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ILLUSTRIERTEN-STREIT Bescheidene Weisheiten

aus DER SPIEGEL 19/1961

Die Bilder-Zeitschrift »stern« darf künftig nicht mehr behaupten, daß die Frage »Wie schlafen Sie ein?« schlicht mit dem Slogan »Quick muß man lesen!« beantwortet werden könne.

Das ist der Inhalt einer Einstweiligen Verfügung, die der Verlag Th. Martens & Co. GmbH, München ("Quick"), gegen den Verlag Henri Nannen GmbH, Hamburg ("stern"), in der vorletzten Woche beim Landgericht München I erwirkt hat. Außerdem darf der »stern« nicht mehr verbreiten, »daß sich die 'Quick' in der Themenwahl laufend an die vom 'stern' behandelten Themen anhänge«.

Diese Verfügung war die Antwort auf eine Offensive, die vom »stern«, der auflagestärksten deutschen Illustrierten (verkaufte Auflage im 4. Quartal 1960, ohne Österreich: 1 259 097 Exemplare), gegen die im Rennen um die Publikumsgunst hart nachsetzende »Quick« (verkaufte Auflage: 1 202 215) mit einem bramarbasierenden Leitartikel eröffnet worden war.

In dieser »Lieber Sternleser!« überschriebenen Philippika wetterte Nannen, daß bei der Konkurrenz in München »das große Nachmachen« begonnen habe und »Quick« seine Erfolge der »stern«-Guckerei verdanke. Nannen warf den »Quick« -Journalisten vor, sie hätten

- den »stern« in der Aufmachung nachgeahmt ("Hatten wir den weißen Stern im roten Rechteck, setzte man dort das weiße 'Q' ins rote Quadrat"),

- das »stern«-Sittengemälde »Deutschland, Deine Sternchen« kopiert ("Quick« - Bericht: »Die große Masche") und überdies

- dem »stern« das Monopol auf Illustrierten-unübliche politische Themen ("stern« brachte einen KZ-Roman, der in Buchenwald spielt »Quick« berichtete über Auschwitz) streitig gemacht.

Als »Quick« schließlich Prominenten, etwa dem 85jährigen Kanzler Adenauer und dem 18jährigen Starlet Sabine Sinjen, die Frage »Wie schlafen Sie ein?« stellte - »stern« hatte zuvor gefragt: »Wer ißt was?« -, hörte Nannen im Geist den »Einmarsch der Plagiatoren«.

Der strenge »stern«-Wärter Nannen formulierte sein Verdikt, und »Quick« ging vor Gericht. Die Einstweilige Verfügung gegen den »stern« und die damit verbundene Strafandrohung - Geldstrafe in unbeschränkter Höhe und Haftstrafe bis zu sechs Monaten - kamen freilich zu spät.

Die Nummer 17 des »stern«, in der Nannen die »Quick«-Leute gerüffelt hatte, war nämlich bereits an den Kiosken und der inkriminierte Brief-Leitartikel außerdem in der noch nicht ausgelieferten Lesezirkel-Auflage des »stern« (187 290 Exemplare) durch eine Plauderei über die Sorgen der Autofahrer ersetzt worden. Wären die Artikel nicht ausgewechselt worden, hätte der »stern« gegen die Einstweilige Verfügung des Münchner Gerichts verstoßen.

Damit war der Illustrierten-Krieg zwischen Hamburg und München allerdings noch nicht beendet. Der copyright-erpichte Nannen hatte nämlich in seinem Steckbrief gleich auch noch die Münchner »Revue« aufs Korn genommen. Einer der »Revue«-Fehltritte, die der »stern«-Souverän monierte, bestand darin, daß »Revue« nach dem »stern«-Ärzte-Roman »Ich schwöre und gelobe« den Roman »Der Chefarzt« herausgebracht hatte.

Außerdem: Nannen war es gelungen, den »Revue«-Mitarbeiter Diether Stolze (Mercator) als Autor für die Serie »Sternleser, dein Geld!« zu gewinnen. In seinem Fehde-Leitartikel zeigte sich der »stern«-Chefredakteur baß erstaunt, daß derselbe Mercator hinterher auch die »Revue«-Leser über den Umgang mit Geld belehrte.

