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Ausstellungen Beschützende Drohung

Der eine »weint«, der andere »verurteilt": In Düsseldorf wird aktuelle Kunst aus Israel ausgestellt - mit wütend kritischen Akzenten.
aus DER SPIEGEL 6/1991

So ist die Kunst: Auch Gewalt und Schrecken geraten ihr leicht zur zierlichen Attrappe, und ein eleganter Rahmen dafür ist jederzeit verfügbar.

Aber seine unbestreitbare Brisanz hat es doch, das geschmackvoll-postmoderne Wandrelief von Arnon Ben-David aus Tel Aviv. Wie auf einem Altar hält es die Spielzeugversion einer Maschinenpistole hoch. Es deutet damit kühl auf jene Wirklichkeit, der das Plastik-Sinnbild entnommen ist, und fragt nach dem Verhältnis zwischen Realität und Kunst. Der Werktitel, in Großbuchstaben aufgemalt, lautet sarkastisch: »Jewish Art«.

Das ist nicht der einzige schrille Ton in einer Ausstellung, die durch den Golfkrieg fatal aktuell geworden ist: Bis 17. März zeigt die Düsseldorfer Kunsthalle »Israelische Kunst um 1990«. 16 Künstler und eine Künstlergruppe sind mit gut 100 Werken beteiligt. Das Spektrum reicht von elegisch-schönen Kranz-Motiven und Keramikurnen des mit ironischem Respekt so genannten »Nationalkünstlers« Moshe Gershuni, 54, bis zu den aggressiven Bild-Formeln des 40jährigen Ben-David.

»Gershuni weint für uns, Ben-David verurteilt«, so schreibt die Kunsthistorikerin Sara Breitberg-Semel im Katalog*. Der Jüngere gehört zu einer israelischen Künstlergeneration, die nicht nur ihr eigenes Tun in radikale Zweifel zieht, sondern sich auch, erstmals, heftig gegen herrschende Traditionen und Ideologien ihres Landes wendet. Höhnisch erklärt Ben-David die Preis-Steigerung für ein Gemälde zum »Letzten Gericht«, er stellt Holzwürfel mit dem Buchstaben He (als tabuisierte Bezeichnung für Gott) vor seine Tafeln _(* Verlag DuMont; 280 Seiten; 48 ) _((Buchhandelsausgabe 86) Mark. ) und pöbelt: »Fuck the State.«

Israelische Kunst sei nicht mit jüdischer Kunst gleichzusetzen, betont Ausstellungskuratorin Doreet LeVitte Harten, die israelische Frau des Düsseldorfer Kunsthallendirektors. Sie hat nach Qualitätskriterien ausgesucht, konnte dabei nicht ändern, daß nur eine Frau und nur (aber immerhin doch) ein Araber den Maßstäben genügten, und sie würde ihre seit Monaten fixierte Teilnehmerliste auch unter aktuellen Vorzeichen nicht ändern wollen.

So läßt die Ausstellung den alten zionistischen Wunschkonflikt zwischen »Unverwechselbarkeit« und »Normalisierung« (Breitberg-Semel) durchscheinen, zwischen jüdischem Selbstverständnis und internationaler West-Orientierung. Sie spiegelt zugleich die Gegensätze einer Gesellschaft, die spätestens durch die palästinensische Intifada bitter polarisiert worden ist. Der Alptraum des Hitler-deutschen Holocaust wird allenfalls verhalten beschworen wie bei Gershuni. Bildmotive aus zwei Hemisphären mischen sich.

Ein Star der Szene ist Motti Mizrachi, 44, dessen Vater aus Persien, dessen Mutter aus dem Irak stammt. Mizrachi geht an Krücken, und so ist er - unter der Last eines großen Foto-Selbstporträts - 1973 die Via Dolorosa in Jerusalem entlanggehumpelt: ein Jesus-Nachfolger, ein leidender jüdischer Messias. Mizrachi kann sich, Ausnahme im kleinen Israel, von seiner Kunst ernähren. In Düsseldorf hat er einen eigenen Raum für ein sinnbeladenes Environment, dafür reiste er auch zur Eröffnung vorletzte Woche an, während der Raketenkrieg viele Kollegen zu Hause festhielt.

Ein »Mondtempel« soll es sein, dessen Teile Mizrachi teils daheim, teils in Deutschland aus Metall hat gießen lassen. Der große Trichter in der Raummitte ist gedacht, numinose Energien aufzufangen und dem Gestirn zuzuleiten, das als Riesenschallplatte verkörpert ist. Nahebei liegt aber auch ein großer Meßstab bereit, das Werkzeug der Ratio. Babylonische Kult-Visionen gehen, freilich mit mehr Aufwand als Überzeugungskraft, in eine Art Science-fiction über.

Denkbar schlichter Kontrast: die zunehmend düsteren Gemälde, auf denen der Araber Assim Abo-Shakra, voriges Jahr erst 29jährig gestorben, nichts als je einen Kaktus im Blumentopf dargestellt hat. Immer wieder das entwurzelte stachlige Wüstengewächs - »Selbstbildnisse« (LeVitte) eines Israeli auf der Suche nach seiner Identität?

Untergründige Spannungen deuten sich noch bei scheinbar beliebigen, abstrakten Formen an, und sei es im Werktitel. Michael Gitlins postfuturistische Holzskulpturen voll zerstörerischer Energie heißen etwa »Improvisierter Unterstand« oder »Beschützende Drohung«. Den gemalten Flächenmustern von Tsibi Geva liegen Motive wie das Kopftuch arabischer Herkunft ("Kufija") zugrunde, sein Terrazzo-Design »Balata« teilt den Namen mit einem Flüchtlingslager im Westjordanland.

Zeitungsfotos aus der Sphäre alltäglicher Gewalt liefern David Reeb die Vorlagen etwa für »Schwarzweißgemälde mit Hubschrauber« oder »mit Augenbinde« - rüde Schreckensbilder, denen der Künstler, bisweilen auf derselben Leinwand, die geläuterte Heraldik von Schriftzeichen und Firmenlogos entgegensetzt. Doch Palästinenser-Elend wird auch direkt auf Fotos (von Micha Kirshner und Alex Levac) anschaulich: hier, madonnengleich, eine Mutter mit Kind im Lager, dort Kinder um ein Denkmal versammelt, das ein naiver Bildhauer ihren toten Altersgenossen errichtet hat.

Nicht zuletzt durch ihre kritische Haltung macht die israelische Kunst in Düsseldorf Eindruck. Die Ausstellung soll sich Ende des Jahres auch in Jerusalem dem Publikum stellen, zuvor aber, vom 26. April an, im Zentralen Künstlerhaus in Moskau. Denn sie ist als Teil einer erstaunlichen »Binationale« konzipiert und bildet das Gegenstück zu einer »auch sehr engagierten« (Kunsthallendirektor Jürgen Harten) sowjetischen Kunstschau. Die steht für den 12. April in Düsseldorf, später in Jerusalem auf dem Programm.

Zumindest im Plakat- und Katalog-Design werden David- und Sowjetstern einander verblüffend ähnlich. o

* Verlag DuMont; 280 Seiten; 48 (Buchhandelsausgabe 86) Mark.

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