Fortsetzung von "Berlin, Berlin" bei Netflix Lolle, es staubt

Kinderwunsch, Karriere und, tja, Crystal Meth: Lolle ist erwachsen geworden. Das ist aber nicht das Problem der Film-Fortsetzung der Erfolgsserie "Berlin Berlin".
Lolle verzweifelt - vielleicht hat sie auch "Berlin, Berlin - der Film" gesehen?

Lolle verzweifelt - vielleicht hat sie auch "Berlin, Berlin - der Film" gesehen?

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Stefan Erhard/ Netflix

Vor 18 Jahren rannte eine junge Frau in der ARD-Vorabendserie "Berlin, Berlin" durch die Hauptstadt: Lolle war 20, kam aus der Provinz und suchte die Liebe und einen Job als Comiczeichnerin. Sie wurde von Kritik (2006 bekam die Comedy sogar einen Emmy) und Zuschauern gleichermaßen geliebt.

Vielleicht, weil Felicitas Woll die Rolle so gut spielte; ihre Lolle war nicht nur charmant verplant, sondern auch eine Frau, die, kam es hart auf hart, für sich einstand. Vielleicht auch, weil das Drehbuch die Figuren und ihre Beziehungen nie ausschließlich in den Dienst der nächsten Pointe stellte, im Zweifel meist genau hinschaute, statt in die Karikatur zu kippen.

Lolles größtes Unterhaltungsgeheimnis war aber vermutlich, dass sie die größte Rennerin seit Lola war: Sie war immer in Bewegung, um einen Schlamassel aufzuräumen, gleichzeitig startete sie selbst schon den nächsten. Raste ihrer großen Liebe Sven hinterher, der doch eigentlich schon mit einer anderen Frau zusammen war, wurde dann wieder selbst von Zuhältern gejagt, weil sie ein Straßenmädchen unter ihre Fittiche genommen hatte.

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Lolle ist wieder da

Foto: Stefan Erhard/ Netflix

So setzte "Berlin, Berlin" Maßstäbe für eine Art German Screwball, die vor allem darüber funktionierte, dass Dinge nun mal passieren, wenn Figuren zwar tief drinnen genau wissen, wer sie sind, aber gleichzeitig hochgradig spontan und gefühlsgetrieben handeln. Und als Vorlage diente für vollends überdrehte Erfolgsserien aus der Feder von Bora Dagtekin wie "Türkisch für Anfänger" oder "Doctor's Diary".

"Türkisch für Anfänger" hat bekanntlich schon diverse Kinoerweiterungen bekommen, "Berlin, Berlin – Der Film" kommt jetzt wegen Corona direkt auf Netflix. Die frühere Regisseurin Franziska Meyer Price und Drehbuch-Autor David Safier  sind auch wieder dabei. Leider verwaltet der Film aber dennoch weder den Charme der Serie überzeugend, noch traut er sich, einen eigenen zu entwickeln.

Schon die Ausgangslage haut nicht hin: Lolle (immerhin: Woll spielt sie ähnlich lebendig-souverän wie früher) ist mittlerweile 38. Ihr Leben verläuft in der Sorte Bahnen, die geordnet, aber dennoch unfassbar anstrengend sind. Sie ist mit ihrem früheren WG-Mitbewohner Hart (Matthias Klimsa) zusammen, ihr erfolgreiches Animationsstudio und das Basteln am Kinderwunsch stressen.

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Ja, Lebenswege sind unergründlich und das Aufwachen im falschen Leben kennt man. Wie sich aber Lolle, die doch trotz zwischenzeitiger Irrungen am Ende genau wusste, was sie wollte, in diese Situation manövrieren konnte – und dazu gehört auch die Beziehung mit Hart, der in der Serie für sie immer nur ein ewiger Friendzoner war – ist rätselhaft.

Es interessiert den Film vermutlich auch so wenig, weil er seine Fallhöhe über die gesamte Spielzeit daraus bezieht, aus einer im Alltag erstarrten Frau wieder den Charme der alten Chaos-Umarmerin Lolle herauszumeißeln. Und das passiert dann mit dem Presslufthammer, der "Zurück auf Anfang"-Entwicklung wird wirklich alles untergeordnet. Etwa die anderen Figuren: Vorm Traualtar mit Hart taucht Lolles frühere Liebe Sven (Jan Sosniok) auf, er reiste die vergangenen Jahre als alternder Surfer durch die Welt. Die beiden Männer waren in der Serie Hauptfiguren mit Tiefe. Jetzt haben sie, darauf weist der Film mehrfach hin, damit es das Publikum auch wirklich versteht, nur die Funktion, Lolles Qual der Wahl zwischen geregeltem Familienglück und unkonventionellem Lebensstil zu personifizieren.

Eine Irrsinn-Welle, die ins Nichts läuft

Dazu kommen Dialoge, die nicht den leicht überdrehten Verstolpercharme der Serie besitzen, sondern einfach nur stauben. Lolle: "Für mich sollte die Zwangsehe wieder eingeführt werden. Da muss man sich wenigstens nicht entscheiden." Und ein an den Haaren einer 2000er-ProSieben-Komödie herbeigezogener Plot. So frisst ein Braunbär Lolles Handy und im Harz betreibt Armin Rohde als verschenkter Gaststar ein Crystal-Meth-Labor. Eine Irrsinn-Welle, die vermutlich den alten Irrsinn auch bei Lolle rauskitzeln soll, aber ins Nichts läuft.

Gegen Ende bekommt das Ganze etwas mehr Kontur, weil vermehrt ein selbstironischer Umgang mit Vergangenheit und dem nicht mehr ganz so taufrischen Alter der Figuren eingesprenkelt wird: Der frühere Schwarm Sven hat vielleicht Arthrose, Lolle steckt in der Klemme im Harzer Drogenlabor. Dort gibt es hier zwar ein Telefon, nur kann sie als Smartphone-Opfer natürlich keine Nummer mehr auswendig.

Im souveränen Umgang mit Gewesenem und Veränderung, der sich hier andeutet, hätte vermutlich eine Chance gelegen für eine gelungene Fortsetzung: Das Problem ist eben nicht, dass Lolle weniger rennt, weil sie jetzt als Geschäftsfrau Absätze statt Chucks trägt. Sondern dass der Film sie ausschließlich angestrengt in ihre eigene Vergangenheit laufen lässt. Als sie dort angekommen ist, ist er dann konsequenterweise auch vorbei.

Weil Fans das Ganze vermutlich trotzdem schauen werden, noch dies: Der Film ist sehr kurz mit nur 80 Minuten. Bleibt genug Zeit für das nächste Corona-Großprojekt. Parallel nimmt Netflix auch alle vier Staffeln von "Berlin, Berlin" ins Angebot. Die lohnen noch heute.

  • "Berlin, Berlin - der Film" und die vier Staffeln "Berlin, Berlin" sind bei Netflix abrufbar

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