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FERNSEHEN / Telemann BERUFUNG

aus DER SPIEGEL 31/1960

Wenn Kinoportale, über denen

ein Star-Name groß geschrieben leuchtet, Verlassenheit atmen; wenn die publizistische Erwähnung dieses Namens erinnernder Zusätze wie »der bekannte« oder »die unvergessene« bedarf und wenn Filmillustrierten daraufhin in krokodilstränenfeuchte Vorwürfe ausbrechen ("von der Teenager-Welle hinweggespült"), dann weiß das dazugehörige Leinwand-Idol, wieviel es geschlagen hat, schultert sein Talent und geht zum Fernsehen.

Der Gründe für das Erlöschen des Filmstarglanzes gibt es viele, und nicht selten sind es gute Gründe: Wer sein Sach' auf nichts, will heißen auf anatomische Sonderlichkeiten oder interessante Wechselfälle seines, Privatlebens gestellt hatte, der sinkt nach gebührlicher Weile ins Nichts zurück. Wer, statt von Wogen der Begeisterung, vom Wagemut einzelner Querköpfe zu Hauptrollen-Ehren emporgetragen wurde, der muß in Kauf nehmen, daß ihm die Bezeichnung Spitzen -Star nicht mehr Wertschätzung einbringt als ein Adelsprädikat der Republik San Marino. Und wem es vergönnt war, dem Wunschtraumbild einer Epoche aufs Haar zu gleichen, der muß eben abtreten, wenn neue Epochen neue Leitsterne fordern.

Nur wer das Pech hatte, mehrmals in Filmen zu wirken, die auch ohne sein Zutun erfolglos geblieben wären, darf seinen Sturz vom Sternhimmel für unbillig halten - wenngleich er sich sagen müßte, daß sein Mißgeschick in einer Branche, die Ursache und Wirkung seit alters verwechselt, wenig verwunderlich ist (Telemann weiß zum Beispiel von keinem Fall, in dem ein Verfasser schlechter Drehbücher daran gehindert worden wäre, für gutes Geld noch schlechtere zu schreiben).

Daß unsere Ex-Idole nun die TV -Studios bevölkern, anstatt, wie ehedem, in die Schwerindustrie einzuheiraten, Schönheitssalons zu eröffnen oder die Bade- und Luftkurorte in Nord und Süd mit »einmaligen Gastspielen« zu überziehen, könnte zu der Annahme verleiten, das Deutsche Fernsehen sei rettendes Eiland der Gestrandeten, eine Art Ausgabestelle für öffentlich-rechtliches Gnadenbrot. Diese Annahme wäre falsch.

Obwohl sich die Anstalten, kraft ihrer Monopolstellung, derartige Exzesse der Mildtätigkeit gefahrlos leisten könnten, ist ihnen an solchem Sozialamt nichts gelegen. Sie wissen oder ahnen zumindest, daß ihnen die Technik ein ungleich höheres, nämlich das Richteramt zugespielt hat. Das heißt: Jeder Schauspieler, dem im Namen des Kinovolkes die Star-Würde aberkannt wurde, kann beim Fernsehen Berufung einlegen. Dort, vor der Elektronenkamera, hat er zum letztenmal die Möglichkeit, darzutun, worauf sein vormaliger Ruhm gegründet war. Und wenn aus den Jugendlichen Helden von einst inzwischen Charakterkomiker und aus den Salondamen Matronen geworden sind - ein biologischer Vorgang, der dem hiesigen Filmwesen ewig rätselvoll bleiben wird -, entscheiden Fernsehkamera und Fernsehzuschauer in letzter Instanz über Wert oder Unwert dieses Wandels. Es ist nicht Gnade, es ist Recht, was da vor aller Augen geschieht.

Auf diese Weise geriet Dieter Borsche, Rauschgold-Engel der Harald-Braun-Epoche, ins dankbare Uniformträgerfach, ertrotzte sich Sonja Ziemann die Befugnis, als »neue Ziemann« ins Filmgeschäft zurückzukehren, gelang es Lil Dagover zu beweisen, daß das Ebenmaß weiblicher Züge fast so hartnäckig sein kann wie der sächsische Dialekt. Und wenn das Hohe Gericht sich auch noch so sehr gescheut hätte, dem Eva-Braun-Biographen Luis Trenker mimische Eignung zu bestätigen - als Klettergeschichten -Erzähler im Jugendprogramm muß es ihn anerkennen.

Freilich endet nicht jede Verhandlung mit einem Freispruch. Ja, in manchen Fällen erschien einem das Urteil der Kinobesucher noch viel zu milde. Doch handelte es sich bei den Beklagten vornehmlich um solche Musenkinder, die, wenn sie im Anmeldebogen unter »Beruf« das Wort »Schauspieler« eintragen, vorsichtig Umschau halten, ob keiner lacht.

Ein Fall jedoch wog schwerer: der Fall Hildegard Knef. Hier war das Deutsche Fernsehen nicht mehr zweite, sondern bereits dritte Instanz, nachdem die »Hildegarde-Neff -Show« des BBC-Fernsehens (Oktober 1959) bei den Fernseh-Briten durchgefallen war. Wohlmeinende Berufskritiker gaben damals der BBC die Schuld.

Nun sollten 40 Minuten Cocteau ("Die geliebte Stimme«, 14. Juli) glattbügeln, was in 15 Jahren an Begabung, Hoffnung und Können zerknautscht worden war. Es wurde nicht glattgebügelt. Und abermals redeten Wohlmeinende mit Leichenbitterstimme ums Fettnäpfchen herum oder klagten den Regisseur Wild an (woran sie recht taten).

Mag sein, daß Hildegard bei der Wahl ihrer Regisseure, Filmstoffe, Fernsehspiele, Partner, Chirurgen, Choreographen und sonstigen Hilfswilligen keine allzu glückliche Hand bewiesen hat. Mag sein, daß es Zufälle gibt, deren üble Launen ein Jahrzehnt überdauern.

Dennoch möchte Telemann dafürhalten, daß das Urteil der letzten Instanz gerecht war. Und lehrreich obendrein. Zeigte es doch, wie wenig dazugehört, ein Talent zur Strecke zu bringen: ein Büschel Vorschußlorbeer, ein paar Vogel-Strauß -Kritiken und ein falsches Etikett.

Merke: »Mal sehen, ob ich in den Kleinstädten kein Geschäft bin« (Hildegard Knef vor ihrem Debüt im Deutschen Fernsehen).

telemann
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