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Fritz J. Raddatz über Hermann Kant: Das Impressum Ben Witter, sozialistisch

aus DER SPIEGEL 30/1972

Fritz J. Raddatz, 40, hat sich mit einer Arbeit über die DDR-Literatur an der Technischen Universität Hannover habilitiert ("Traditionen und Tendenzen. Materialien zur Literatur der DDR«, Suhrkamp 1972). -- Hermann Kant, 46, dessen Roman »Die Aula« 1966 auch in der Bundesrepublik Beachtung fand, lebt in Ost-Berlin.

Ein mustergültig mißglücktes Buch. Warum mustergültig? Hermann Kant ist intelligent, quick, belesen; er kann erzählen, amüsante Schnurren geben, witzig sein, boshaft skizzieren -- »Gestalten Revue passieren lassen«, wie das »Neue Deutschland« zu seinem endlich erschienenen Buch schreibt (das, nach ersten DDR-Vorabdrucken 1969 und verschiedenen Vorankündigungen, mit dreijähriger Verzögerung fast gleichzeitig in DDR und Bundesrepublik verlegt wird). »Ein Buch zum Lesen« nennen Buchhändler so etwas, empfehlend.

Warum mißglückt? Es gibt eine Schreibgewandtheit, unter der Unredlichkeit zu spüren ist. Man liest und hört und schmeckt, man setzt sich -- anfangs willig -- einem Plauderstrom aus, bis man weiß: Der trägt nicht. Was sich als Ironie gibt, ist Zwinkereffekt; was als Kritik verstanden sein will, erweist sich als Meckerecke. Das Seil, auf dem hier einer tanzt, ist ein Kreidestrich auf festem Boden, die gestemmten Gewichte sind hohl. Marcel Marceau, nicht Nurejew.

Es ist die Geschichte des Illustrierten-Journalisten David Groth, Chefredakteur der »Neuen Berliner Rundschau«. der »nicht Minister werden will«. Im Werbetext heißt es: »Das Impressum ist insofern autobiographisch. als auch der Autor niemals Minister werden wollte, und es ist insofern nicht autobiographisch, als der Autor niemals Minister werden sollte. Die Handlung dieses Romans ist pure Erfindung, aber der Verfasser dieses Buches hofft, daß niemand ihm das glauben werde.«

Das wurde erreicht. Die Figur nämlich ist durchweg kokett, auf selbstgefällige Weise bescheiden. Karl Kraus sagte dazu: »Machen Sie sich nicht so klein, so groß sind Sie nicht.« Das Buch biegt von der individuellen zur gesellschaftlichen Eitelkeit aus: Vom Botenjungen David zum Genossen Chefredakteur das hätte widerspruchsvolle Entwicklung eines Landes im widerspruchsvollen Geschick eines Protagonisten werden können, das schmerzliche. schlimme, auch mit Unrecht und Leid erkämpfte Aufwärts einer Gesellschaftsordnung. Es wurde aber nur die Fabel vom sozialistischen Tellerwäscher.

Immer da, wo Kant die echten Schwierigkeiten der DDR angeht das, was Menschen fliehen ließ. zumindest: das, was Hoffnung, gar Utopie, grau und traurig werden ließ --, da taucht er sich und den Leser in einen verbalen Kokettierschleier. Dreht eine Pirouette. die wort- und gestenreich. aber wahrheitsleer ist:

In diesem Land herrscht Diktatur, Wir stöhnen hier unter dem Zwangeregime der Wissenschaft. Hier wird man mit der Leselampe gefoltert. Die Despotie preßt uns in die Gelehrsamkeit ... Qualifizierung -- das Wort schon sagt es: Theorie ist die Praxis des hiesigen Terrors. Forscher zimmerten unser Joch. Lehrer bewachen unsere Schritte. Unser Profoß ist Professor. Wir führen ein Hirnzellendasein ... Wir sind die kybernetisch besetzte Zone.

Selbst die DDR-Kritik spricht von Kavaliersdelikten statt ernsthafter Konfrontation mit Schwierigkeiten und von »politischen Konflikten, eine Nummer zu klein«.

Diese Haltung durchzieht das Buch, prägt seine moralisch-politische Position wie seinen stilistischen Gestus. Man hofft, dem neuen Menschen zu begegnen, hofft -- fürchtet? -- sich korrigieren zu müssen in Vorbehalten, Vorurteilen; und wird bestätigt. David Groth geht ohne Kränkung, ohne Abgründe auch nur zu sehen. durchs Leben -- ein bißchen Liebe, ein bißchen Schwierigkeiten mit der Partei, eine vernünftig verläßliche Ehe schließlich. Er befragt sich ständig, er stellt sich aber nie in Frage. Kein Zögern. Eher Hurtigkeit, manchmal verlangsamt.

Die gesellschaftliche Unaufrichtigkeit wird zur stilistischen Lüge. Das Buch »stimmt nicht«. sozusagen; nicht im Detail: In den Reisedokumenten des Allied Travelboard stand unter Nationalität keineswegs »Presumed German« -- und nicht im großen: »Jener Junitag« ging nun keineswegs so dahin, wie ihn Kant in häßlicher Ungenauigkeit schildert (der 17. Juni in der Literatur der DDR -- inzwischen bald ein Dissertationsthema).

