Samira El Ouassil

Ausbeutung an Unis Hört auf Hanna!

Samira El Ouassil
Eine Kolumne von Samira El Ouassil
Seit Wochen beschweren sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über die Arbeitsverhältnisse an deutschen Unis. Die Reaktion von Bildungsministerin Anja Karliczek zeugt von schockierender Geringschätzung.
Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU): Hoffentlich kommt sie irgendwann zu einer realistischeren Selbsteinschätzung.

Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU): Hoffentlich kommt sie irgendwann zu einer realistischeren Selbsteinschätzung.

Foto: Bernd von Jutrczenka / picture alliance/dpa

Zu den schrecklichsten Redewendungen der deutschen Sprache zählt zweifellos »Lehrjahre sind keine Herrenjahre«. Man kann diese Phrase aus der Hölle so schön spöttelnd altklug aufsagen. Sie ist eine Totschlagbehauptung, um jeglichen Einwand gegen prekäre Ausbildungsverhältnisse im Keim zu ersticken. Aus ihr spricht eine »Nur die Harten kommen in den Garten«-Attitüde, die Karriere als einen Wettkampf interpretiert, in dem man sich nicht nur qualifizieren, sondern seine eigene Position erkämpfen muss. Dabei müssen Mitbewerberinnen besiegt werden, die mit kürzerem Atem bleiben auf der Strecke.

Für Menschen, die solche Sätze nicht nur sagen, sondern an sie glauben, scheint die systematische Ausnutzung von Berufsanfängerinnen zu einem normalen Lebenslauf dazuzugehören. Im Grunde ist es immer noch dieselbe Logik wie im Falle von vorsintflutlichen Schiffsjungenknechtverträgen: Man muss erst mal in Vorleistung (und auch in Vorkasse) gehen, um irgendwann später mal die vage Aussicht auf eine adäquate Behandlung und Entlohnung zu bekommen. Irgendwo hinterm Horizont geht es bestenfalls weiter.

Auch in der Wissenschaft und an deutschen Universitäten ist diese Form der Ausbeutung in institutionalisierter Form zu finden, festgeschrieben durch das sogenannte »Wissenschaftszeitvertragsgesetz« (WissZeitVG). Dieses sorgt vor allem für permanente unsichere Arbeitsverhältnisse für den wissenschaftlichen Nachwuchs, für Doktoranden im Mittelbau wie Postdoktoranden, da es akademischen Arbeitgebern gestattet, Stellen dauerhaft befristet zu halten.

Unter dem Hashtag #IchbinHanna  erzählen seit Mitte Juni Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die gerade promovieren oder promoviert haben, von ihren Arbeitsbedingungen, von ihrem Leben in einem Limbo zwischen Vertröstung, Versprechen und Verbrauch.

»Ich bin Alina, 27. Bis 2050 könnten antibiotikaresistente Keime zur weltweit häufigsten Todesursache werden. Ich forsche im Rahmen meiner Promotion zu Antibiotika produzierenden Bakterien –> für neue Antibiotika. 2 Jahre steht die Finanzierung, danach ALG I? #IchBinHanna«

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»Ich bin Barbara, Germanistin, Postdoc, seit 12 Jahren befristet auf der gleichen (halben) Stelle. Leite das Theater an meiner Uni (eigtl Vollzeitjob), für eigene Forschung keine Zeit. Überarbeitet & müde. Alleinerziehende Mutter. Aktueller Vertrag = wohl der letzte. #IchBinHanna«

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»Ich bin Marcel, 39, Politikwissenschaftler, promoviert, habilitiert. Ich forsche zur Stabilität von Demokratien und den Auswirkungen des Populismus. Ich habe über 12 Jahre Erfahrung in der universitären Lehre. Das BMBF ist froh, wenn es mich los ist. #IchbinHanna«

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Initiiert hatten diesen Hashtag Dr. Amrei Bahr (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf), Dr. Kristin Eichhorn (Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Privatdozentin am Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Paderborn) sowie Dr. Sebastian Kubon (Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Geschichte der Universität Hamburg), die 2020 bereits die Aktion #95vsWissZeitVG  anstießen.

Hanna wiederum ist eine animierte Figur aus einem launigen, inzwischen gelöschten Erklärbärvideo aus dem Jahr 2018 des Bundesministeriums für Forschung und Bildung, das das Wissenschaftszeitvertragsgesetz erläutert . Anhand der fiktiven Biologin Hanna wird erklärt, wie ihre Befristung dafür sorge, dass »nicht eine Generation alle Stellen verstopft«. Denn, so erfahren wir, das sorge für mehr Fluktuation, und die fördere die Innovationskraft.

Dass diese Arbeitskräfte auch günstiger sind und die einzige Art, den Wissenschaftsbetrieb am Laufen zu halten, erwähnt das Video nicht.

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Man könnte der Meinung sein, dass diese Debatte nur eine kleine Berufsgruppe betreffe und es daher übertrieben sei, sie in einer Kolumne zu erwähnen. Nichts liegt einem ja so fern wie das Klagen der anderen. Wenn man jedoch wahrnimmt, wie das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die zuständige Ministerin Anja Karliczek auf sie reagiert, wird einem bewusst, was für ein krudes, ausbeuterisches Verständnis von Wissenschaft, Bildung und allgemein von einem beruflichen Vorankommen hier als vertretbar verkauft wird.

Die wirklich Harten finden immer einen Garten?

Denn in einem am Dienstag veröffentlichten Gespräch mit dem Physik-Nobelpreisträger Reinhard Genze im Rahmen der Gesprächsreihe des Bildungsministeriums »Karliczek trifft« erklärte die Ministerin – und man muss sich das wirklich anschauen, um es zu glauben  –, dass im Grunde das Problem der befristeten Arbeitsverträge nicht die Verträge seien, sondern die Arbeitnehmer, die ihre Fähigkeiten nicht realistisch einschätzen . Sprich: Die wirklich Harten finden immer einen Garten.

Euphemistisch könnte man im Sinne dieser Einlassung also behaupten: Die Kritik an der Unterbezahlung rührt allein aus einer Selbstüberschätzung – was in einem nächsten Gedankenschritt jedoch bedeuten würde, dass systematische Unterbezahlung und Befristungen legitim sind und nur aus der Perspektive der Selbstüberhöhung Einzelner, die nicht genug leisten oder unterqualifiziert sein sollen, als unzureichend empfunden werden.

Karliczek behauptet, dass man nach einer realistischen Selbsteinschätzung ja mit dem »Doktorvater« (eine Vokabel, die ebenso obsolet ist wie ein vorsintflutlicher Schiffsjungenknechtvertrag) gemeinsam über die »Anschlussverwendung« nachdenken könne.

In Kombination mit der Vokabel schockiert mich, mit welcher Geringschätzung eine Bildungsministerin über Menschen sprechen kann; diese Vorstellung von vermeintlich eitlen Akademikern und Akademikerinnen, die »Stellen nicht verstopfen« und »anderweitig verwendet« werden sollen.

Daraus spricht nicht nur eine Abwertung den Forschenden gegenüber, sondern auch gegenüber der Forschung an sich. Und das von der Forschungsministerin. Hoffentlich kommt sie irgendwann auch zu einer realistischeren Selbsteinschätzung.

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