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BÜCHER / NEU IN DEUTSCHLAND Billige Plätze

Rolf Dieter Brinkmann: »Die Piraten«. Kiepenheuer & Witsch; 114 Seiten; 12 Mark.
aus DER SPIEGEL 46/1968

Von den »berufsmäßigen Ästheten und Dichterprofis«, jenen »ausgebufften Kerlen, die sich Lyriker nennen lassen«, hält dieser Lyriker gar nichts. Ihm geht es nicht »um die Quadratur des Kreises«, nicht um »feinziselierten Hokuspokus«, nicht um die »Kulturellen Wörter«.

Dem Kölner Dichter-Kerl Rolf Dieter Brinkmann, 28, ist vielmehr am »genauen Hinsehen« gelegen, an der »richtigen Einstellung zum Kaffeerest in der Tasse, während jemand reinkommt ins Zimmer und fragt, gehen wir heute abend in die Spätvorstellung?« Und deshalb hat er seinen zweiten Gedichtband (sein erster Roman, »Keiner weiß mehr«, kam in diesem Jahr auf die Bestseller-Liste) in drei »Comic«-Abteilungen gegliedert, mit vielen schönen subkulturellen Wörtern gefüllt, einem eigenhändig collagierten Pop-Umschlag versehen und »all denen« gewidmet, »die sich immer wieder von neuem gern auf den billigen Plätzen vor einer Leinwand zurücksinken lassen

Brinkmanns Poeme tragen Titel wie »Cartoon: 29.8. mit x, y, z« oder »Der Chewing-Gum-Mann«, wie »Der nackte Fuß von Ava Gardner«, »Ra-ta-ta-ta für Bonnie & Clyde etc.« oder »Leben mit Frankenstein«. Eingefügt sind verfremdete Comic strips, deren Figuren kunsttheoretische Blasen ausatmen: »Ich bin ein Dichter. Wette Du hast es nicht gewußt! Spiel besser die Leier als C. F. Meyer! Ächz. -- Das war zuviel, sogar für mich.«

Eine Brinkmann-Erkenntnis, die sich in seinem ersten Lyrikband ("Was fraglich ist wofür") bereits andeutete, wird hier radikalisiert: »Das Gehirn ist nicht widerstandsfähiger als eine Schüssel Brei.« Statt aus dem überkommenen Symbolfundus bezieht Brinkmann daher seine Bilder aus dem, »womit jeder alltäglich umgeht« -- aus der vulgär-mythischen Waren-, Werbe- und Kinowelt, also bewußt aus zweiter Hand:

» ... und es kommt Heidelinde Weis / auf uns zu und zieht sich zu- / sammen mit Senta Berger aus / um zu zeigen, was es heutzutage / alles in Deutschland zu sehen gibt ...« Brinkmann: »Das alte Rezept und die neue Konzeption, bevor das Licht ausgeht: der Vorspann im Kino, hier bin ich.«

Diese Gedichte wollen nicht mehr Ausdruck der Dichterpersönlichkeit sein, sondern »spontan erfaßte Vorgänge und Bewegungen« einer »nur in einem Augenblick sich deutlich zeigenden Empfindlichkeit« darstellen. Die Voraussetzung solcher dichtenden Sensibilität -- was denn nun die »richtige Einstellung zum Kaffeerest« sei bleibt jedoch ungeklärt.

Gerade weil Brinkmanns Pop-Lyrik gesellschaftlich-politisches Bewußtsein allenfalls in Vorformen enthält, gelingen ihm gelegentlich Gebilde von hoch modischem Reizwert -- eine neonromantische Poesie der schockblauen Blume, raffinierteren Werbetexturen nicht immer ganz unähnlich.

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