Arno Frank

Kampagnenjournalismus Israel, die »Bild« und die Greta-Thunberg-Spinne

Arno Frank
Ein Kommentar von Arno Frank
Die »Bild«-Zeitung rückt Greta Thunberg in die Nähe von Israelhassern und fordert klare Worte der Distanzierung. Erstaunlich, spricht man der jungen Frau doch ansonsten jede Legitimation und Expertise ab.
Screenshot vom Facebook-Auftritt der »Bild«-Zeitung

Screenshot vom Facebook-Auftritt der »Bild«-Zeitung

Foto: Bild / Facebook

Greta Thunberg, 18, greift Israel, 72, mit Raketen an.

Das ist eine Nachricht, so bizarr, dass man sie kaum glauben und erst einmal sacken lassen möchte. Puh. Es sieht allerdings wirklich ganz so aus, als habe die schwedische Schülerin nicht nur ein Interesse an Umweltschutz, sondern auch an der Vernichtung des jüdischen Staates.

Wer die »Bild«-Zeitung in den vergangenen Tagen nur flüchtig gelesen hat, musste jedenfalls diesen Eindruck bekommen. Online und im Blatt zu sehen war der illuminierte Nachthimmel über Jerusalem oder Tel Avivs, daneben unverkennbar – skeptischer Blick, gerunzelte Stirn – das nur scheinbar harmlose Gesicht von: Greta Thunberg.

Was die eine (Thunberg) mit dem anderen (Nahostkonflikt) zu tun hat, geht eindeutig aus den Artikeln dazu hervor. »Bild« hat knallhart recherchiert: »Klima-Aktivistin Greta Thunberg (18) schaltet sich in die Nahost-Debatte ein«, also eine Debatte, in die sich sonst eher die USA, Iran oder die Uno »einschalten«.

Was ist passiert?

Nun, »Klima-Greta twittert gegen Israel« und verliert dabei, sehr verdächtig, »kein Wort gegen Raketen-Terror«. Nein, was ist denn nun wirklich passiert?

Thunberg hatte sich auf einen Tweet der Autorin Naomi Klein bezogen, die angesichts angeblicher »Kriegsverbrechen« der Israelis forderte: »Speak up«. Thunberg hatte dazu geschrieben: »Bestürzend, den Entwicklungen in Jerusalem und Gaza zu folgen …«, um einen Link zu einem Video der palästinensischen Kampagnenseite »Save Sheik Jarrah« ergänzt.

Seitdem geht es hoch her und Schlag auf Schlag – und immer mit Greta Thunberg gleich neben den tatsächlich bestürzenden Bildern von Mord, Totschlag und Gegenschlag: »Klima-Aktivisten verbreiten Anti-Israel-Propaganda«, weil »jetzt auch« ein Ableger von »Fridays For Future« kurzfristig wiederum Beiträge teilte, die Israel die Schuld an der Eskalation geben.

Am Mittwoch klagte Chefredakteur Julian Reichelt in einem Kommentar, er habe »von den deutschen Repräsentanten der größten Jugendbewegung der Welt« noch »kein einziges Wort« dazu gehört, dass »ihre verehrte Anführerin (…) die Propaganda derer verbreitet, die Israel boykottieren, delegitimieren und am Ende beseitigen wollen«.

Die Rolle von »Fridays for Future«

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich nicht nur die deutschen Repräsentanten schon deutlich von jeglichem »Antisemitismus« distanziert. Auch Thunberg selbst hatte bereits erklärt, sie sei weder gegen Israel noch gegen Palästina, sondern gegen jede Form von »Gewalt oder Unterdrückung« – und einfach, noch mal, »am Boden zerstört« über die Entwicklungen.

Zu spät, zu wenig. Schon erklärt die »Bild« bereits ihren Leserinnen und Lesern, wie viel Israelhass angeblich in »Fridays For Future« stecke: »So viel Israel-Hass steckt in Fridays For Future«. Nebenan wähnt die Springer-Schwester »Welt« die Klimabewegung bereits im »Endstadium der Unterwanderung durch israelfeindliche und antisemitische Kräfte«  – wie die Boykottbewegung BDS. Worauf die »verehrte Anführerin«, weil sie eben keine Vorstandsvorsitzende ist, zwar keinen Einfluss hat, aber gut.

Parteigänger der einen oder anderen Seite werden kaum glauben, dass man zum blutigen Schlamassel im Nahen Osten durchaus geteilter, differenzierter oder gar keiner Meinung sein kann.

An der »Greta Thunberg vs. Israel«-Kampagne verblüfft, dass hier eine junge Frau, der man ansonsten breitbeinig jede Legitimation und Expertise auch in Klimafragen abspricht, plötzlich an den ältesten und brenzligsten Konfliktherd der Welt geschickt wird.

Greta-Thunberg-Spinne

Als flüchtiger Leser könnte man fast den Eindruck bekommen, »Bild« schlage mit einer Klappe nach gleich zwei dicken Fliegen. Erstens »schützt« das Blatt das Existenzrecht des Staates Israel und ist damit auf Linie des Redaktionsstatuts des Springer-Verlags. Zweitens delegitimiert es den Kampf gegen die Klimakrise. Wenn diese dämonisierende Fixierung auf Thunberg, diese publizistische Engführung mit Israel überhaupt einen Sinn hat, dann diesen. Das könnte unter Umständen ein Ausblick auf künftige Kampagnen sein.

Zuletzt hatte die »Bild« im März über Greta Thunberg berichtet. Nicht direkt Thunberg, sondern ihre Namensvetterin »Thunberga malala«, eine Riesenkrabbenspinne aus Madagaskar. In dem Artikel ging es um das übliche Geschlechtsleben der Achtbeiner. Dachzeile: »Liebesspiel extrem«, Titel: »So brutal treibt es die Greta-Thunberg-Spinne«.

Eingeklinkt in ein Foto der furchterregenden Spinne war ein unvorteilhaftes Porträt von Greta Thunberg, offenbar aufgenommen bei einer ihrer leidenschaftlichen Reden. Der Mund geöffnet, ein Auge kleiner als das andere, Stirnfalte.

Wer seine Verehrer nach dem Sex frisst, der ist alles zuzutrauen. Auch Angriffe auf Israel.

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