Biennale zwischen Krieg und Corona Ukraine erster Stock, Russland geschlossen

Proteste vor dem russischen, Ansturm auf den ukrainischen Pavillon: Die Biennale bildet die Welt im Kleinen ab. Deshalb müsste sie in diesem Jahr hochpolitisch sein. Oder?
Aus Venedig berichtet Andreas Wassermann
Performance des ukrainischen Schauspielers Alexey Yudnikov vor dem russischen Pavillon: Künstler und Kuratoren hatten beschlossen, ihn nicht zu öffnen

Performance des ukrainischen Schauspielers Alexey Yudnikov vor dem russischen Pavillon: Künstler und Kuratoren hatten beschlossen, ihn nicht zu öffnen

Foto: Felix Hörhager / dpa

Im Arsenale liegt die Ukraine im ersten Stock. Die erste Treppe hinauf, vorbei an märchenhaft verdrahteten Kleinplastiken aus der Türkei. Südafrika samt biografischer Fotokunst aus den Townships links liegengelassen, die großflächige Farbigkeit Luxemburgs durchmessen und schon ist der Biennale-Pavillon der Ukraine erreicht: eng und eingezwängt im Gang.

Und wäre die Welt noch eine ganz normale, würde wohl kaum jemand von der Kunst aus dem ehemaligen Sowjetstaat Kenntnis nehmen: ein einsames Werk, eine Installation aus Wasser und Kupferkelchen, nicht unähnlich einer Champagnerpyramide, wie sie mitunter auch russische Oligarchen feucht-fröhlich aufzutürmen pflegen.

Ukrainische Installation »Fountain of Exhaustion«: Nicht unähnlich einer Champagnerpyramide

Ukrainische Installation »Fountain of Exhaustion«: Nicht unähnlich einer Champagnerpyramide

Foto: Antonio Calanni / AP

Doch die Zeiten sind nicht normal, es ist Krieg und die Ukraine ein von Putins Russland überfallenes Land. Und deswegen ist der kleine, unscheinbare Pavillon ein begehrter Ort  – für Interviews und Statements nicht zur Kunst des Landes, sondern zum Krieg. Und da unterscheidet sich die Diktion der Künstlerinnen und Künstler kaum von der ihres Präsidenten Wolodymyr Selenskyj: kämpferisch, opferbereit und siegesgewiss.

Besucherinnen im deutschen Pavillon: Freilegung der unheilvollen Geschichte

Besucherinnen im deutschen Pavillon: Freilegung der unheilvollen Geschichte

Foto: Andrea Merola / EPA

Ungefähr einen Kilometer östlich liegt in den Giardini die venezianische Dependance des Invasors. Schräg unterhalb des deutschen Pavillons, bei dem dieses Jahr die Konzeptkünstlerin Maria Eichhorn  schichtweise bis aufs bloße Mauerwerk die unheilvolle (faschistische) Geschichte freilegt, steht der russische Länderpavillon, noch zur Zarenzeit in einer Art Fantasy-Historismus erbaut.

Er wird nicht eröffnet und bleibt geschlossen, dafür von Protesten begleitet. Wenige Tage nach Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine hatten Künstler und Kuratoren entschieden, auf eine Teilnahme zu verzichten. Die Organisatoren der Biennale nannten das eine »noble Geste« und »mutige Handlung«.

Maskierter ukrainischer Schauspieler Alexey Yudnikov: Licht und Schatten des Kunstbetriebs

Maskierter ukrainischer Schauspieler Alexey Yudnikov: Licht und Schatten des Kunstbetriebs

Foto: Felix Hörhager / dpa

An diesem Samstag öffnet die 59. Kunstbiennale von Venedig, Monate früher als zuvor. Schon vor der Freigabe fürs kunstaffine Weltvolk, beim sogenannten Pre-Opening in der Woche nach Ostern, bildeten sich diesmal lange Schlangen am Eingang der Biennale-Ausstellungsstätten Arsenale und Giardini: Endlich wieder internationaler Kunstzirkus, fast wie vor Sars-CoV-2. Denn das Virus zwang die Kunstbiennale sogar aus ihrem üblichen Rhythmus.

