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MUSIK Belcanto vom Blech

Als Star-Trompeter, Pädagoge und Forscher hat er längst Furore gemacht: Nun will der DDR-Exportschlager Ludwig Güttler auch noch als Dirigent groß herauskommen.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Steht da, die Beine leicht gespreizt, die Knie federnd eingeknickt, den Rücken in sachtem Schwung nach hinten gebogen, und bläst seelenruhig einen langsamen Satz von Antonio Vivaldi.

Auf den ersten Blick paßt der Kopf mit der vergeblich mittelgescheitelten Beethoven-Mähne eher zu einem zerstreuten, pingelig forschenden Professor, als zu einem, der mit wissenschaftlichem Ernst und Eifer in den Archiven rumschnüffelt, dicke schwarze Kleckse auf altem Pergament noch als interpretatorische Spielregeln entschlüsselt und seine Fundsachen, Hunderte sind es längst, mit stolzem Pioniergeist öffentlich aufführt. Steht da weltverloren, als dächte er gerade an die feudalen Zeiten, aus denen sein Spielzeug stammt.

Doch wenn dann auf einmal ein Crescendo einsetzt und der Ton der Trompete unter exakt dosierter Energie zu schwellen beginnt, dann richtet sich der wuschelige Kammervirtuose mit dem struppigen Schnauzbart langsam zu voller Länge auf: Ludwig Güttler, 45, 1,92 Meter Klangkörper und vorne dran, keck nach oben gewinkelt, das Goldstück, die Trompete.

Steht da und macht Wind. Für die empfindliche Kantilene, mit der die Trompete im Andante des Es-Dur-Konzerts von Joseph Haydn behutsam von der Streicherbasis abhebt, läßt er kaum mehr Luft ab als ein Tenor, der in der »Boheme« Mimis eiskaltes Händchen besingt. Das ist geblasener Belcanto; je weniger Ton, um so mehr Güttlers Stärke, ein Pavarotti des Blechs.

Hat Güttler hingegen im oberen Register ein paar Stakkato-Girlanden vor sich, die er aus dem restlichen Klangteppich gleichsam ausstechen will, dann nimmt er den Mund voller, verstärkt den Schub in die gewundene Metallröhre und schärft den Ton so weit an, daß dem Publikum bereits die ersten schönen Schauder kommen.

Muß Güttler gar wie etwa beim Finale eines Konzerts von Georg Philipp Telemann in hochvirtuosen Sprüngen das dreigestrichene E, dieses Matterhorn der Zunft, gleich mehrfach bezwingen, dann dreht er in den oberen Luftwegen total auf und gibt Volldampf:

Mit manchmal mehr als 2 atü Druck auf seine Wangenmuskulatur hat der Dresdener Bläserstar nicht nur den schneidig-schmetternden Klang der Trompete poliert und kultiviert, sondern gleich auch seinen ganzen traditionsreichen Berufsstand entstaubt und als »neuester Gott der Trompete« ("Die Welt") zwischen der europäischen Interpreten-Creme Platz genommen:

Nationalpreisträger der DDR, deutsch-deutscher Bestseller mit 28 durchweg solistisch programmierten Plattenproduktionen (nicht wenige davon in Auflagen über 50 000 Stück), an die 200 Konzerte im Jahr (und nicht einmal die Hälfte davon im heimischen Arbeiter-und-Bauernstaat); Meisterkurse in Weimar, Österreich und Japan, Auftritte bei der Tagung des Weltkirchenrates, beim Europäischen Kulturforum, beim »Kissinger Sommer« und, Mitte Februar, wieder beim Hitzacker Winter, in Tokio, New York und, aus alter Verbundenheit, auch immer noch in der kleinen Kirche in Keitum auf Sylt.

Nächste Woche wird das »zeitgenössische Phänomen, das alle (seine Vorgänger) in den Schatten stellt« ("Musical America") mit dem Frankfurter Musikpreis (25 000 Mark) geehrt, und weil die Ehrung einem Phänomen zugute kommt, bleibt zumindest bis zur Laudatio unklar, wem die Honneurs hauptsächlich gelten: dem Spielmann, dem Pädagogen, dem Quellenforscher oder, in der Quersumme, der Dreifaltigkeit.

Kein Zweifel: Den klassischen Trompetertypus - Image: bullig, verschwitzt und von mezzoforte an krebsrot im Gesicht - hat Güttler gründlich abgespeckt und nachhaltig aufgewertet.

