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ERZIEHUNG / SCHULVERSAGER Bestraftes Krächzen

aus DER SPIEGEL 26/1967

Sie hassen und sie schlagen ihn. Seine Lehrer strafen, Mitschüler verachten, Eltern prügeln ihn.

Er ist Zielscheibe für aufgestaute Aggressionen seiner Klassenkameraden und das Objekt, an dem der Lehrer seine eigenen Mißerfolge abreagiert: der schlechte Schüler -- Opfer mangelhafter Pädagogik.

Wie wenig Verständnis bundesdeutsche Lehrer für die Misere sogenannter Schulversager aufbringen, verdeutlicht eine Untersuchung, die Elfriede Höhn, 52, Professorin für Pädagogische Psychologie an der Wirtschaftshochschule Mannheim, unternahm und jetzt veröffentlichte*.

Material ihrer Analyse:

> 28 Lehrer und sieben Lehrerinnen aller Schulzweige beschrieben in freier Rede bis zu drei ihrer schlechtesten Schüler. 90 Charakterbilder kamen so zustande.

> 1000 Volks-, Mittel- und Oberschüler aus elf Schulen Baden-Württembergs verfaßten -- durch Bildvorlagen angeregt -- Aufsätze über das Schicksal eines schlechten Schülers.

Als die Mannheimer Wissenschaftlerin Lehrer- und Schüleräußerungen verglich, mußte sie konstatieren: Deutsche Schüler -- gute wie schlechte -- be- und verurteilen den Schulversager mit denselben Denkklischees wie ihre Lehrer.

Schlechte Schulleistungen, so lautet die gängige Formel, wurzeln in bösartiger Faulheit, mithin in einem Charakterfehler; der schlechte Schüler ist als moralisch minderwertig abgestempelt. Damit aber ist er bei dem noch immer auf Schuld und Strafe eingerichteten Primitiv-Denken der meisten deutschen Pädagogen -- dazu verurteilt, Versager zu bleiben.

Als Ausnahme, als atypische Abweichung vom Klischee des schlechten Schülers gilt allenfalls der fleißige Dumme, der beim besten Willen nicht mehr leisten kann.

Aber gerade hierin zeigt sich, wie Elfriede Hohn bemerkt, der »optimistische Glauben an eine Welt ... in der die Tugend belohnt und das Laster bestraft wird«. Auch in der Schule gilt Erfolg als Lohn des Guten, Mißerfolg als Strafe für den Bösen.

Schon vor einem halben Jahrhundert hatte der deutsche Pädagoge Aloys Fischer diagnostiziert, solche Betrachtungsweise entspringe weitgehend einer »instinktiven Notwehr des Lehrers": Statt eigenes pädagogisches Versagen einzugestehen, gebe der Magister »lieber einem rätselhaften angeborenen Widerstand des Schü-

* Elfriede Höhn: »Der schlechte Schüler«. R. Piper & Co. Verlag, München; 240 Seiten: 15,80 Mark,

lers gegen Belehrung und Arbeit« schuld an dem Versagen.

In der Tat sind offenbar nur wenige Lehrer zu sachlichem und nüchternem Urteil über Leistungsversager imstande. Nicht mehr als vier Prozent der von Elfriede Höhn gesammelten Lehrer-Äußerungen über schlechte Schüler waren wertfrei und neutral formuliert; nur aus einem Drittel der Persönlichkeitsbilder sprachen Nachsicht und Verständnis.

Fast zwei Drittel der Schilderungen hingegen verrieten eine abwertende, oft von heftigen Haßgefühlen durchsetzte Haltung. Beispiel: »Sie hat eine unangenehm krächzende Stimme Die Schrift war in sich regelmäßig, wirkte aber auf den ersten Blick unsympathisch, widerlich.«

Mitunter wirkt das festgefügte Vorurteil andersherum: Empfindet der Lehrer einen Schüler als unsympathisch, so erwartet er von vornherein schlechte Leistungen -- oder provoziert sie gar.

Das fand Elfriede Höhn in verräterischen Wendungen bestätigt, mit denen die befragten Lehrer ihre schlechtesten Schüler charakterisierten; nur widerwillig räumten sie einzelne gute Leistungen ein und machten deutlich, daß die Lichtblicke nicht ins Bild passen:

> »Was mich schon gewundert hat, daß er relativ gut liest.«

> »Also im mündlichen Unterricht war ich manchmal verblüfft über die rege Mitarbeit und die absolut brauchbaren Beiträge des Schülers.«

Gelegentlich ließen die befragten Lehrkräfte durchblicken, daß sie Provokationen von Schülern, die das Pädagogen-Prestige erschüttern, mit schlechten Zeugnissen ahnden. Symptomatisch ist die Klage über einen 16jährigen Mittelschüler:

> »Der Bub weiß immer alles besser. Er ist immer dagegen, aus Prinzip. Dann hat er noch so eine quäkige Stimme. Er ist unglaublich belesen. Das benützt er, um prinzipiell gegen alles, was der Lehrer sagt, zu sein.

Vor allem Frechheit und Faulheit zählen nach dem offenbar festgefügten Lehrer-Aberglauben zu den verbreitetsten Ursachen des Schulversagens -- obgleich die Psychologen längst nachweisen konnten, daß diese Verhaltensstörungen keineswegs typische Ursachen, sondern im Gegenteil die Folgen eines Versagens sind: Reaktionen des Kindes auf Mißerfolg und Überforderung.

