Zum Tod von Bettina Gaus Die Selbstbestimmte

Unsere Kolumnistin Bettina Gaus wusste stets, was sie will – und was nicht. So hat sie im Leben alles erreicht.
Ein Nachruf von Stefan Kuzmany
Bettina Gaus zu Gast in der Talksendung »Maischberger«, September 2019

Bettina Gaus zu Gast in der Talksendung »Maischberger«, September 2019

Foto: Christoph Hardt / IMAGO / Future Image

»Kurz telefonieren?«

Die SMS kam gerne mal kurz vor Mitternacht, und sie war immer eine grobe Untertreibung. Mit Bettina Gaus telefonierte man nicht kurz. Man stellte sicher, dass ausreichend Rauchwaren zur Hand lagen, man goss sich ein Glas Wein ein, man machte es sich bequem. Denn jetzt folgten amüsante Stunden. Zunächst ging es um den konkreten Anlass, einen Text etwa, über den sie sich überaus gefreut hatte, gerade weil er eine gänzlich konträre Ansicht vertrat als ihre eigene, dann schnell weit darüber hinaus, ums Grundsätzliche, bald auch ums Persönliche, und wie immer auch gerne und ausführlich um Klatsch, um Promiklatsch, um Branchenklatsch, um privaten Klatsch. Mit niemandem konnte man so gut klatschen wie mit Bettina Gaus.

Worüber und wen genau? Das muss verschwiegen werden. Ganz oben auf der langen Liste der Tugenden, die Bettina Gaus auszeichneten, standen Diskretion und Loyalität. Sie wusste genau, mit wem sie was teilen wollte, welchen Namen sie nennen, welchen sie verschweigen sollte, sie kannte die richtige Dosis. Wie gerne hätte man ihre Memoiren gelesen, mit all den erlebten Anekdoten. Ungezählte große und kleine Geheimnisse nimmt sie mit ins Grab. Man konnte sich nicht nur in dieser Hinsicht auf sie verlassen.

Obwohl Bettina Gaus stets von der Richtigkeit ihres Standpunkts überzeugt war, musste niemand ihrem Rat folgen. Sie folgte ja auch keinem.

Bettina Gaus, geboren 1956 in München, Absolventin der Deutschen Journalistenschule, Afrika-Korrespondentin, Chefin des »taz«-Parlamentsbüros, dort jahrzehntelang politische Korrespondentin, wegen ihrer brillanten Analysen gefragte Gesprächspartnerin beim Radio und in zahlreichen Talksendungen, zuletzt glänzende Kolumnistin des SPIEGEL, war vor allem ein überaus sozialer Mensch. Sie interessierte sich wirklich für die Menschen, mit denen sie zu tun hatte, und diese dankten es ihr mit Vertrauen und Freundschaft – auch wenn und gerade weil die Freundschaft mit Bettina Gaus nicht bequem war. Sie hörte genau zu, sie fragte und dachte nach, und dann sagte sie ihre Meinung. Ganz wie ihre Kolumnen fiel diese nicht immer zum Vergnügen des Gegenstands ihrer Analyse aus. Das war aber kein Problem, denn immer war selbst die schärfste Kritik von tiefer Herzlichkeit getragen. Und obwohl sie stets von der Richtigkeit ihres Standpunkts überzeugt war, musste niemand ihrem Rat folgen. Sie folgte ja auch keinem. Insbesondere sanfte Ermahnungen zu einem vielleicht ein wenig gesünderen Lebenswandel lehnte sie brüsk ab.

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Bettina Gaus war ein vollkommen selbstbestimmter Mensch. Mit großer Liebe und Engagement bewahrte sie das Andenken ihres Vaters, des großen Journalisten und Diplomaten Günter Gaus, doch nie war sie nur die Tochter, sondern selbst eine der tonangebenden Journalistinnen der Bundesrepublik, die wohl wichtigste Stimme der »taz«, und als Dozentin prägend für viele Generationen von Journalistenschülerinnen und -schülern. Sie weigerte sich, ihre wahrscheinlich gut gefüllte Stasi-Akte zur Kenntnis zu nehmen, denn sie wollte sich nicht die Biografie diktieren lassen von freud- und geistlosen Geheimdienstbürokraten. Und sie weigerte sich, ihr Leben von der Krankheit bestimmen zu lassen.

Bis zuletzt residierte Bettina Gaus auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer, telefonierte, rauchte, empfing Gäste, trank ein Glas Wein, und debattierte mit Kenntnis und Witz die politische Lage. Am liebsten jedoch sprach sie stolz von den beruflichen Fortschritten ihrer Tochter, einer Menschenrechtsanwältin. Das Kind mit den besten Möglichkeiten in die Welt geschickt zu haben, das betrachtete sie wohl als ihre größte Leistung. Sie hat im Leben alles erreicht, was sie sich vorgenommen hatte. Bettina Gaus starb als zufriedener Mensch.

Zurück bleiben wir anderen, die gerne noch mehr von ihr gehabt hätten: noch einen Kommentar, noch eine Kolumne, noch eine Anekdote, noch etwas Klatsch. Und noch einmal kurz telefonieren.

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