Zur Ausgabe
Artikel 65 / 80

TV-AFFÄREN Bewegender Augenblick

Eine Kölner »Mai-Revue« parodierte Kohl und Reagan bis zur Kenntlichkeit - die Bundesregierung verlangt eine offizielle Entschuldigung der ARD. *
aus DER SPIEGEL 19/1985

Am Tag als der Reagan kam, versündigte sich das deutsche Fernsehen schwer gegen den Geist der Bitburger Versöhnung.

Eine »Mai-Revue« stand auf dem ARD-Programm. Drei Stunden lang, von 10 bis 13 Uhr, ging sie über den Sender. »Nachdenkliches und Unterhaltsames«

war aufgeboten worden zum Tag der Arbeit. Von Maikäfern, Maibowle und Maibäumen, von der Walpurgisnacht war launig die Rede, aber auch vom Arbeitslosen-Elend.

Sorgenvoll fragte der WDR-Moderator Hansjürgen Rosenbauer, »ob der 1. Mai noch einen Inhalt hat«. Unterm Spruchband »Proletarier aller Länder, vereinigt euch« schmetterte der Männerchor von Klöckner-Humboldt-Deutz ein offensives »Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus«.

Doch dann, gegen 11.30 Uhr, wurde die besinnliche Arbeiter-Wohlfahrtsfeier jäh unterbrochen. Der Airport Köln-Wahn rückte ins Bild, Ronald Reagan war gelandet. Huldvoll lächelte Frau Nancy, im regnerischen Polar-Wind hielt Hans-Dietrich Genscher mühsam die Ohren steif. Und während das Gipfel-Paar nach Schloß Gymnich entschwebte, avisierte im TV-Studio der Sprecher Rosenbauer, zur allgemeinen Verblüffung, ein Telephon-Interview mit dem transatlantischen Staatsschauspieler; auch Kanzler Kohl werde sich fernmündlich äußern.

Standphotos der beiden Herren wurden eingeblendet, und Rosenbauer legte los: »Are you really going to go to Bitburg?« Gewiß, »Mr. Rossenbauer«, antwortete eine vertraute Stimme, »as I promised my good friend Helmut«. Ungehalten, unverkennbar pfälzisch, tönte es aus der anderen Leitung, Bitburg sei doch »in diesem bedeutsamen Moment wirklich kein Thema«, ein »ganz bewegender Augenblick« sei nun »die gute Landung« des Präsidenten, und er »bedaure zutiefst, in dieser bewegenden Stunde nicht leibhaftig« bei dem hohen Gast sein zu können. In Kürze werde er »mit dem japanischen Präsidenten Nakasone«, der, »wie er mir gerade erzählt hat, 1945 Krevetten-Kapitän gewesen ist«, eine Rheinfahrt nach Boppard unternehmen, jedoch »während dieser Fahrt auf Deutschlands Lebensader« dem Herrn Reagan »im Herzen und in Gedanken verbunden sein«.

Die TV-Zuschauer hatten sich weder geistig noch moralisch von dieser ergreifenden Bewegungstherapie erholt, als - auf Leitung 1 - der amerikanische Freund das Wort ergriff: Bitburg und Bergen-Belsen wolle er nur im Hubschrauber überfliegen, »I will then fly on to West-Berlin, fly over Spandau Prison and greet Rudolf Hess«. Rosenbauer guckte entgeistert, im anderen Hörer krähte vergnügt des Kanzlers Stimme: »Eine ebenso überfällige wie noble Geste«, allerdings, »um dies mal richtigzustellen«, habe Reagan nicht Hess gemeint, sondern den Widerstandskämpfer von Hassel. Im übrigen sei die Reise in den Bitburger Luftraum »eine ausgezeichnete Sache: Auch über Gräber hinwegfliegend, bleibt es eine Aussöhnung über Gräbern«.

