Samira El Ouassil

Heiligabend in Deutschland Der tragikomische Sinn des Fests

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
»Pass auf, dass im Geschenkpapier kein Geldschein mehr ist!« Irgendwie merkwürdig, diese deutsche Bescherungskultur. Zwölf Dinge, die ich in einer persönlichen Feldstudie über Weihnachten gelernt habe.
Foto: sakchai vongsasiripat / Getty Images

Hallo in die Runde, ich heiße Samira und ich feiere seit zwei Jahren Weihnachten. (Im Chor: »Hallo Samira.«) Aufgrund der amerikanisch-marokkanischen Herkunft meiner Eltern war ich zuvor einfach nie wirklich in die deutsche Bescherungskultur eingeführt worden, obwohl ich in Bayern zur Welt kam und mit Christkindlmärkten aufgewachsen bin.

Im dreiköpfigen Haushalt der El Ouassils wurden die Feiertage zwar aus Höflichkeit vor den hiesigen Traditionen bestmöglich simuliert, aber wegen eines gut gelaunten Atheisten-Argwohns die überbordende Religiosität auf den kleinsten Nenner reduziert. Wir aßen an diesem Tag in erster Linie nur mehr als sonst und beschenkten uns auf eher unspektakuläre Weise mit Dingen, die von Geburtstagen übrig blieben.

Das volle, nach Tannenbaum riechende, in Bio-Lametta-Ersatz verhedderte, mit goldenen wiederverwendbaren Schleifen verpackte (»Pass auf, dass im Geschenkpapier kein Geldschein mehr ist!«) und mit rot-weißen zuckerfreien Stangen verzierte Programm lernte ich erst als Erwachsene kennen. Durch die Familie meines Freundes sowie durch meine ganzen bewundernswert erwachsenen FreundInnen, die nun inzwischen alle selbst eigenständige Weihnachten feiernde Familieneinheiten geworden sind, ist das Christenfest nun auch bei mir angekommen, wie Halloween bei Grundschülern.

Seitdem muss ich gestehen: Ich kann dem Inszenierungswillen des Brauchs sehr viel Magie abgewinnen. Folgendes habe ich in meiner Feldstudie über den tragikomischen Sinn dieses Festes als Feuertaufe des sozialen Zusammenhalts gelernt:

  1. Je nachdem, wie man es mit den Kindern vereinbart hat oder ob man Katholik oder Protestant ist, aber im Grunde ist das auch egal, kommt an Heiligabend entweder der Weihnachtsmann oder das Christkind. Einer der beiden (bei Scheidungskindern manchmal sogar beide) bringt Geschenke, um den Geburtstag eines spirituellen, sozialkritischen Zombie-Philanthropen zu feiern, der als Kind das eingangs erwähnte Christkind war und Sohn einer kosmologischen Entität ist. Der Weihnachtsmann indes ist unter anderem eine von Niederländern in die USA exportierte Version unseres am 6. Dezember kommenden Nikolaus, »Santa Klees«, der dann wiederum aus den USA als »Santa Claus« zurückkam. (Coca-Cola hat übrigens nicht durchgesetzt, dass er rot ist.) Außerdem stellt man sich einen zauberhaft geschmückten Baum ins Wohnzimmer, der aber weder mit Jesus noch dem Weihnachtsmann was zu tun hat und der Katholiken lange Zeit so suspekt war, dass er in Kirchen verboten war.

  2. In der Familie meines Freundes wird traditionell mit einem verschlossenen Weihnachtsbaumzimmer gearbeitet, das erst am Heiligen Abend mit dem zarten Erklingen eines kleinen Glöckchens (»das Christkind«) geöffnet und dann ähnlich wie bei einem Anti-Terror-Swat-Team-Einsatz gestürmt wird. Das ist der besinnliche Teil des Abends.

  3. Es gab während meiner Weihnachtslehrzeit zudem den beständigen Versuch, aus der großzügigen, christlichen Flut an Geschenken ein weniger konsumorientiertes Fest zu machen, was aber zu Beginn an Höflichkeit scheiterte. In einer mehrgenerationellen Großfamilie jemanden mit dem Argument von Ressourcenschonung unbeschenkt zu lassen, brachte einfach keiner übers Herz.

  4. Das Schenken musste vorab mithilfe von Listen, Excel-Tabellen und WhatsApp-Gruppen organisiert werden, was sehr aufwendig war, weshalb man zum Wichteln überging, wo man nun mithilfe von Listen, anonymen Losverfahren, Excel-Tabellen und E-Mails nur eine Person beschenkt. Neben der Reduktion der Geschenke – und somit des Konsums – sollte diese Änderung auch vor allem dazu dienen, sich mit mehr Sorgfalt mehr Gedanken darüber zu machen, womit man der gezogenen Person eine echte Freude bereiten könnte, statt die Schwippschwager mit einem Dutzend uniform gekaufter Budget-Geschenke für Menschen von 12 bis 99 zu überhäufen, die immer entweder ein Hörbuch oder ein Duschschwamm sind. Somit ist das Wichteln eine Kulturtechnik, die den Kapitalismus in Schranken weisen und dabei zugleich das familiäre Miteinander stärken soll.

  5. Unabhängig vom Wichteln bekommt ein Kind offenbar im Schnitt immer 56 Geschenke, bei deren mehrstündiger Öffnung alle Anwesenden selig zuschauen, um bei jedem Päckchen dem beschenkten Kind die Arbeit abzunehmen, sich für die Gaben zu begeistern.

