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STATISTIK Beliebte Zwerge

aus DER SPIEGEL 19/1965

Er ist blauäugig und dunkelblond, ist 34 Jahre alt, 1,74 Meter groß und 81 Kilogramm schwer. Seine Schuhgröße ist 42, seine Kragenweite 40. Genau 34,53 Prozent seiner gesamten Lebenszeit verbringt er schlafend. Jede Nacht wälzt er sich 80mal im Schlaf herum.

Derlei Merkmale und Gewohnheiten. eignen einem gesichts- und namenlosen Mann, der nicht leibhaftig, sondern nur in Mathematikergehirnen existiert: dem per Umfrage und Statistik ausgemittelten Durchschnitts-Bundesbürger. Maß und Gewicht seines weiblichen Pendants sind etwas geringer: 65 Kilogramm, 1,62 Meter.

Den sammeleifrigen Versuch, das bundesdeutsche Querschnitts-Ehepaar in Zahlen und Bildern (1000 statistische Angaben, 128 Photos) vorzustellen, unternahm der Econ-Verlag, »nach einer Idee« (so der Autorenhinweis) des Düsseldorfer Werbe-Managers Hubert Troost. Titel des jüngst erschienenen Buches: »Der ,statistische' Mitmensch"*.

In »aussagestarker Kombination« (so der Klappentext) suchte Troost mit sinnfälligen Photos die einzelnen statistischen Kennmale des westdeutschen Normbürgers zu veranschaulichen: »Was tut, was kauft, was ißt... wie lebt der Durchschnittsdeutsche?« So etwa soll ein gähnender Teenager verdeutlichen, daß »85 % der Bundesbürger unter Frühjahrsmüdigkeit leiden«, und die Photographie von den Bemühungen eines Schwimmlehrers um rechte Haltung seiner Schülerin ist betextet: »Jeder 3. Bundesbürger kann schwimmen.«

In der Tat muten Gelüste und Gewohnheiten des Fabelwesens, das Troost aus den Karteikarten erstehen ließ, im statistischen Zeitraffer seltsam an: Norm-Otto ißt jährlich 17 Heringe, 218 Eier und sechs Kilogramm Salz, trinkt pro Jahr 107,1 Liter Milch, 378 Schnäpse, zwei Flaschen Sekt, 730 Glas Bier, 928 Tassen Bohnenkaffee und verbraucht jährlich 1660 Streichhölzer sowie 2900 Blatt Toilettenpapier. Er geht jedes Jahr siebenmal ins Kino und alle sieben Jahre einmal ins Museum.

So stark dieses Querschnitts-Abbild der Konsum-Gebräuche auch vergröbert sein mag, so schaff zeichnen Bestandsziffern die Umwelt, in der Troosts destillierter Mitmensch lebt: 141 204 Polizisten regeln Westdeutschlands staatliche, 7452 Universitäts-Professoren und -Dozenten seine geistige Ordnung. 14 200 Männerchöre und 5996 Schützenvereine dienen der bundesbürgerlichen Feierabendgestaltung ebenso wie die 13 740 Fußballklubs und die 1511 Nachtklubs und -bars.

Daß es im westelbischen 58-Millionen -Staat nur 179 Hochschulen und 178 Theater- und Opernbühnen, doch 4402 Blaskapellen und 107 668 Alkohol-Gaststätten gibt, nimmt angesichts des Neigungs-Querschnittes kaum wunder: 58 Prozent aller Bundesbürger lieben Gartenzwerge, nur jeder zweite Jugendliche unter 25 Jahren besitzt ein Buch. 17 Prozent der westdeutschen Männer (von denen bereits wieder 200 000 einer studentischen Korporation angehören) suchen regelmäßig einen Stammtisch auf. Ein Drittel aller Männer liebt es, Tischreden zu halten.

Und 15 Prozent aller deutschen Frauen haben wieder eine Schwäche für Männer in Uniform.

* Hubert Troost: »Der ,statistische' Mitmensch«. Econ-Verlag, Düsseldorf; 164 Seiten, 20 Mark.

Photos aus »Der ,statistische' Mitmensch": Schwache für Uniformen und Schützenvereine

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