Mangelhafte psychologische Kenntnisse zum Schaden ihrer Schüler bescheinigt Elfriede Höhn deutschen Lehrern auch auf dem Gebiet der Gruppendynamik, der Erforschung des Verhaltens in kleinen Gruppen.

Die Beobachtung, daß Schulversager häufig von ihren Mitschülern als Außenseiter gehänselt werden, dient den Schulpädagogen meist nur zur Abrundung des Vorurteils vom abstoßend minderwertigen Charakter des Schülers. Typische Lehrer-Kommentare: »Auch die Mitschüler distanzieren sich von ihm«; »Bei den Kameraden ist sie auch nicht beliebt«; »Das Mädchen steht nicht in der Gemeinschaft«.

Um so geläufiger ist den Lehrern die Milieu-Theorie des Schulversagens: Kommt ein schlechter Schüler aus sozial niedrigem Milieu, macht er gar einen ungepflegten Eindruck, dann trägt, so meinen sie, das Elternhaus die Schuld an seinem Versagen.

Die Mannheimer Pädagogik-Psychologin fürchtet, daß viele Lehrer dieses Vorurteil womöglich noch umkehren und von Kindern aus sozial wenig begünstigtem Elternhaus ohnehin nichts Gutes erwarten. Zwar, so meint Kritikerin Höhn, werden die Lehrer in einem solchen Fall kaum die Noten bewußt drücken. Aber auch sogenannte unbewußte Erwartungseinstellungen des Lehrers können sich auswirken: Wie die Psychologin Maria Zillig 1928 in Diktatheften nachzählte, übersehen Lehrer bei guten Schülern durchschnittlich 25 Prozent mehr Fehler als bei schlechten.

Das Stereotyp vom faulen und bösen schlechten Schüler wird freilich auch von den Betroffenen, den Schülern, bereitwillig akzeptiert. In den Schüleraufsätzen, die das typische Schicksal eines Lernversagers schildern sollten, entdeckte die Psychologin ebenfalls den Widerschein jenes Weltbildes, in dem das Gute belohnt und das Böse bestraft wird. Offenbar teilen die meisten Mitschüler die Aggression des Lehrers gegen den Versager -- im Gegensatz zu der gängigen Erwachsenen-Meinung, daß sich der Haß der Klasse gegen den Primus richte.

Nur einige Schüler sahen den wechselseitigen Zusammenhang zwischen Schulleistung und Ansehen in der Gruppe, ein Aspekt, der den Lehrern gewöhnlich entgeht:

> »'Du bist ein Taugenichts und wirst nie etwas werden. Du bist nur zu faul dazu.' So hatte der Lehrer gesagt. Aber war es wirklich so? Der Junge wollte nichts mehr von der Schule wissen, denn er haßte seine Kameraden, und sie haßten ihn.«

> »Er sitzt alleine, keiner will mit ihm spielen, lernen und Schulaufgaben machen. Er steht unter dem Druck seiner Lehrer, seiner Eltern und seiner einstigen Kameraden ... Dieser Schüler sieht sein junges Leben von vornherein schon als mißglückt an.«

Die sozialpsychologische Einsicht dieser Schüler, so resümiert Elfriede Höhn, ist besser als die ihrer Lehrer.

Der Heftigkeit der Aggressionen, die von den Lehrern entfacht und von den Schülern übernommen werden, entspricht die Angst, die auf dem schlechten Schüler lastet. Er fürchtet seine Lehrer, seine Kameraden, am meisten aber seine Eltern:

> 39 Prozent der Aufsatzschreiber erwarten als typische Reaktionen der Eltern auf den Mißerfolg Ermahnungen, Schläge oder Verbote;

> nur acht Prozent erwarten Trost und Hilfe.

Angst flößt vor allem auch die nebulose Drohung ein, der Versager müsse in ein Erziehungsheim, ein Internat oder gar die Hilfsschule eingewiesen werden. Die Hilfsschule gilt als Bewahranstalt für hoffnungslos Dumme oder Strafanstalt für besonders Faule, als Symbol des verpfuschten Lebens.

Angst aber, so erwies die Höhn-Studie von neuem, beherrscht -- trotz besserer Einsicht moderner Pädagogik -- weithin Deutschlands Klassenzimmer: Klassenarbeiten und Zeugnisverteilung, das fand die Professorin in den gesammelten Schüler-Äußerungen bestätigt, zählen noch immer »zu den schwersten Belastungssituationen des Schullebens«. Angesichts der damit verbundenen Furcht und Aufregung fragt sich die Autorin, »ob der Schaden, den diese Art der Leistungskontrolle anrichten kann, nicht größer als ihr Nutzen ist«.

Einige der Aufsatzschreiber erfanden Geschichten, in denen von Verzweiflung und Fortlaufen die Rede war, mitunter gar von Selbstmord. Oft, so notiert Elfriede Höhn, trugen »diese Schilderungen ... den Stempel eigenen Erlebens«. Die Professorin las sie, wie sie bekundet, »nicht ohne eine gewisse Ergriffenheit«.

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