»Revue« antwortete auf die Vorwürfe aus Hamburg ungleich heftiger als »Quick": Sie stellte gegen Henri Nannen Strafantrag wegen Beleidigung, übler Nachrede, Verleumdung und unlauteren Wettbewerbs. »Revue« fühlte sich besonders durch folgende Nannen -Auslassung getroffen:

Seitdem ich jede Woche an dieser Stelle meine bescheidenen Weisheiten verzapfe, gibt es wenige Journalisten in Deutschland, denen der »Revue«-Verleger nicht schon angeboten hat, In seinem Blatt an gleicher Stelle zum »Lieben Revueleser« zu sprechen. Journalisten von Charakter dünkten sich zu schade für diese Imitation.

Das Nannen-Foul mochte die »Revue« nicht hinnehmen, weil die Zeitschrift keineswegs des Kolumnisten entbehrt. Die Brief-Leitartikel schreibt der Anonymus Tribunus. Demaskierte Nannen diesen Tribunus: »Das Verlegenheitskind heißt... schlicht Dr. Kurt Faßmann.«

Sowohl der »Revue«-Verleger Kindler und der »Revue«-Chefredakteur Stammler als auch der »Revue«-Leitartikler Faßmann nahmen die »stern«-Eruptionen übel und riefen das Gericht an.

»Revue« ließ den Tribunus witzeln: »Nannen baut sich wie ein schlecht ausgeschlafener UvD (Unteroffizier vom Dienst) vor der Illustrierten-Front auf und brüllt in die Gegend, er habe alles erfunden, was es heute in Zeitschriften gibt - das Inhaltsverzeichnis, die Kolumne, die Romane und Jacqueline Kennedy«.

Und die in der Anti-»stern«-Kampagne mit »Revue« verbundene »Quick« fand es spaßig, in einem schwarzumrandeten Nachruf von »Freund Henri Nannen als Gesprächspartner Abschied« zu nehmen.

»Quick« versprach höhnisch, »sein (Nannens) Andenken in Ehren zu halten«, und zitierte in dem Abgesang feierlich den Großen Brockhaus: »Der Wahn ist meist zu einem in sich logischen System ausgebaut und durch Gegeneinwände nicht zu entkräften.«

»Quick« und »Revue« hatten in ihrem Defensiv-Krieg gegenüber dem selbstherrlichen »stern« anfangs keine schlechten Stellungen bezogen, zumal Nannen mit der Behauptung, der »Liebe Revueleser« wäre ein Abziehbild des »Lieben Sternlesers«, souverän die Zeitungsgeschichte negierte, die den Leitartikel in Briefform seit langem kennt.

Zudem konnten »Quick« wie »Revue« dem Nannen bequem vorhalten, daß auch der »stern« in der Vergangenheit durchaus nicht ohne Ideen-Anleihen auskam. Die »stern«-Chancen in einem Rechtsstreit schließlich sind angesichts so eindeutig herabwürdigender Nannen -Formulierungen wie »Imitation« und »Plagiat« keinesfalls die besten.

So mußte Nannen gelegen kommen, daß eine der von ihm abgewerteten Zeitschriften sich einen Gag ausdachte, der alle »stern«-Tiefschläge unterbot: »Revue« konterte mit einer Karikatur, die ein WC zeigte. Ein Zeitungsblatt mit Henri Nannens gepflegtem Kolumnen -Konterfei ersetzte das Klo-Papier.

Zu diesem Ausweichen ins Latrinen -Terrain kam noch eine nicht minder peinliche journalistische Fehlleistung: Auf der »Revue«-Zeichnung stand lediglich der Name »Henri Nannen«, im Tribunus-Leitartikel wurde nur vom »stern«-Chefredakteur (ohne Namensnennung) gesprochen. Die Münchner Kontrahenten setzten mithin voraus, daß nicht nur die »stern«-Leser, sondern auch die »Revue«-Leser genau wissen, wer der deutsche Illustriertenkönig ist.

»Revue«-Karikatur: Nachruf auf einen Freund

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