Margarete Stokowski

Bildschirmzeit Den inneren Junkie umarmen

Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Eine Kolumne von Margarete Stokowski
Sind Handys in der Pandemie das neue Heroin? Nein. Nicht alles, was als Droge gehandelt wird, ist direkt ein Grund zur Panik.
Freizeitbeschäftigungen haben sich ins Digitale verlagert

Freizeitbeschäftigungen haben sich ins Digitale verlagert

Foto: Keep It 100 / Getty Images

Nehmen Sie Drogen? Vielleicht mehr, als Sie denken, denn Sie lesen gerade in einem Onlinemedium, und »Medien sind die Droge der Zukunft«. So stand es  vor wenigen Wochen auf Tagesschau.de. Es ging dabei um die Drogenaffinitätsstudie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung . Der erste Teil dieser Studie behandelt die Themen »Rauchen, Alkoholkonsum und Konsum illegaler Drogen«, der zweite Teil die Themen »Computerspiele und Internet«, jeweils bei jungen Menschen zwischen 12 und 25. Einen dritten Teil zum Thema »Fortsetzungsromane« oder »Fantasyliteratur« gibt es nicht, denn Lesen ist gesund. Handysucht hingegen ist gefährlich, und Corona macht alles noch schlimmer, denn seit der Pandemie hängen alle nur noch vor Bildschirmen, und Expert*innen warnen.

Expert*innen warnen sehr gern bei dem Thema, manchmal zu Recht, manchmal etwas orakelhaft. Eine Professorin warnt, schrieb der »General-Anzeiger« neulich : »Bildschirmzeit von Kindern steigt stark wegen Distanzunterricht«. Ja, das ist... logisch, wenn man es genau nimmt.

Schon vor Corona gab es mehr als genug Anleitungen zum »digitalen Fasten« und Warnungen vor smartphone-/computersüchtigen Jugendlichen, und mit zunehmender Lockdownlänge werden die Warnungen nicht weniger. So gab es vor ein paar Tagen ein Interview im Deutschlandfunk mit dem Suchtforscher Rainer Thomasius zu Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen . Wenn man das Interview so nebenbei beim Wäscheaufhängen hörte, weil man radiosüchtig ist, und »man« bedeutet in diesem Fall »ich«, dann konnte man allerlei arge Stichwörter aufschnappen: »Digitalsucht« ... »Steigerungsraten von 75 Prozent« ... »das ist enorm« ... »Kontrollverlust« ... »Konzentrationsprobleme« ... »Antriebs- und Lustlosigkeit« ... »erhöhte Ängstlichkeit« ... »sehr unterschiedliche Therapieformen« ... »bis hin zur tagesklinischen oder sogar stationären Behandlung der Betroffenen«.

Wenn man das Interview dann später noch mal im Wortlaut nachlas, konnte man aber feststellen, dass eigentlich alles nicht so wild ist: Laut den Kriterien der WHO für Suchtverhalten ist eine Sucht erst vorhanden, wenn das jeweilige Verhalten über ein Jahr anhält, und nun ist eben seit einem knappen Jahr eine Pandemie, und man weiß außerdem schlicht noch nicht, ob die gesteigerte Bildschirmzeit bei den lieben Kleinen über Corona hinaus so bleiben wird oder nicht.

»Candy Crush« ist nicht Crystal Meth

Nun gibt es natürlich einerseits Phänomene, bei denen man sich berechtigterweise Sorgen machen kann: Wenn die schlechte technische Ausstattung des Bildungssystems dazu führt, dass Kindern vor dauernd abstürzenden Servern hocken, wenn sie zu wenig Bewegung oder zu viele Probleme mit den Augen kriegen , dann ist das offensichtlich schlecht. Nur ist es andererseits auch so, dass das Thema »Handy- und Computersucht in der Pandemie« etwas einseitig bearbeitet wird: Wie viel Bildschirmzeit ist okay? Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich im Homeoffice mein Kind eine Stunde lang vor »Peppa Wutz« parke? Mal anders gefragt: Was wäre diese Pandemie ohne Smartphones und Computer? Wir wären alle verdammt zu endlosem Puzzeln, und zwar den immer selben Puzzeln, denn wir könnten nicht mal eben im Internet ein paar neue bestellen, und wie gesund wäre das?

»Sucht« ist ein großes Wort, aber es macht einen Unterschied, ob man süchtig nach »Candy Crush« oder Crystal Meth ist. Ist es gesünder, wenn ein Kind alle 42 Bücher der »Warrior Cats«-Reihe liest, als wenn es mit seinen Freundinnen chattet? Wo so viel von Smartphonesucht und explodierenden Bildschirmzeiten die Rede ist, kann es sinnvoll sein, mal auf die feinen Unterschiede zwischen Handy und Heroin hinzuweisen. Nicht alles, was als Droge oder Sucht gehandelt wird, ist direkt ein Grund zur Panik. Sowohl Kinder und Jugendliche als auch Erwachsene nutzen Smartphones, Tablets und Computer für sehr unterschiedliche Dinge: lesen, spielen, irgendein Wort nachgucken, shoppen, Filme gucken, Musik hören, Austausch mit anderen. Das allermeiste davon ist sehr harmlos und zurzeit eben pandemiebedingt ins Digitale verlagert.

Es macht einen Unterschied, ob jemand am Bildschirm sein Pokémon mit rosa Beeren füttert oder andere Spieler aus dem Hinterhalt mit einem Maschinengewehr erschießt. Es gibt Studien, die besagen, dass bestimmte Spiele wie »Animal Crossing« und »Plants vs. Zombies« sich positiv auf die Stimmung auswirken .

Dankbar für Smartphones

Als Bücher das neue Ding waren, wurde vor Lesesucht gewarnt, übrigens speziell bei Frauen. Frauen, die Romane lasen, galten schnell als lesewütig, enthemmt und faul gleichermaßen, von der wirklichen Welt entrückt. Es sind immer das zuletzt erfundene Medium plus die als besonders labil geltende Bevölkerungsgruppe, für die Warnungen ausgesprochen werden: Früher Frauen, heute Kinder und Jugendliche; früher Bücher, dann Fernsehen, dann Videospiele, dann Internet. (Das gilt interessanterweise nur für visuelle Medien: Von Radio-, Musik- und Podcastsucht ist selten die Rede, vielleicht weil man dabei gleichzeitig noch puzzeln kann.)

Lustigerweise wird als Technik, um vom ständigen Griff zum Handy wegzukommen, oft »Achtsamkeit« empfohlen, und ein zentraler Aspekt vieler Achtsamkeitsübungen ist das Thema Dankbarkeit. Man soll dann entweder im Kopf oder auf Papier mal sammeln, wofür man dankbar ist im Leben, um sich auf die guten und schönen Dinge zu konzentrieren. Wie wäre es, einfach mal dankbar zu sein, dass wir in dieser Pandemie Smartphones und Computer haben, um Kontakt halten zu können mit der Außenwelt? Und wenn man merkt, dass das Gerät am Ende der Woche eine Bildschirmzeit von neun Stunden täglich anzeigt: Einfach mal den inneren Junkie umarmen, statt mit ihm zu schimpfen. Es gab eine Zeit davor, und es wird eine Zeit danach kommen.