Hermann Kant hat sich auf einen seltsamen Lösungsversuch aus diesem literarischen Dilemma eingelassen; denn natürlich ist er zu klug, es nicht zu sehen. Er weiß, daß Worte einen Hof brauchen, sollen sie mehr als sich selber benennen, daß Sätze ohne jenes unsichtbare Luftpolster keine Irritation auslösen, sondern glatt bleiben.

Das alles weiß Kant, in seiner frühen Erzählung »Gold« sagte er: »Literatur muß sich auf den ersten Blick wie ein Druckfehler ausnehmen« Um diese Unreinheit zu erreichen, stellt Kant ein Episodenmosaik her, kein Fresko. Keinen Roman. Er löst eine kontinuierliche, sich bedingende Handlung auf in Geschichtchen. will die ihm fragwürdig gewordene Romantotalität ersetzen durch Einzelerzählung: epische Mikrokosmen. gleichsam; »unerhörte Begebenheiten« -- keine hat konstitutive Funktion, jede bleibt narratives Dekor.

Das ergibt gelegentlich rhetorische Glanzleistungen. ironisch dahergeredete Paradenummern. Ganz selten gelingt Kant auf diese Weise eine tiefere Nachdenklichkeit -- interessanterweise ehestens dann, wenn es um ihn selber geht: Was bleibt von dir, wenn du hier gehst? Wieviel mehr als ein achteckiger Stern zwischen zwei papierenen Monatsschwalben bleibt zu deinem Gedenken in diesem Haus? Eine widerlich gierige und niederträchtige Frage war das, denn machte man sich auf die Suche nach einer guten und tröstlichen Antwort, so sah man sich bald in Begleitung von Selbstgerechtigkeit und Eitelkeit, sah sich sein eigen Bild modem und Spuren finden von sich selbst, die in Wahrheit von schwererem Tritt geblieben waren, von der Zeit, die auch ohne einen ausgekommen Ware

Was hier an diesem Platz ist hier und nur so an seinem Platz, weit du da warst, du, David Groth? Nicht einfach: Du, Chefredakteur, du, Beauftragter, du, Vertreter, sondern äußerst persönlich du, du, du ... Solche Intimkreisel, sprachlich genauer als allerlei Pseudofabuliertes aus Kriegszeit. Nazideutsch-Unterricht oder vom geschäftigen Rentner-Hamster, weniger klischeestrotzend und darum überzeugender als der edle sowjetische Stadtkommandant mit der gebildeten Schwäche für Moltke (in früheren DDR-Romanen waren sowjetische Offiziere meist Violin-Spieler oder Rilke-Übersetzer) -- solche Innenbeobachtung erlaubt sich Kant leider nicht oft genug. Sie ist ja nicht nur gut, weit Ehrlichkeit immer überzeugt: es ist auch gelungene Prosa: Der Leser wird hereingenommen in einen Prozeß des Denkens, nicht dem fertigen Produkt -propagandistisch konfrontiert. Diese Dialoghaltung, keineswegs bloße Rederigur, könnte zu jener Unreinheit, jenem Kant'schen »Druckfehler«, führen.

Er weicht dem aus, zieht die Pose des Raconteurs vor. Das genau ist das Stigma der Kant'schen Schreibtechnik: Der Erzähler ist allwissend, und von dieser Position aus wird mitgeteilt, ja zugeteilt. Wissens- und Gewissensdistanz versucht er allenfalls durch die ironische Erzählhaltung zu erreichen; Ironie also, durchaus im Sinne der Konzeption Lucien Goldmanns, als Praxisvakuum der Literatur.

Das eine Mal, daß Kant bewußt eine Struktur »offen"ließ -- das ungewisse und unbegründete Schicksal des Quasi Riek in der »Aula«, hat er wohl bereut: Diese Schilderung eines Republikflüchtlings zog derart erbitterte Kritik auf sich, daß Kant in der Bühnenfassung die Figur umbaute und »unseren Mann im Westen«, also einen DDR-Agenten in der BRD, daraus machte.

Jetzt sind seine Gestalten nur noch von außen beobachtet statt entwickelt, eine Porträtgalerie, bestenfalls --- oft Marionetten, die sich brav bewegen oder plappern, wie es der spöttisch kommentierende Autor befiehlt. Etiketten statt Charaktere, Gesten statt Eigenleben. Kant geht neben ihnen her -- Ren Witter, sozialistisch:

Die Gräfin war nicht nur von ältestem Geblüt, sondern auch vom jüngsten journalistischen Pfiff. Sie war im Osten geboren und im Westen zu Hause. Wenn sie Osten sagte, klang das wie Sattelzeug, und wenn sie Westen sagte, klang das wie St. John Perse ... Sie war klug, konnte lachen und war von graubraunem Schick und konnte jiddische Witze erzählen und Nordhäuser Korn vertragen und hatte über Adams Mißverhältnis zu den Physiokraten promoviert. Sie war ein Feind von der gefährlichsten Art; es schien, als ließe sich mit ihr reden.

Das ist ganz lustig, ein Tusch fürs Betriebsfest, eine Literazzia zur Nachtstunde des Kabaretts -- Prosa ist das nicht. Hermann Kant ist kein Romancier, er ist Causeur.

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