Mit Stil und Gehabe des 1,55 Meter kleinen Kollegen Adolf Scherbaum beispielsweise, den die erste Barock-Welle nach dem Krieg groß rauskommen ließ und dem der Wind, den er machte, stets unübersehbar zu Kopfe stieg, hat Güttler fast nichts mehr gemein. Und im Vergleich mit seinem derzeit aktivsten und erfolgreichsten Konkurrenten, dem zentnerschweren Franzosen Maurice Andre, dessen Leibesfülle jedem quicken Triller im Wege zu stehen scheint, wirkt er immer noch wie ein smarter Prinz im Märchenland Musik.

Güttler hat mit fünf auf der Ziehharmonika angefangen, einem Geschenk der Großmutter. Dann machte er sich auf Klavier, Cello und Orgel zu schaffen, probierte Tuten und Blasen auf dem Horn, ab 14 auf der Trompete. Selbst als klar war, daß er daran festhalten würde, ging er weiter als Hospitant zu Sängern, Pianisten und Geigern - schon damals, als Solotrompeter im Händel-Festspielorchester von Halle und dann in der Dresdner Philharmonie, aus wacher und kritischer Sorge, die »künstlerische Vereinsamung«, also der ewige und exklusive Wirbel um die Trompete, könne ihn letztlich zu einem »mangelhaften Musiker« verkümmern lassen, zu dem, was außerhalb der Konzertsäle Fachidiot heißt.

Mit der Entdeckerlust eines Archäologen vergrub er sich vor rund 20 Jahren erstmals in Archiven und Bibliotheken; seitdem hat er vermutlich mehr Blasmusik aus der Ablage der Tonkunst zutage gefördert als jeder Aktive seines Fachs: Stoff für Generationen.

In Güttlers Plattenprogramm finden sich nicht nur die (wenigen) einschlägigen Evergreens, mit denen sich richtig Geld machen läßt, sondern auch Raritäten von Johann Melchior Molter, Johannes Matthias Sperger oder Johann Baptist Georg Neruda und klingender Kleinkram von Francesco Biscogli oder von Giuseppe Aldrovandini.

Nie gehört? Egal. Güttler leistet sich den Luxus, sein - im Vergleich zu Pianisten und Geigern - dürftiges Repertoire selbst zu begrünen, und inzwischen gibt es keinen barocken oder frühklassischen Kammer-, Hof- und Feldtrompeter mehr, dessen Nachlaß vor ihm sicher ist.

Eigentlich, so sieht es der Musiker selbst, habe er mittlerweile genug alte Trompeter-Noten durchgesehen und ausgeschlachtet, genug lückenhafte Blasmusikpartituren für die heutige Spielpraxis aufgefüllt und eingerichtet, vielleicht auch genug an betagten Instrumenten gefummelt und gebastelt. Als er, privat Besitzer von über 60 ehrwürdigen Stücken, 1982 im Dresdner Schloß Pillnitz unter staubigem Plunder auf acht silberne Hoftrompeten aus dem barocken Dresden stieß, erklärte die DDR den Fund zum Staatsgeheimnis und gestattete erst drei Jahre später eine öffentliche Vorführung der Trouvaillen.

Aus Angst, »einsam zu werden und den Kontakt zur großen, lebendigen Musikszene zu verlieren«, hat Güttler mit Gleichgesinnten längst philharmonische Mini-Teams aufgemacht: 1976 das Leipziger Bach-Collegium, zwei Jahre später das nach ihm benannte Blechbläserensemble. Die DDR hat ihrem Exportschlager inzwischen sogar ein eigenes Orchester zugestanden: die »Virtuosi Saxoniae«, deren (bis zu 50) Mitglieder - sie spielen nach altem Brauch stehend - sich der Trompeter 1985 unter den ersten Kräften der ehrwürdigen Dresdner Staatskapelle ausgucken durfte.

Mit diesem Elitetrupp, der ihm nun wieder ganz neue Möglichkeiten eröffnet, hat Güttler mittlerweile ein enzyklopädisches Plattenprojekt gestartet, eine Art sächsische Archiv-Produktion von beängstigendem Ausmaß. Kapellmeister Güttler über seine symphonische Zukunft: »Es gibt noch so viel zu bearbeiten und aufzuführen, daß mein Leben dafür nicht ausreicht.«

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