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Berlin, das alte, bröckelnde Babel

Jörg Fauser über den neuen Thriller von Len Deighton: »Brahms Vier« Jörg Fauser, 39, Schriftsteller in Berlin ("Der Schneemann"), hat in diesem Frühjahr den autobiographischen Roman »Rohstoff« veröffentlicht. - Len Deighton, Jahrgang 1929, von dem in Deutschland unter anderem die Bestseller über den Luftkrieg »Bomber« (1971) und »Unternehmen Adler« (1978) erschienen, erregte zuletzt mit dem Roman »SS-GB« (1980) Aufsehen: Das Buch beschäftigt sich satirisch mit einem fiktiven Sieg der Nazis über England und malt sich dessen Folgen in »Was wäre gewesen, wenn«-Manier aus. *
aus DER SPIEGEL 19/1984

Manchmal flackern sie bei der Unterzeichnung von Wirtschaftsverträgen, der Vorbereitung von Ministergesprächen oder multilateralen Konferenzen über den Fernsehschirm - verschlossene Mienen, dunkle Anzüge, die Assistenten der Macht. Der Hintergrund ist ihre natürliche Folie, und wenn der naive Betrachter sie mit dem Saalschutz verwechselt, kann ihnen das nur recht sein.

Als dienstbare Geister der Mächtigen (oder derer, die sich dafür halten) sind sie viel hautnaher als diese den Verlockungen ausgesetzt, die die praktische Aufbereitung der Macht mit sich bringt, den Reizen ihrer Intimitäten, deren betörendste gewiß der Verrat ist.

Im Jahrhundert der Ideologien ist der Spion - abgesehen von den Marktanteilen, die ihm die neuen Medien auf dem Felde der populären Mythen zugeschanzt haben - längst dem unappetitlichen Ruch entwichen, der ihm noch zu Zeiten seines genialen Lehrmeisters Fouche anhaftete; doch bleibt der Verrat gerade auf den mittleren Stufen der Machtpyramide zweifellos auch heute noch ein Geschäft, bei dem das nackte Überleben oft genug das lukrativste Angebot ist.

Zum Beispiel Brahms Vier, in Len Deightons gleichnamigem neuen Thriller »die bestgehütete Quelle, über die wir in der DDR verfügen« - wir, der britische Geheimdienst. Brahms Vier, so erfahren wir, ist ein »Maulwurf«, gleich nach dem Krieg rekrutiert und erst dann aktiviert, als er in der DDR-Hierarchie weit genug nach oben geklettert war, nämlich an die Spitze der Notenbank, als Sekretär eines der Direktoren, mit Zugang zu allen Informationen über langfristige Kredite, Zahlungen an Moskau, Überweisungen des Comecon.

Aus seiner Quelle stammt gewiß nichts, weswegen man James Bond bemühen müßte, nur das harte Kleingeld, das für die geheimen Dienste lebensnotwendig ist. Um diesen Mann herum ist das wichtigste Netz der Briten in der DDR gruppiert, das einzige, das sie nach all den Desastern der letzten Jahre noch im Geschäft hält, wenn es inzwischen auch ein »altes und verschlissenes Netz« ist, dessen Mitglieder nur noch in die eigene Tasche zu wirtschaften scheinen mit diesen trüben Ost-West-Deals, dem Transfer von Geld, Waren, Menschen.

Alt und verschlissen scheint auch Brahms Vier, der jetzt Signal gibt, er wolle endlich raus aus der Kälte: »Letztendlich bekommen sie es alle mit der Angst zu tun ... Sie werden alt und müde und beginnen Ausschau zu halten nach einem Sack voll Gold und einem Haus auf dem Lande mit Rosen vor der Tür.«

Aber soll man ihn denn nun wirklich rüberholen? Zwei Jahre müßte er schon noch dranhängen, befinden die zuständigen Herren im Secret Service, jene »Schreibtischhengste« - so Bernard Samson, einst im Außendienst, inzwischen selbst leitender Angestellter in der Firma -, die nicht mehr wissen, was es heißt, Tag und Nacht Angst zu haben, weil sie nichts zu fürchten brauchen außer einer Überprüfung ihrer Spesenkonten.

