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MUSIK Bier und Zigaretten

aus DER SPIEGEL 6/2007

Von den fünf, sechs Wunderkindern, die Jahr für Jahr von Großbritannien, dem Mutterland der Pop-Hysterie, als neuer David Bowie, Iggy Pop oder einfach als Genies angeboten werden, ist Jamie T der derzeit neueste und jüngste Import. Und, nützt ja nichts, dieser Jamie T, 21, aus London klingt tatsächlich sehr gut. Auf der Oberfläche erfüllt der junge Brite mit dem bürgerlichen Namen James Treays tatsächlich alle Klischees des klassischen englischen Pop-Hypes: Er sieht eher komisch als glamourös aus (dürre Figur, wirre Kobold-Frisur, mächtig auseinanderstehende Vorderzähne); er singt im breiten Londoner Proleten-Slang Cockney; auf seinem jetzt erscheinenden Album »Panic Prevention«, vom »Observer« als eines der »großartigsten Solo-Debüts«, ja gar als »Klassiker« gefeiert, kreuzt der Newcomer Gitarrenpop mit schepperndem HipHop- und Reggae-Versatzstücken zu herrlich aufgekratzten Liedern. Und wie es sich für ein Pop-Wunderkind gehört, nahm auch seine Karriere in der romantischen Ödnis der Suburbs, im Londoner Vorort Wimbledon, ihren Anfang: Mit 14 oder 15, so Jamie T, sei hier, wenn nicht gerade Tennis gespielt werde, der Höhepunkt der Langeweile erreicht. Und was bleibt dann als Freizeitbeschäftigung? »Als Vorortjunge hat man zwei Alternativen: Vandalismus oder Musik. Ich habe das Zweite gewählt, aber das Erste macht natürlich auch Spaß.« Es sind jene Leere und die alltäglichen Null-Runden der Vorort-Teenager, die Jamie T in den zwölf Songs seines Debüts mit Witz und Ironie einfängt: Reime über Jungs, die nur Mädchen abkriegen, weil sie ihnen mehr spendieren können als die Konkurrenz; über alte Knaben, die sich in Clubs verdächtig dicht an sehr junge Frauen rantanzen; und überhaupt über Heranwachsende, die statt Abenteuer immer nur das nächste Bier, die nächste Zigarette finden. Entstanden ist Jamie T's Album im Haus seiner Eltern, wo er in seinem Zimmer unterm Dach seine Songideen in den Computer eingab. Ein Computerkid möchte der Popstar trotzdem nicht sein, das Internet interessiere ihn nicht. Jamie T's MySpace-Seite wird von seinem Manager betrieben. So spricht das Wunderkind, klassisch britisch verschroben: »Ich schreibe lieber Postkarten.«

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