurde vor mehr als hundert Jahren erbaut -. und die sanitären Verhältnisse sind entsprechend. Als Mitte der sechziger Jahre Erhebungen angestellt wurden, ergab sich ein deprimierendes Bild: Nur vier von fünf Wohnungen hatten fließendes Wasser, nur jede zweite Behausung verfügte über ein WC, und nur jede fünfte war mit Bad oder Dusche ausgestattet.

Während im Westen der Stadt, etwa an der fashionablen Avenue Foch, das Wohnen in einem modernen Ein-Raum-Appartement bis zu 3000 Mark monatlich kostet, hocken mitunter noch die Ärmsten der Armen im Osten der Stadt auf einem Kommune-Klo ohne Tür im Hof.

Pläne, in der Pariser Innenstadt Wolkenkratzer zu errichten, hatte schon in den zwanziger Jahren Le Corbusier vorgelegt. »Medizinische Lösungen regeln nichts und kosten viel«, urteilte der Stadtbaumeister und empfahl »chirurgische Maßnahmen« -- schon damals waren die breiten Boulevards, wie sie der Baron Georges Eugène Haussmann auf Geheiß Napoleons III. Mitte des vorigen Jahrhunderts angelegt hatte, nur die Glitzerdekoration der französischen Metropole.

Doch Le Corbusiers Pläne wurden ebenso verworfen wie die anderer Architekten. die in den folgenden Jahrzehnten utopische Rettungsvorschläge machten -- so Yona Friedmann, der mit »Raumgittern« die Seine überbauen, oder Paul Maymont, der die Seine unterkellern wollte.

Nun, zu Beginn der siebziger Jahre, führen zweitrangige Epigonen aus, was Le Gorbusier gewollt hatte.

Als sich -- vor etwa zehn Jahren der Pariser Großraum mehr und mehr mit Suburbs und Abgasen füllte, als die Pariser in Metrowaggons wie Sardinen standen, als die Ausfallstraßen zu »Flaschenhälsen« wurden und die abbruchreifen Brandmauern in den Slums nur mehr mit schweren Pfählen zu halten waren, berief Präsident de Gaulle den Städtebauer Paul Delouvrier zum Chef der Pariser Raumplanungsbehörde und beauftragte ihn, Paris zu reorganisieren.

Delouvrier kurvte in einem Studebaker durch das Pariser Verkehrschaos (er verkaufte den Straßenkreuzer gleich danach wieder) und unterbreitete General de Gaulle am 27. Juli 1964 ein 213 Seiten umfassendes Dossier mit Vorschlägen:

* Sanierung aller 20 Arrondissements,

* Errichtung von Hochhauszentren an der Peripherie,

* Bau von Satelliten-Städten rund um Paris,

* Bau von Stadtautobahnen, Zubringerstraßen und Tiefgaragen. 150 Minuten lang hörte der General den Stadtplaner. Dann verfügte er, mit großer Handbewegung: »Das alles ist hiermit beschlossen«

Seitdem sind die Baulöwen los in Paris -- die »Promoteurs«, von Pariser Journalisten als »eines der Erbübel« von de Gaulles Fünfter Republik bezeichnet: die Spekulation im Geschäft mit Immobilien blühte.

Ähnlich wie sich in der Stadt der Follies und der Bistros zunächst Snackbars und Supermärkte breitmachten, folgt nun die nächste Welle der Amerikanisierung: Hochhausfassaden vor altem Gemäuer. Und wo einst die Clochards unter den Brücken pennten und die Pariser in der Seine angelten, führen nun auf beiden Seiten der Seine kreuzungs- und ampelfreie Schnellstraßen quer durch die Stadt.

Die ersten Betonsilos entstanden an der Peripherie -- doch nun wuchern die Türme wie Unkraut immer näher an die Cité heran. 140 Meter hoch wächst ein Baukomplex in der Nähe des Triumphbogens. Und immer mehr der alten, baumbestandenen Parks müssen unterirdischen Garagen weichen -- der jüngste Anschlag gilt der idyllischen Avenue de l'Observatoire am Jardin du Luxembourg.

Die Promoteurs kauften Stadthäuser am Parc Monceau und erwarben die »Cité fleurie«, eine durchgrünte Künstlerkolonie am Montparnasse, um darauf gewinnbringende Neubauten zu errichten.

»Wie ein Geschwür frißt sich die Abbruchwut« durch die Quartiere, urteilte die »Neue Zürcher Zeitung« und beklagte. daß die »Erinnerung an eine Vergangenheit getilgt wird, die zu den großen und schönen Epochen von Paris gehört«.

An einem Brennpunkt des innerstädtischen Verkehrs entsteht der Tour Mai -- ne-Montparnasse mit 1000 Apartmentwohnungen und Arbeitsplätzen für 8000 Menschen. Tiefgaragen gibt es dort zwar, aber keine Kindergärten und Spielplätze. Experten prophezeien, daß der Verkehr zum Erliegen kommen wird und die Kinder auf dem nahe gelegenen alten Friedhof spielen werden.

Die millionenschweren Sanierungsprojekte etwa am Eiffelturm und an der Place d'Italie führen zu einer folgenschweren Bevölkerungsbewegung. Meist als Komfort-Kasernen ausgewiesen, setzen sie bei neuen Mietern Monatseinkommen von mindestens 5000 bis 7000 Franc voraus. Die alten Quartier-Bewohner werden in den »Roten Gürtel« der Banlieue abgedrängt, und die Pendlerströme schwellen weiter an.

Die Bauwut und ihre Folgen werden allmählich selbst den Behörden unheimlich -- bislang fehlen nahezu jede übergeordnete Planung, Ordnung und Kontrolle. Paris hat zwar 20 Bürgermeister, aber keinen Oberbürgermeister; und der Conseil (eine Art Stadtrat) ist machtlos -- denn alle wichtigen Entscheidungen liegen beim Präfekten von Paris, der lediglich der Regierung untersteht.

Ende letzten Monats veröffentlichte der Präfekt. Jean Verdier, einen Plan, nach dem die Bauhöhen im Pariser Stadtgebiet drastisch begrenzt werden sollen. Doch die Verordnung wird

wenn überhaupt -- frühestens im Jahre 1974 in Kraft treten. Und die Vergangenheit beweist, wie lässig solche Bestimmungen befolgt werden.

Schon im Jahre 1959 verfügte Verdier-Vorgänger Maurice Doublet, daß im Pariser Zentrum nicht höher als 31 Meter und an der Peripherie nicht höher als 37 Meter gebaut werden dürfe.

Doch Ämterpatronage und großzügig erteilte Ausnahmegenehmigungen machten es den Promoteurs leicht, die Vorschriften zu umgehen und hochzustapeln -- hundertfach.

Ein Mahnmal ragt nun -- am Montparnasse -- in den Himmel von Paris. Anfang des Monats flatterte dort. zum Richtfest. die Trikolore: auf einem Betonturm von 209 Meter Höhe.

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