Tja, und wenn Brahms Vier das alles nicht checkt und den »Jungs in der Normannenstraße« (nämlich bei der Stasi) seine Geheimnisse zu stecken versucht, dann allerdings müßte schnell gehandelt werden, und zwar von jemandem »aus Frankfurt«, und Samson weiß nur zu genau, was das heißt: XPD - zweckdienlicher Tod.

Samson hat natürlich ein weiches Herz für Brahms Vier, für das ganze zerschlissene Netz und Berlin überhaupt, sein Vater war ja schon bei der Firma, in Berlin stationiert, er kennt die Stadt gut und auch die DDR, Brahms Vier war es, der ihn damals in Weimar in letzter Sekunde gerettet hat, wie lange ist das nun schon her? Achtzehn oder zwanzig Jahre.

Samson ist der Firma sozusagen als Volontär beigetreten, ein Praktiker, keiner, der erst in Cambridge Sonette geschrieben hat, bevor er beim Geheimdienst landete. Selbst seine Ehe mit der schönen Fiona blieb in der Firma, seine Frau bekam jedenfalls auch gleich einen Job, schließlich arbeitete ihr Onkel schon für den Dienst, als der »noch wirklich geheim war«, da wurde Fiona natürlich auch nicht gerade auf Herz und Nieren überprüft.

Na und? Wer von denen, die jetzt das Sagen haben, ist denn etwas anderes als ein reiner Karrierist, der halt statt im Umweltministerium oder bei der EG in diesem Amt nach oben will und für den alle Außenagenten nichts anderes sind als Figuren auf dem Schachbrett seines persönlichen Ehrgeizes? Himmel, was sollten sie denn sonst sein?

Auch wenn man inzwischen die achtziger Jahre schreibt - und das mit der Detente war ja ohnehin etwas übertrieben -, der Kalte Krieg ist passe, Berlin eine Außenstation, die man am kurzen Zügel hält, und dieser Prolet Samson mit seinem kleinkarierten Haß auf den Kommunismus und das eigene Establishment zugleich ein purer Nostalgiker - ein Mann von Vierzig, dessen Zukunft die Vergangenheit war.

Allerdings, er ist nun mal der einzige, den Brahms Vier persönlich kennt. Der einzige, den Brahms Vier haben will. Auch wenn er ein bißchen aus der Übung ist, der einzige, der den Job machen kann. Und irgend etwas muß getan werden, jetzt, wo allmählich auch dem Langsamsten klar wird, daß das KGB mal wieder einen Agenten ganz oben im Secret Service sitzen hat.

Dieser neue Roman von Deighton - der erste einer geplanten Trilogie -

kommt also wieder auf Berlin zurück, auf das alte, bröckelnde Babel der geheimen Welt. Das goldene Zeitalter der Dienste, als allein in den Westsektoren der Stadt fast fünfzig mehr oder weniger geheime Apparate operierten, auch der Mauerbau und die spektakulären Aktionen der Fluchthilfeorganisationen hatten dem Genre der Spionageliteratur, des Polit-Thrillers zu einer Blüte verholfen, an die auch heute noch John le Carres »Der Spion, der aus der Kälte kam« erinnert - und, merkwürdig genug, nichts annähernd Gleichwertiges in unserer Literatur.

Seit der »Normalisierung« des politischen Gebildes West-Berlin hatten sich die einschlägigen Autoren anderen weltpolitischen Spannungsherden zugewandt, nun aber wieder Berlin, ganz entschieden Berlin - Wende auch hier, die Rückkehr der Ritter des Kalten Kriegs?