Turnusgemäß hätte sie voriges Jahr stattgefunden, im ungeraden Jahr 2021. Doch das ließ Corona nicht zu. Um so feiert sich nun die internationale Kunst-Community, trotz anhaltend hoher Omikron-Ansteckungen und trotz des Zerstörungsfeldzugs in der Ukraine.

Verkitschte Lichtplastiken

Es müsste eine hochpolitische Biennale sein. In mancher Weise ist sie das auch, andererseits bleibt sie Behauptung. Die Volksrepublik China beispielsweise lässt eine Künstlergruppe den Klimawandel und die Auswirkungen der Pandemie in konzeptuellen, ästhetischen Lichtplastiken verkitschen.

Und wie schon bei den Biennalen vorher zeigen die oft eklektischen Länderpavillons Licht und Schatten des Kunstbetriebs. Auch diesmal präsentieren vor allem mittelasiatische Ex-Sowjetrepubliken wie Usbekistan oder ölreiche Golfstaaten schön anzusehende Affirmation, mitunter so protzig präsentiert, als gelte es, das Heim eines Oligarchen oder Ölprinzen zu illuminieren. Wohltuend hingegen sind da so reduzierte und konzentrierte Arbeiten wie die des katalanischen Künstlers Ignasi Abali, der den spanischen Pavillon mit neu eingezogenen Trockenbauwänden dekonstruiert.

Besucher im Central Pavillon Garden mit Werken unterschiedlicher internationaler Künstler: Ausgebremst wie die Welt in der Pandemie

Besucher im Central Pavillon Garden mit Werken unterschiedlicher internationaler Künstler: Ausgebremst wie die Welt in der Pandemie

Foto: Andrea Merola / EPA

Doch diese 59. Biennale wird vor allem durch seine von Cecilia Alemani kuratierte Hauptausstellung »Die Milch der Träume« im Gedächtnis bleiben. Sie ist zweigeteilt: Ein Teil befindet sich im Arsenale, der andere in den Giardini. Der Titel stammt von einem Kinderbuch der surrealistischen Künstlerin Leonora Carrington, in dem das Leben ständig neu erfunden wird, allein durch die Macht der Fantasie.

Kuratorin Alemani: Eine Werkschau von Gegenwarts- und vergangener Kunst

Kuratorin Alemani: Eine Werkschau von Gegenwarts- und vergangener Kunst

Foto: VINCENZO PINTO / AFP

Die erste italienische Chefkuratorin der Biennale, die inzwischen in den USA lebt, entwickelt daraus eine Werkschau von Gegenwarts- und vergangener Kunst, die die Veränderung des Menschen durch kulturelle, soziale und technische Entwicklungen beschreibt, mal zu seinem Besseren, mal zu seinem Schlechteren – in seiner Verbindung zur Natur, zu anderen Lebewesen und sich selbst.

»Milch der Träume« sammelt die Werke von 213 Künstlern und Künstlerinnen aus 58 Ländern, die sich auf drei wesentliche Themenbereiche konzentrieren: »Die Darstellung des Körpers und seine Metamorphose, die Beziehung des Individuums und der Technologie, die Verbindung zwischen Körpern und der Erde«, schreibt Alemani in ihrer Einleitung zur Ausstellung.

Sinnlich erfahrbar ist das beispielsweise in der Installation des kolumbianischen Künstlers Delay Morelos. »Earthly Paradise 2022« ist eine zu einem Labyrinth aufgehäufte Erde, angereichert mit Zimt, Nelken, Kakao, Tabak und Kohle. Der Betrachter, die Betrachterin kann es riechen – wenn auch durch die obligatorische FFP-2 Maske gefiltert, ausgebremst wie die Welt in der Pandemie.