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Bhagwan: Der Gott der Aussteiger steigt aus

SPIEGEL-Reporter Erich Wiedemann über die düsteren Perspektiven im weltweiten Sanyas-Imperium *
Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 41/1985

Wenn der Gouverneur in Portland auf Joanne Boies vom Verband der Christlichen Frauen von Oregon gehört hätte, dann wäre das Bhagwan-Problem heute gelöst; dann wären die Jünger des Erleuchteten von einer Abteilung Kavallerie aus ihrem Tal vertrieben worden, und der Spuk wär' vorbei.

Doch Mrs. Boies' Initiative für das »Gesetz gegen die fremden Kulte« blieb in der Legislative stecken. In den Vereinigten Staaten herrscht Religionsfreiheit. Und daß Bhagwan Shree Rajneesh ein KGB-Agent sei, wie Rechtsanwalt Garry McMurray behauptete, oder auch nur die »Nummer fünf im Generalstab des Teufels«, wie Mrs. Boies erfahren haben wollte, das war nicht zu beweisen.

Die nach ihrem äußeren Habitus so genannten »roten Ratten« haben ganz ohne Baugenehmigung mitten im ehemaligen Indianerland eine Stadt gebaut. Viele von ihnen werden verdächtigt, sich die Aufenthaltserlaubnis durch Scheinheiraten erschlichen zu haben. Selbst Bhagwan, der Göttliche, schert sich den Teufel um die amerikanischen Einwanderungsbestimmungen. Trotzdem haben die Behörden sein Fort nicht schleifen können.

Im Gegenteil: Nachdem Ma Anand Sheela, seine Generalbevollmächtigte, sich Mitte September mit rund einem Dutzend Führungskräften des Rajneesh-Konzerns in die Bundesrepublik absetzte, mußte die Staatsgewalt außer gegen Bhagwan auch noch gegen Bhagwan-Dissidenten tätig werden.

Nach Bhagwans Angaben hat Sheela im Keller ihrer Residenz in »Jesus Grove« ein Giftlabor betrieben. Das Teufelsweib, sagte er, habe einen Giftanschlag auf ein benachbartes Bauerndorf vorbereitet, das Wasserreservoir eines anderen Dorfes mit Salmonellen verseucht und ferner einen Kommunarden angewiesen, mit einer Sportmaschine einen Bombenangriff gegen das Landgericht in Portland zu fliegen.

Landrichter George Nelson vom Provinzgericht Wasco hat sieben Fahndungsgruppen mit jeweils sechs Mann im Einsatz. Sie ermitteln wegen des Verdachts auf »Verschwörung, Mordversuch, Anschlag des ersten und vierten Grades« sowie ganz allgemein auf »organisiertes Verbrechen« (racketeering).

Wasco County in Oregon ist Grenzland. Wo es dem Staat an Durchsetzungskraft gebricht, da nehmen die Bürger das Gesetz gegebenenfalls selbst in die Hand. Eine Woche nachdem Mrs. Boies' Vorlage gescheitert war, wies der Vorstand des »Gipsy-Jokers-Motorrad-Club« in einem Tagesbefehl seine Mitglieder an, Fahrzeuge aus der Bhagwan-Kommune zu rammen oder von der Straße abzudrängen, wo sie sie antreffen. Zu Beginn der letzten Jagdsaison verschickte eine anonyme Bürgerwehr einen Merkzettel mit Ausführungsbestimmungen zur Bejagung von Sanyasin.

Darin hieß es unter anderem: »Es ist verboten, die roten Ratten mit mehr als 700 Jägern gleichzeitig zu bejagen, für die Jagd mehr als 50 Hunde innerhalb einer Gruppe einzusetzen, Munition von weniger als Kaliber 25 oder 00-Doppeljagdmunition zu benutzen.« Mit dem Auto erlegte Sanyasin seien nicht als Beutestücke zu verwenden, sondern hätten für die Präriehunde liegenzubleiben.

