Zur Ausgabe
Artikel 35 / 56

METEOROLOGIE Berliner Blasen

aus DER SPIEGEL 10/1964

Das Fernschreiben war am 31. Januar, 14.35 Uhr, in Westberlin abgesetzt worden. Es begann: »iqsy stratalert berlin stwrm...« und alarmierte alle großen Wetterstationen des europäischen Kontinents.

Die scheinbar geheimnisvollen Chiffren verkündeten den Wetterforschern zum drittenmal während des am 1. Januar gestarteten »Internationalen Jahres der ruhigen Sonne« (IQSY*) Stratosphären-Alarm (stratalert): Über der geteilten deutschen Hauptstadt war abermals die Stratosphäre warm geworden (stwrm).

Folge des Alarms war, daß von meteorologischen Stationen zwischen Narvik, Lissabon und Istanbul noch am selben Tag zahlreiche Radiosonden -Ballons und Wetterforschungsraketen in die Stratosphäre entsandt wurden. Ihre Instrumente sollten messen, wie weit sich die über Berlin beobachtete Warmluftschicht erstreckte, und damit eine meteorologische Erscheinung erforschen, die erst seit einigen Jahren bekannt und für das erdnahe Wettergeschehen von entscheidender Bedeutung ist: das »Berliner Phänomen«.

Normalerweise herrschen in der nahezu wolken- und wetterlosen, extrem dünnen Luft der Stratosphäre arktische Temperaturen. Über Berlin werden beispielsweise in 30 Kilometer Höhe fast gleichbleibend im Winter etwa minus 60 Grad, im Sommer minus 30 Grad Celsius gemessen.

Professor Richard Scherhag, Chef des Meteorologischen Instituts der Freien Universität Berlin, dachte denn auch zunächst an einen Übermittlungsfehler, als am Morgen des 23. Februar 1952 das Meßergebnis der täglich aufgelassenen Berliner Stratosphären-Sonde vor ihm lag:, Waren an den Vortagen in 30 Kilometer Höhe noch minus 48 Grad gemessen worden, so waren es diesmal nur minus zwölf Grad.

Eine Erwärmung der Stratosphäre um 36 Grad von einem Tag auf den anderen erschien dem Berliner Luft-Experten jedoch höchst unwahrscheinlich, und er entschloß sich, die Meßergebnisse für die Eintragung in das amtliche Journal nach eigenem Ermessen abzuändern: Statt minus zwölf Grad schrieb er minus 62 Grad.

Erst als die Höhen-Sonden auch an den folgenden Tagen - mitten im Winter - von hochsommerlichem Stratosphären-Wetter kündeten, entschieden sich die Berliner Meteorologen, diesen verblüffenden Meßergebnissen den Rang eines wissenschaftlichen Phänomens zuzusprechen:

Ähnliche Beobachtungen in anderen Ländern bestätigten wenig später die Existenz der ausgedehnten stratosphärischen Warmluftblasen - so etwa in Dänemark, in England und in den Vereinigten Staaten, wo die Erscheinung nach ihren Erstbeobachtern benannt wurde ("Berlin Phenomena"). Scherhag: »Wir sind natürlich stolz auf diesen Namen.«

Daß die Berliner Blasen in der Stratosphäre mehr als nur kuriose Randerscheinungen der irdischen Lufthülle sind, erkannten die Meteorologen erstmals im Januar vergangenen Jahres.

Am 25. Januar ließ die Großwetterlage über Europa - ein Tief über dem Nordmeer, ein Hochdrucksystem über Frankreich - die Wetterkarten-Deuter schon orakeln, die Kraft des Winters sei nunmehr gebrochen.

Zwei Tage später jedoch registrierten kanadische Radio-Sonden in der Stratosphäre einen sprunghaften Temperaturanstieg, wie er noch nie zuvor gemessen worden- war: In einer Höhe von 30 Kilometern, wo um diese Jahreszeit minus 83 Grad Celsius die Norm sind, registrierten die Sonden-Thermometer plötzlich Tauwetter: Sie kletterten auf null Grad Celsius.

Rasch wanderte der gigantische Warmluft-Wirbel nach Nordwesten weiter. In seinem Gefolge bildete sich ein Stratosphären-Hoch, das - Kilometer oberhalb der Erd-Wetterzone - gegen Island zog.

Schlagartig änderte sich Europas Wetter. Über dem Nordmeer, wo die Meteorologen seit Tagen ein beständiges Tief registriert hatten, »kam es zu einem ungewöhnlichen Druckanstieg« (Scherhag), und auf dem Kontinent stürzten die Temperaturen. Die Berliner Wetterwarte meldete 16 Grad unter Null; der Wetterbericht prophezeite: »Weitere Aussichten: sehr kalt.«

Scherhag: »Es fällt uns schwer, zwischen den beiden Phänomenen keinen Zusammenhang zu sehen.«

So unbestritten die Auswirkungen des Berliner Phänomens auf das erdnahe Wettergeschehen mittlerweile sind, so ungeklärt ist immer noch, wie es zu den enormen Temperaturanstiegen in der Stratosphäre kommt. Nur vage Deutungsversuche konnten die Wetterforscher bislang offerieren, etwa einen Zusammenhang mit verstärkter Sonnenfleckentätigkeit oder komplexe Wechselwirkungen zwischen erdnahen und stratosphärischen Luftschichten.

Durch internationale Zusammenarbeit während des »Jahres der ruhigen Sonne« hoffen die Wissenschaftler, nunmehr so viele Beobachtungen über das Phänomen zu sammeln, daß sich das Stratosphärenrätsel lösen und damit die Präzision der Wettervorhersagen verbessern läßt.

Nicht nur in Europa - in Wetterbeobachtungsstationen der ganzen Welt'stehen seit Beginn dieses Jahres Forschungsraketen und Ballon-Sonden im Wert von zehn Millionen Mark bereit, um auf ein Auslösungsstichwort hin ihre Instrumentenlast in die Stratosphäre zu heben. Sobald eines der drei Beobachtungszentren - Berlin, Washington, Tokio - das Auftauchen einer global bemerkenswerten Berliner Blase beobachtet, gibt Washington weltweiten Stratosphären-Alarm. Kennwort: »geoalert«.

* IQSY: Abkürzung für engl »International Quiet Sun Year«.

Wetterforscher Scherhag

Alarm im Jahr der ruhigen Sonne

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 35 / 56
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.