Spätestens jetzt, Rosenbauer sah es richtig, mußten die Zuschauer »bei ihrem Frühstücksei zusammengezuckt sein«, und es war höchste Zeit, den Verstörten im Lande zu erklären, daß es sich hier um »unautorisierte Satire« gehandelt hatte - um ein parodistisches Schelmenstück, treffsicher, komisch, frech, den Originalen täuschend ähnlich. Der in Deutschland lebende schwarze US-Entertainer Ron Williams imitierte raspelig-rauh den Reagan, den Kanzler sprach ein altbekannter Kohl-Darsteller, Stephan Wald.

Aber Rosenbauers »deutlicher Satire-Vorbehalt« konnte den nun aufbrausenden Entrüstungssturm nicht dämpfen. Der WDR hatte, so sahen es viele, mit dieser Majestätsbeleidigung einen gewaltigen Mai-Bock geschossen. Hunderte protestierten nach dem Wald-Meisterstreich telephonisch gegen dieses »geschmacklose Kabarett«, die »roten Faschisten« gehörten »alle verprügelt«. »Bild« entlarvte »politischen Schwachsinn«, der konservative »Münchner Merkur« machte die konspirativen Wühlmäuse im »Linkskartell« für die »plumpe Unverschämtheit, dummdreiste Brüskierung des amerikanischen Präsidenten« verantwortlich.

Und natürlich ging auch ein Aufschrei durch die Welt der Politik. FDP-Generalsekretär Haussmann legte, kurzzeitig, seine tarifpolitischen Steckenpferdchen beiseite und resümierte: »Ein Skandal«. Bernhard Worms, CDU-Chef in Nordrhein-Westfalen, sprach fassungslos von einer »unglaublichen Beleidigung«. In München fragte sich der als Medienkritiker unersetzliche Edmund Stoiber: »Muß sich denn der Bayerische Rundfunk vom WDR alles gefallen lassen?«

Näherliegend ist die Frage, ob der Moderator (und WDR-Kulturchef) Rosenbauer heil aus dieser Provinz-Posse herauskommt. Die ARD-Hierarchen haben ihm zunächst Flankenschutz gegeben, ausgenommen der WDR-Chefredakteur Gerd Ruge, dem die Sendung wegen »geschmackloser und peinlicher Ausrutscher« mißfiel. In der Schaltkonferenz der Chefredakteure, letzten Donnerstag, wurde - so Rosenbauer - die »Mai-Revue« als »absolut tolle Leistung« gewürdigt. Sogar Heinz-Werner Hübner, das Gummibärchen auf dem Kölner TV-Direktorenstuhl, warf sich schützend über seinen tapferen Rossenbauer. Der Sketch sei eine zulässige »kritische Reflexion« gewesen, leider »zum Teil als Beleidigung« des US-Präsidenten empfunden worden. Reagan selbst, der im amerikanischen Fernsehen viel bissiger verspottet wird, und seine Berater hatten offenbar keinen Anstoß an der Sendung genommen.

Über Rosenbauers berufliche Zukunft wird an diesem Montag entschieden. Dann tagt, auf Antrag aller Beleidigten, der WDR-Verwaltungsrat in einer Sondersitzung. Und es sieht finster aus für den Moderator.

Letzten Freitag verlangte - ein beispielloser Pressionsversuch - die Bundesregierung für die »angebliche Satire«, die dem »Ansehen der Bundesrepublik Deutschland geschadet« und »unseren Gast beleidigt« habe, eine offizielle Entschuldigung der ARD - und damit praktisch Rosenbauers Kopf. Zur selben Zeit, übrigens, erklärten die Bonner Gipfel-Teilnehmer in einem Kommunique: »Wir sind stolz darauf, daß die Menschen in unseren Ländern frei sind, zu sagen und schreiben, was sie wollen.«

Oder ist das etwa auch Satire? _(Rosenbauer, Williams, Wald. )

Rosenbauer, Williams, Wald.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 65 / 80
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.