Die Staatsanwaltschaft, die nach der Herkunft des Pogrompapiers fahndete, hält für möglich, daß die Autoren in Rajneeshpuram sitzen. Sheela war unablässig damit beschäftigt, Abwehrsysteme für echte und vermeintliche Gefahren zu ersinnen. Sie kaufte Maschinenwaffen en gros und organisierte die totale Überwachung mit Videokameras, Abhöranlagen und Helikopterobservierung.

Wo es an greifbarer Bedrohung haperte, da half Sheela der Wehrbereitschaft mit verbaler Kraftmeierei auf die Sprünge. Gefahr macht solidarisch und vertieft das Gemeinschaftserlebnis. Das Prinzip ist seit langem aus dem west-östlichen Rüstungswettlauf bekannt.

Vor einem öffentlichen Auftritt des Meisters im Juli sprang Sheela aufs Podium, schlug klatschend auf ihren Revolver und schrie: »Es ist ein Mörder im Saal. Aber ich warne ihn: Bevor er gezogen hat, ist er ein toter Mann. Ich bin eine Tigerin.«

Alles absurdes Theater. Natürlich wollte niemand dem Meister ans Leder. Aber die Stimmung war wie im alten Rom, bevor die Löwen auf die Christen losgelassen wurden.

Panikmache als Mittel zum Zweck der moralischen Aufrüstung hat Sheelas Flucht überdauert. Vergangene Woche ließ die Pressestelle in Rajneeshpuram das Gerücht streuen, in Portland stehe die Nationalgarde Gewehr bei Fuß, um Rancho Rajneesh zu stürmen. Es sei stündlich mit der Verhaftung des Meisters zu rechnen. Staatsanwalt Dave Frohnmayer freilich wußte von keinem Haftbefehl.

Noch im März hatte Sheela erklärt, sie werde »die Bulldozer mit Blut bemalen«, wenn sie kämen, um Rajneeshpuram zu planieren. Auch Bhagwan bekräftigte seine Entschlossenheit, dem Feind notfalls mit Gewalt zu trotzen.

Bhagwan erzählt viel, wenn er rhetorisch erstmal richtig auf Touren gekommen ist. Er fabuliert von Gott und der

Welt, von Krieg und Frieden, von Freud und Leid, alles kunterbunt durcheinander, mal so, mal so. Mit dem psychedelischen Schnack, der in Sheelas früherer Wohnung einen ganzen Bücherschrank füllt, läßt sich argumentativ so gut wie jede These belegen - ebenso wie die jeweilige Antithese. »Es gibt Fragen«, spricht der heilige Bhagwan, »die sind mir tausendmal gestellt worden, und ich habe tausendmal eine andere Antwort darauf gegeben.«

Nur auf ganz wenige Fragen hat Bhagwan immer einheitliche und eindeutige Antworten gegeben. Zum Beispiel auf die Frage nach der »schönen Kunst des Sterbens«, wie er es nennt. Sterben und Tod haben ihren festen Platz in seinem eschatologischen Heilsmodell. Die Faszination des Todes, so predigt der Meister, sei »der Superorgasmus, den man sich nicht entgehen lassen darf«. Selbstmord sei der natürliche Abschluß eines erfüllten Lebens. Und: »Wenn ich gehe, werden viele mit mir gehen.«

Nein, er fordert niemanden auf, ihm in den Tod zu folgen. Aber wer in und im Umkreis von 24 Meilen um Rajneeshpuram sterbe, werde »automatisch erleuchtet«.

Die Botschaft wurde verstanden, wie sie gemeint war. Teertha, einer seiner bedeutendsten Vasallen, hat neulich erklärt: »Wenn Bhagwan es befiehlt, nehme ich sofort eine Pistole und erschieße mich.«

Und dieser Augenblick, so fürchten die Behörden in Oregon, könnte kommen, wenn der seit Januar 1983 rechtskräftige - aber vorerst außer Vollzug gesetzte - Ausweisungsbeschluß gegen Bhagwan in die Tat umgesetzt wird. Der Meister könnte, wenn ihn die Endzeitstimmung ankommt, ein Selbstmord-Massaker inszenieren, nach der Art der Suizidorgie von Jonestown, bei der sich 1978 fast 1000 Sektierer auf Befehl ihres Gurus Jim Jones entleibten.