Mit dieser Elle sollten Bücher wie das von Deighton nicht gemessen werden, mit der neuesten Stimmung im Berlin der achtziger Jahre haben seine Figuren ohnehin nichts im Sinn. Die Grenzen sind ja sehr durchlässig geworden, für die kulturelle Schickeria auf beiden Seiten der Mauer gelten die Gesetze längst nicht mehr, nach denen anderswo auf Todesstreifen und in Gulags immer noch krepiert wird, es ist ein emsiges Techtelmechtel in diesem Berlin von Datscha zu Datscha, von Premiere zu Premiere, von Puff zu Puff, und auch die round tables sind stets gedeckt.

Für die Teilnehmer an dieser gesamtdeutschen Starparade gilt gewiß nicht mehr, was für den Agenten Samson heute erst recht gilt: »Ich hasse die Kommunisten und die unverbesserlichen Dummköpfe in diesem Land, die ihr Spiel spielen und glauben, sie seien lediglich tolerante, liberale Menschen.«

Der Spionageroman zieht naturgemäß die Grenzen zwischen den Systemen schärfer als die Habitues in der Paris-Bar, zu seinem Personal gehören immer noch Menschen, die wissen, was eine Diktatur ist und warum sie sie hassen - und warum sie die noch mehr hassen, die sich mit einer Diktatur, einer fremden Tyrannei gemein machen.

Aber dies war ja schon immer ein besonderer Zug an der Psyche der Intellektuellen, der fatale Hang zur Macht, zum Ritual der Unterwerfung, zur Verführung durch den Verrat, und es ist spannend, wenn auch deprimierend, die vielen Formen ihres Verrats in Berlin vor der eigenen Haustür studieren zu können - und dann bei Len Deighton (wenn schon nicht bei einem deutschen Autor seiner Klasse) nachzulesen, wie präzis sich dieser Verrat mit den Mitteln der Unterhaltungsliteratur beschreiben läßt, und wie sehr er schmerzt.

Verrat in allen Varianten - das könnte als Leitmotiv über dem umfangreichen Werk des 1929 in London geborenen Len Deighton stehen. Verrat - und der unerschütterliche Haß des Selfmademan auf das Establishment jeder Variante, aber besonders der britischen, die Samson kurz und bündig mit der sowjetischen gleichsetzt: »Unser Parteisystem heißt Eton und Oxbridge.«

Bevor Deighton zu schreiben begann, war er Angestellter der Eisenbahn, Soldat (und zwar Photograph beim Special Investigation Branch), Kunststudent, Flugzeugsteward, Illustrator, Werbemann. Sein erster Thriller »Ipcress - streng geheim« (1962) kreierte einen neuen Agententyp, eine Art Geheimdienst-Hipster, einen coolen Selfmade-Bogart im Swinging London der sechziger Jahre: ein Instant-Welterfolg. Mit Michael Caine verfilmt, begründete ein elegantes Thriller-Trio den Ruhm seines Autors, dem die große Presse und das große Publikum die Poesie seiner Prosa, die satten Detailkenntnisse, die raffinierten Plots und die ironisch gebrochene Härte seines Helden aus der Schreibmaschine fraßen.

Nach zwei Kochbüchern und einem London-Führer, dokumentarischen Kriegsbüchern und einem Hollywood-Roman meldete sich der Thriller-Autor Deighton in den siebziger Jahren mit Werken zurück, die, kaum weniger brillant als die ersten Welterfolge, zumindest hierzulande auf weit weniger Gegenliebe stießen: Auf dem Höhepunkt

der Entspannungseuphorie hatten sich die Reihen der Spionagefans erheblich gelichtet, auch Thrillerleser sind Friedensfreunde.

Nunmehr konfrontierte der geschichtsbesessene Amateurhistoriker Deighton seine Leserschaft mit einem Roman, der von der Annahme ausgeht, Großbritannien sei von den Nazis besetzt worden ("SS-GB"), und einem superharten Thriller ("XPD"), der mit der Möglichkeit spielt, Churchill und Hitler hätten sich während des Frankreich-Feldzugs 1940 zu Geheimgesprächen getroffen - eine historische Spekulation, bei der manchem Briten noch heute der Sherry im Mund vereist.

