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STÄDTEBAU Bilder einer Krankheit

Mit Hunderten von Photos, scharfsichtig und entlarvend, belegt ein Schweizer Architekt seine Attacke auf die Sünden des modernen Städtebaus.
aus DER SPIEGEL 17/1974

»Wo ist der Herkules«, fragt Rolf Keller. Architekt in Zürich. »der diese unzähligen Augiasställe ausmisten wird?«

Das Donnerwort zielt auf seine Kollegen, die Architekten und Städteplaner, die Baubeamten und Verordnungsmacher -- Lind auf das, was sie während der letzten zweieinhalb Jahrzehnte an menschenfeindlicher Architektur entworfen und gebaut haben.

Eine »Streitschrift wider die Untaten in Beton« nannte die »Neue Zürcher Zeitung«. was Keller auf 192 Seiten aus Hunderten von entlarvenden Photos und leidenschaftlichen Texten kompiliert hat: »Es ist ein Irrtum zu glauben, die Welt werde nur im Kriege zerstört."*

Nach Alexander Mitscherlichs Hinweis auf die »Unwirtlichkeit unserer Städte« (1965) und den Streitschriften der amerikanischen Publizistin Jane Jacobs Anfang der sechziger Jahre wertete die Schweizer Presse das Keller-Buch als den bedeutendsten, einleuchtendsten Beitrag zur Kritik des modernen Städtebaus. »Was Keller in Bildern zusam-

* Rolf Keller: Bauen als Umweltzerstörung -- Alarmbilder einer Un-Architektur der Gegenwart. Verlag für Architektur Artemis, Zürich: 192 Seiten; 19,50 Mark

mengetragen hat«, so befand die »Neue Zürcher Zeitung«, »ergibt eine Galerie der Häßlichkeit, eine Sammlung der in Beton. Metall Lind Glas erstarrten Gestaltungsschwäche.

Jahrtausendelang, so Kellers Hauptthese. hatten sieh Individualismus und Ordnung in der Architektur die Waage gehalten. Nun aber, in den letzten Jahrzehnten, »polarisierten sich diese Elemente und fielen auseinander«; übriggeblieben sind

* das Chaos ("Häuser, die nicht miteinander reden können, jedes in anderer Zunge. Gnadenlos stehen sie beieinander. Kontaktlos, vereinsamt wie ihre Bewohner") und

* Monotonie -- Wohnsilos und Massenquartiere. ob nun in München oder Amsterdam, aber ebenso auch. wie Keller zeigt. in Caracas, Leningrad, Stockholm und in Afghanistan.

Viel Schuld gibt der Schweizer Kritiker der »Diktatur der Fahrmaschine«. Seitenlang führt er die »Lanzenstöße von Stadtautobahnen vor, schmäht er die »Betonorgien für den Verbrennungsmotor«, zeigt er die »aggressive Dynamik des Verkehrs«.

Diese Entwicklung, so dokumentiert Keller, führt zu »Massakern« an Dörfern und Kleinstädten wie etwa dem schweizerischen Hegnau: Innerhalb von zwei Jahrzehnten wurde der Kern des idyllischen Dorfes zerstört, zerschnitten für den Autoverkehr, der zu einer Schlafstadt, einer Industriezone und einem Shopping Center führt,

»Oft fängt es mit harmloser Disharmonie und schleichender Unwirtlichkeit an«, meint Keller, »wächst sich dann bis zu ganzen Agglomerations- und Wegwerflandschaften aus.«

Häuser, in denen man sich, jedenfalls psychisch, krankwohnt, fand Keller ohne Unterschied in Ost und West: »In allen politischen Systemen werden die gleichen sichtbaren Verletzungen menschlicher Grundbedürfnisse offenbar.«

Nirgendwo gibt es »cm neueres Quartier«. in das man »sonntags fahren möchte, um es anzuschauen, zu verweilen, zu spazieren oder einzukehren

um bereichert am Abend nach Hause zu fahren, so wie wir es in historischen Dörfern, Städtchen oder Burgen tun. Fahren oder besser, gehen Sie nächstens durch Ihre Agglomeration. und schauen Sie es einmal so an«.

Mindestens in der Schweiz scheinen auch offiziöse Vertreter des Architekten-Standes, den Keller so harsch angreift. schon zur Selbstkritik bereit. »Zum erstenmal in der Geschichte«, so räumte Alain G. Tschumi, Mitglied des Zentralvorstandes des Bundes Schweizer Architekten. in einem Kommentar zu dem Keller-Buch ein, habe »der Mensch den Sinn für harmonisches. mit Umwelt und Landschaft verbundenes Bauen verloren«. Und Tschumi stimmt mit dem Autor des Pamphletes überein, daß die wenige »gute und schöne Architektur«. die vereinzelt noch gebaut werde, nichts anderes mehr darstelle »als Rosinen in einem wachsenden Teig, in einer sieh über die Erde ausbreitenden Betonkruste«.

Hoffnungen, wenn überhaupt. setzt Keller höchstens noch in eine neu zu schulende Sensibilität der Architekten

von vermehrter Planung und Reglementierung sei kaum etwas zu erwarten: Alles, was seit dem Zweiten Weltkrieg hochgemauert und -geschüttelt wurde, hat die Hürden von Baugesetzen, Planungsverordnungen und Vorschriften ordnungsgemäß genommen.

Aber auch eine »Baufeindlichkeit« wünscht sich Architektur-Kritiker Keller herbei -- denn: »Es muß nicht alles gebaut werden, was baubar ist.«

Der Abriß, auch das dokumentiert die Keller-Sammlung an einem Beispiel, hat schon begonnen. In St. Louis, USA, wurde ein 1955 errichteter Häuserblock mit 2764 Sozialwohnungen weggesprengt. Verelendung, Vandalismus und Kriminalität hatten schließlich zur Unbewohnbarkeit der Anlage geführt.

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