  6. Zu Beginn empfand ich, als naive Weihnachtsanfängerin, die ich war, den manchmal dramatischen Unmut über vermeintliche Fehlschenkungen als furchtbar undankbar. Aber man versteht diese Frustration des Glücks vielleicht dann doch am besten mit Rousseau, der in der Nouvelle Héloïse schrieb: »Wehe dem, der nichts mehr zu wünschen hat! Er verliert, sozusagen, alles was er besitzt. Man hat weniger Genuss von dem, was man verlangt, als von dem, was man hofft, und man ist nur glücklich, ehe man glücklich ist.«

  7. Der Satz »Man schenkt sich dieses Jahr nichts Großes« ist übrigens eine Falle. Genau genommen ein Test, um den Weihnachtswillen zu prüfen, durch welchen man nur durchfallen kann.

  8. Mydays- und Jochenschweizergeschenke sind wiederum tankstellengerecht verpackte Versionen von »Ich schenke dir, ein anderer Mensch werden zu können«. Man kann sich nietzscheanisch darüber freuen (Endlich darf ich der pralinenkochende Fallschirmspringersommelier werden, der ich im Grunde meines Herzens schon immer war!) oder aus Rache und Kränkung vorschlagen, Gesellschaftsspiele zu spielen.

  9. Gesellschaftsspiele sind unabdingbar, denn Brett- und Kartenspiele verhalten sich zum Familienstreit wie Fußball zu Krieg. So wie der Sport ein Ersatz für zerstörerische Konflikte zwischen den Nationen ist und diplomatische Spannung auf spielerische Weise kanalisiert wird, gilt bei Gesellschaftsspielen, dass man sich liebevoll anschreien darf – DU BIST NOCH NICHT DRAN, ARMIN, DU HAST EINE VIER GEWÜRFELT UND DEN ASCHENPUTTELSCHUH GEZOGEN, EINE VIIIIIIER UND DEN SCHUUUUH, GUCK DOCH MAL INS HANDBUCH –, ohne dass man sich danach scheiden oder enterben muss. Jetzt verstehe ich auch, warum Gesellschaftsspiele so heißen – denn ohne sie wäre Gesellschaft nicht denkbar. Die bereinigte Katharsis umherfliegender Spielsteine ersetzt jede Familienaufstellung.

  10. Familiäre Tischgespräche sollten im Gegensatz zu Gesellschaftsspielen nie der Lösung von Sachverhalten dienen, sondern immer der solidarischen Verwaltung von Verwunderung über die Welt.

  11. Als verlässlicher Harmonie-Indikator erweist sich die Prozentzahl des Smartphone-Akkus am Ende des Tages. Um Spannungen wie Beulen im Teppich glatt zu klopfen, werden Konflikte und Friktionen aus feiertäglicher Diplomatie genau unter diesen gekehrt, und irgendwie arrangieren sich alle alle Jahre wieder damit. Es gibt, wie Philosophieprofessor Stéphane Floccari in seinem Buch »Weihnachten überleben« analysiert, nicht nur ein in etlichen Weihnachtsfilmen karikiertes Unbehagen in Bezug auf das Fest, sondern auch eine dankbar angenommene, fast erwünschte Verdrängung, die »unter dem ungeheuren sozialen, kulturellen und historischen Apparat lauert«, den wir Weihnachten nennen, der wir uns gleichzeitig jedes Jahr wieder stellen wollen und müssen. (Ich habe aber unverschämtes Glück, der Akku steht in der Nacht vom 24. immer bei etwa 87 Prozent.)

  12. Was also das Finden und Feiern der eigenen Traditionen und Familienrituale sowohl im Kleinen, aber auch historisch auf großem Maßstab veranschaulicht: Weihnachten ist neben dem fröhlichen Zeremonienkitsch, der inszenierten Religionsperformanz und der hemmungslosen Hedonismusangebote eine Projektionsfläche für die existenziellen Ängste, die man am dunkelsten Tag des Jahres haben kann: Kälte, Düsternis und Einsamkeit. Das Zelebrieren einer solchen Nacht ist also auch eine mit Festtagsessen prall gefüllte Metapher für die gemeinsame Überwindung dieser sonnenlosen Zeit. Und darin liegt mutmaßlich auch der Sinn dieser Festlichkeit, in der kalendarisch synchronisierten verwandtschaftlichen Zuneigung und Aufmerksamkeit, um dann tatsächlich versehentlich echte verwandtschaftliche Zuneigung und Aufmerksamkeit zu erleben. Es ist in diesem Sinne aber nicht mal das viel zitierte »Fest der Familie«, sondern vor allem das Fest der Suche nach Geborgenheit. Das fast tribale Sich-gemeinsam-Freuen auf die Rückkehr von Licht und Wärme macht diese heidnische Advent-Chimäre, dieses Patchwork aus Folklore, Religionspolitik und Kaufreizen trotz oder gerade deshalb zum Fest der Feste – man feiert das Miteinander-Feiern. Was ich in meinem Weihnachtsvolontariat also nun verstanden habe: Als symbolische Zeremonie der Zuversicht ist es, ob persönlich oder digital, vielleicht genau jetzt, genau in diesem Jahr das perfekte Fest, um 2020 zu beenden. Frohe Weihnachten!

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