Nun also »Brahms Vier« (im Original »Berlin Game") und Len Deighton an der Mauer: Cold War Revisited? Auf alle Fälle dies: eine besonders abgefeimte Variante des Verrats, und ein Buch für alle, die mit Berlin mehr verbinden als ein Abstauberparadies für Schnellschußkapitalisten oder eine Abseitsfalle für Geschichtsaussteiger.

Bei Deighton macht immer wieder Vergnügen, wie genau dieser Autor recherchiert. So ist auch sein Berlin - im Gegensatz zu den diffusen Welten erhabenerer Literaten - jederzeit nachprüfbar, vom Hotel an der Kantstraße bis zum Pionierpark in der Wuhlheide, vom Geschmack frischer Schusterjungen bis zu den gefrorenen Momenten an der Mauer, an der die Agentenführer immer noch warten, denn für Spione gibt es keine befristeten Ausreisevisen. Nicht, weil sie besonders spektakulär wären, bleiben uns indes die Schauplätze in diesem Roman im Gedächtnis, sondern weil sie so genau beschrieben sind und nur über die Realität, den Menschen und seine Sache Emotionen wecken.

Beiläufig erfahren wir Berliner Stadtgeschichte, Kriegsgeschichten; beiläufig erfahren wir, warum es für Westagenten wichtig wäre, daß der Grenzverlauf an der Elbe weiterhin am DDR-Ufer bleibt; beiläufig erfahren wir, wie genau Deighton die Deutschen ("Wir Deutsche finden Bestätigung in der Unterdrückung") und die Berliner kennt ("In der Andeutung des Tragischen liegt etwas, das die Herzen der Berliner anrührt"). Beiläufig auch die Bemerkung, die der Agent Samson einmal macht, und die doch die geheime Beziehung zwischen seinem Metier und dem des Schriftstellers auf den Punkt bringt: »Ich werde dafür bezahlt, mir Dinge vorzustellen.«

Diese Dinge allerdings - und das trennt Deightons Agenten von vielen, die sich zum Schreiben berufen fühlen, um Frieden und Freude in die Welt zu bringen - sind niemals angenehm. Samson ist ein Musterbeispiel für die alte Definition, nach der ein Agent ein kontrollierter Schizophrener ist: »Es ist die übliche Art von Paranoia: Feinde überall und niemand, dem er vertrauen kann«, diagnostiziert einmal seine Frau (und Kollegin) Fiona die angebliche »Verrücktheit« von Brahms Vier.

Da kann Samson nur nicken: »Keiner von diesen Schreibtischhengsten wußte Bescheid. Mein Vater pflegte zu sagen: 'Der Preis der Freiheit ist ewiger Verfolgungswahn.'« Den Kommunismus haßt er, das eigene System kaum weniger, dennoch riskiert er sein Leben, hat es oft getan, um - ja, was? Um das System zu schützen? Sagen wir, vorsichtiger: Weil er eine fragwürdige Freiheit keiner Freiheit immer noch vorzieht. Aber Schizophrene schöpfen ohnehin aus anderen Gewißheiten: »Ich schlafe immer mit dem Gesicht nach unten; so bleibt es länger dunkel.«

Etwas fällt auf, wenn man einige Zeit über diesen Thriller nachdenkt - er ist der erste Deightons, vielleicht einer der ganz wenigen dieses Genres, in dem Amerikaner und Russen nur ganz am Rande auftreten. Engländer und Deutsche, vor allem Berliner - inmitten des Propagandagetöses, am Rand der Gletscher, die die Eiszeit markieren, als potentielle Erstschlagopfer eines nuklearen Weltkriegs glauben sie vielleicht besonders innig an die barmherzige Schizophrenie der Geschichte, an die Weisheit des Verfolgungswahns und an die einfachen Freuden der Freiheit, die freilich auch immer eine Doppelbedeutung implizieren: »'Ja, ich bin ein Berliner', sagte ich und dachte daran, daß auch Pfannkuchen Berliner genannt wurden.«

Jörg Fauser
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