Das Problem Bhagwan strebt einer Lösung zu - so oder so. Dave Frohnmayer hat erklärt, er werde es nicht dulden, daß »kleine Leute über den Rio Grande abgeschoben werden, während sich ein Multimillionär über unsere Gesetze hinwegsetzt«.

Und ähnlich denkt die Mehrheit der Nation. Die Amerikaner wollen endlich Aktionen sehen. Die Tiraden gegen Mahatma Gandhi und die Elogen auf Adolf Hitler, die Bhagwan Anfang August in seinem SPIEGEL-Gespräch abgelassen hatte, waren, wie seine eigene Pressestelle beschwichtigend formuliert, vor allem in den USA, mit »sehr viel Besorgnis und Verwirrung« aufgenommen worden. Komische Heilige gibt es viele in den USA, aber nur einen, der sich so unverblümt zum Rassenhaß bekennt wie Bhagwan.

Die Grundlagen für Bhagwans Präsenz in den Vereinigten Staaten sind durch Sheelas Flucht noch wackliger geworden. Der erlauchte Emigrant hatte im Februar letzten Jahres einen Persilschein aus dem Hut gezaubert, der ihm eine Atempause für weitere Verhandlungen mit den Behörden gab.

Ein gewisser Ambalal Chaturbhai Patel aus Kalifornien präsentierte dem Landgericht in Portland eine Urkunde, aus der zu entnehmen war, daß er, Patel, den Bhagwan Shree Rajneesh im Alter von vier Jahren ohne dessen Wissen adoptiert habe. Patel ist im Besitz einer »grünen Karte«, die ihm und seiner Familie dauerhaftes Wohnrecht für die Vereinigten Staaten einräumt. Die Sache stank. Aber Bhagwan war erst mal wieder aus dem Schneider.

Doch dann kam heraus, daß der vermeintliche Adoptivpapa niemand anders war als der leibliche Vater von Ma Anand Sheela. Nun, da sich seine Tochter von dem angeblichen Stiefsohn losgesagt hat, sind von Patel keine weiteren Entlastungsaktionen mehr zu erwarten - eher das Gegenteil.

Der Meister hat offenbar die Anklage gegen seine Generalbevollmächtigte nicht sehr gründlich durchdacht. Seine Behauptung, Ma Anand Sheela habe 55 Millionen Dollar Bargeld mitgehen lassen - später waren es auf einmal 43 Millionen -, haben die Kameralisten nicht bestätigt. Der in buchhalterischen Dingen unerfahrene alte Herr, so teilte die Pressestelle mit, habe schwarze und rote Zahlen wohl ein wenig durcheinandergebracht.

Auch Sheelas Versuch, die Schweizer Konten der Rajneesh Foundation International zu plündern, so hieß es, sei durch entschlossenes Handeln der Schweizer Glaubensgenossen verhindert worden.

Als gesichert gilt einstweilen nur die Annahme, daß es mit den Finanzen des weltweiten Rajneesh-Konzerns nicht zum besten steht. Das Imperium des Bhagwan wackelt - spirituell und finanziell.

Die First Interstate Bank in Portland hat dem Guru das Konto gekündigt. Das Bhagwan-Hotel in Portland hat dichtgemacht. Im Gründer-Ashram Poona wurden am Donnerstag fünf führende Mitglieder des indischen Zweigs der Sekte wegen des Verdachts finanzieller Unregelmäßigkeiten verhaftet. In Großbritannien ist von den ursprünglich 28 Kommunen nur noch eine einzige, in den USA ist von 77 Filialen nur Rajneeshpuram übriggeblieben. 1981 hatte der Guru

Dependancen in 32 Ländern, heute nur noch in 10. Im Basislager bröckelt die Disziplin. Die Sanyasin setzen sich in Scharen aus Rajneeshpuram ab. Seit Aids im Camp grassiert, will auch der freie Sex nicht mehr gedeihen.

