Kultur-Öffnungsstrategie in Berlin Covid-Test ab acht Uhr morgens, abends ins Theater

In der Hauptstadt sperren das Berliner Ensemble oder die Philharmonie wieder auf: Bis zu 1000 Besucher im Saal, alle mit frischen Tests. Doch nicht alle Künstler sind überzeugt.
Szene aus der Inszenierung »Panikherz« nach Benjamin von Stuckrad-Barres Buch im Berliner Ensemble, Regie Oliver Reese

Szene aus der Inszenierung »Panikherz« nach Benjamin von Stuckrad-Barres Buch im Berliner Ensemble, Regie Oliver Reese

Foto: Julian Roeder / Berliner Ensemble

Das Berliner Ensemble macht mit einer Vorstellung von »Panikherz« am Freitag kommender Woche den Anfang. Als »in Deutschland einzigartig« und Beitrag für »ein unbeschwertes Besuchen von Kulturveranstaltungen« bezeichnet der Berliner Kultursenator Klaus Lederer ein am Donnerstag im Detail vorgestelltes Pilotprojekt, mit dem frisch getestete Besucherinnen und Besucher in Theater, Konzertsäle und Klubs eingelassen werden sollen.

Möglich sein wird der Kulturgenuss »in erster Linie für ein Testpublikum aus Berlin und Brandenburg«, so der Politiker, jeder Besucher erwirbt mit dem Kauf eines Tickets das Recht auf einen Gratistest in einem von fünf Berliner Testzentren. Der Test darf ab acht Uhr morgens jeweils am Vorstellungstag gemacht werden.

Das von Lederer präsentierte Angebot umfasst neun Veranstaltungen in der Zeit zwischen 19. März und 4. April, darunter ein für den kommenden Samstag angesetztes Sinfoniekonzert der Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko am Dirigentenpult, für das laut der Zeitung »B.Z.« bis zu 1000 Besucherinnen und Besucher erwartet werden.

»Differenzierte, ganz praktische Öffnungsszenarien«

»Wir können nicht immer nur auf Inzidenzen starren«, sagt Oliver Reese, der Intendant des Berliner Ensembles, »das Testen ist ein Gegenmodell«. In monatelangen Vorgesprächen mit Experten habe man die Details des Pilotprojekts festgelegt, das Testen des Publikums schaffe zusätzlich zu anderen Sicherheitsmaßnahmen »die Voraussetzung für wirklich sichere Veranstaltungen«. Zu den weiteren Regeln gehören etwa ein strenges »Einlassmanagement«, die Belüftung des Zuschauersaals, Sitzabstände im Schachbrettmuster und die Verpflichtung für die Zuschauerinnen und Zuschauer, während der gesamten Vorstellung eine medizinische Schutz- oder FFP2-Maske zu tragen.

Reese, 57, verweist auf Länder wie Spanien und Polen, in denen der Theaterbetrieb trotz der Bedrohung durch die Pandemie unter Sicherheitsauflagen weiterlaufe – dort räume man der Kultur offenbar einen großen Stellenwert ein. »Angesichts der Möglichkeiten, geschützt Kultur zu genießen, bin ich der Meinung, dass es falsch ist, unsere Orte mit pauschalen Inzidenzregeln de facto geschlossen zu halten, statt unsere unheimlich differenzierten, ganz praktischen Öffnungsszenarien anzuwenden.«

Reese ist zuversichtlich, dass das Publikumsinteresse nach dem jüngsten Lockdown nicht nur in seinem Haus enorm sein wird. »Viele Menschen äußern in Briefen und Mails ihr Bedürfnis, sich wieder real vor einer Bühne zu versammeln«, sagt der Theaterchef. In den Monaten der Pandemie seien die Theater in der Öffentlichkeit so oft Thema gewesen wie sonst nie. »Das hat doch gezeigt, dass unser Kulturbewusstsein als Nation vielleicht doch stärker ist, als manche glauben wollten.« Es gehe in Lederers Pilotprojekt nicht darum, wer bei den Öffnungen der Erste sei, findet Reese. »Wir müssen jetzt schlicht zeigen, dass es Wege aus dem Lockdown gibt, die gangbar sind.«

»Relevanz kann man nicht herbeibetteln«

Der Linkenpolitiker Lederer, 46, offiziell Berliner Senator »für Kultur und Europa«, gab sich in seiner Ankündigung »stolz darauf, dass beim Pilotprojekt Testing ein Schulterschluss unterschiedlichster Kulturinstitutionen der Stadt gelungen« sei. Unter anderem ist ein Konzert im zum Klubgelände Holzmarkt gehörenden »Säälchen« am 27. März angekündigt. In der Volksbühne soll am 1. April die Uraufführung »come as you are...« in der Regie von Armin Petras vor Publikum gezeigt werden. Und in der Staatsoper Unter den Linden will Daniel Barenboim am 2. April eine Neuinszenierung von Mozarts »Le nozze di Figaro« dirigieren.

Eher skeptisch blickt der Schaubühnen-Intendant Thomas Ostermeier auf die Öffnungsanstrengungen. »Ich finde es schön, neue Erfahrungen zu sammeln«, sagt er. »Und ich freue mich, wenn es klappt.« Beim Pilotprojekt Testing ist die Schaubühne nicht dabei. »Wir wurden auch nicht gefragt.«

Das Theater sperrt frühestens nach Ostern, abhängig von der Entwicklung der Inzidenzzahl, wieder auf. Für den Fall, dass man wegen eines über 50 liegenden Inzidenzwerts nach Ostern zum Testen gezwungen sei, habe die Schaubühne jüngst Mitarbeiter beauftragt, in Berliner Testzentren an verlässliche aktuelle Testtermine zu kommen. Leider seien Testslots erst in mehreren Wochen in Aussicht gestellt worden. Immerhin verspricht die Pilotprojekt-Ankündigung des Senators Lederer, die Besucherinnen und Besucher erhielten »nach dem Ticketkauf beim jeweiligen Veranstalter einen Link zu den teilnehmenden Testzentren und buchen dort eigenständig ihren Testtermin«. Ob das in den offenbar nur fünf teilnehmenden Testzentren wirklich klappt? 1000 Philharmoniebesucher an einem Samstag, das klingt sportlich.

Schaubühnen-Chef Ostermeier, 52, sieht auch einer möglichen längeren Schließung der Kulturbetriebe gelassen entgegen. Die Klagen vieler Theaterleute darüber, dass deutsche Politikerinnen und Politiker die Kultur in Zeiten der Pandemie als nicht wirklich relevant einstuften, findet er unverständlich. »Entweder man ist relevant für das Leben der Menschen. Oder man es ist es nicht. Das kann man nicht herbeibetteln.« Ostermeier erinnert an einen Satz des Dramatikers Heiner Müller aus dem Jahr 1995, in dem dieser forderte, man solle die Theater ruhig ein Jahr lang zusperren, »dann weiß man hinterher vielleicht, warum Theater«. Er selbst sei überzeugt, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer auch nach einer noch längeren Pandemie-Zwangspause bereitwillig ins Theater zurückkehren. »Und wenn sie es nicht tun, dann ist es sicher nicht die Schuld der Pandemie, sondern die Schuld des Theaters.«

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Tests der Besucherinnen und Besucher müssten am Vorstellungstag ab zwölf Uhr mittags erfolgen. Laut Pressestelle des Berliner Ensembles wurde die Zeit irrtümlich angegeben, Tests sind ab acht Uhr morgens zulässig. Wir haben die Stelle korrigiert.

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