Freitag früh richtete der Erleuchtete eine scharfe Ermahnung an die Molkereibelegschaft der Ranch: Wenn sie schon nicht pünktlich zum Dienst erschienen, sollten sie wenigstens dafür sorgen, daß die Kühe regelmäßig gemolken würden.

Schon Anfang des Jahres kursierte auf der Ranch das Gerücht, der Meister denke an Totalliquidation, bevor auch der Rest seines Imperiums fortgespült werde. Indische Sanyasin hatten berichtet, Immobilienbeauftragte des Meisters hätten in der Himalaja-Region im großen Stil Land aufgekauft, um das Terrain für eine neue Kommune zu bereiten.

Im Amt von Premierminister Radschiw Gandhi ist bereits vor Monaten ein Schreiben aus Oregon eingegangen, in dem der Guru anbot, mit den beweglichen Resten seiner Habe nach Indien zurückzukehren, wenn ihm der indische Fiskus dafür Dispens für seine alte Steuerschuld gewähre.

Daß ihm in Indien unter den eigenen Landsleuten ein Comeback gelingen könnte, steht freilich in Zweifel. Den Indern, das hat er selbst gesagt, fehlt es an der nötigen Reife, man kann auch sagen Frustpotential, um Bhagwans Lehren zu verinnerlichen.

Der Konzern wäre durchaus sanierbar, wenn die Zentrale nicht ständig mehr Profite abziehen würde, als die Filialen erwirtschaften können.

Die Lebenshaltungskosten des Meisters für Essen, Kleidung, Kosmetika werden mit mindestens hunderttausend Mark monatlich veranschlagt. Zuzüglich ein paar Millionen jährlich für Schmuck und Automobile. Mal eine Brillantuhr für eine halbe, mal eine diamantbesetzte Brille für eine ganze Million. In den letzten zwei Jahren wurde aus Konzernmitteln im Schnitt alle zwei Wochen ein neuer Rolls-Royce angeschafft - zu Stückpreisen zwischen 300 000 und 400 000 Mark.

Sheela hat jetzt enthüllt, was alles faul war im Staate Bhagwans. Die veröffentlichten Mitgliederzahlen, so sagte sie, seien maßlos überhöht, Bhagwan sei maßlos verschwenderisch und das geschäftsführende Feminat maßlos unmoralisch gewesen.

Doch, daß sie selbst das Maß der Dinge war in Rajneeshpuram, daß sie die Geschäftspolitik und die Richtlinien der Moral nach eigenem Ermessen bestimmte, davon war in ihren Enthüllungen nicht die Rede.

Zumindest im zeremoniellen Bereich hat die Absatzbewegung schon begonnen. Die Freigabe von Liturgie und Kleiderordnung, die zeremonielle Bücherverbrennung und das feierlich proklamierte Ende der Rajneesh-Religion sind offensichtlich der Auftakt für die totale Demontage des Rajneeshismus. Der Gott der Aussteiger macht sich fertig zum Aussteigen.

Der elysische Jubel, mit dem die Masse der Sinnsucher das Autodafe begleiteten, steht nicht im Widerspruch zu den düsteren Perspektiven. Jubel ist in Bhagwans Reich die einzige legitime Gefühlsäußerung. Jubel kann Freude bedeuten - oder auch Verzweiflung.

Seine Desertion wäre von Bhagwans philosophischer Grundordnung sogar gedeckt. Er hat stets den totalen Egoismus gepredigt. Niemand kann sich darüber wundern, wenn er nun für sich selbst die Konsequenz aus der eigenen Lehre zieht.

Das Elend einer halben Million Jünger, die an ihn geglaubt, alles aufgegeben und ihre Hoffnungen auf seine krude Philosophie gebaut haben, kann für den weisen Mann kein Hindernis sein - nicht für einen Mann, der Mutter Teresa für eine »idiotische Frau« hält und der sein Leben lang gelehrt hat, daß Verantwortungsbewußtsein den Menschen zum Sklaven mache.

Wenn alles vorbei ist, schreibt er vielleicht mal das Buch, das der Psychologe und Sektengegner Hans-Peter Dürr schon vor Jahren angeregt hat. Titel: »Wie ich all die Arschlöcher reingelegt habe«.

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