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MÖBEL Bip im Karton

Von Hamburg bis München reichen die Kleiderstangen und Schrankfächer der Deutschen -- hinter Interlübke-Türen. Jetzt startet Deutschlands erfolgreichster Schrankhersteller auch ein Billig-Programm.
aus DER SPIEGEL 6/1976

Die Idee, von einem unbekannten Schweizer Möbelhändler namens Müller, kam mit der Post ins Haus. Der Empfänger, Leo Lübke, Gründer dei westfälischen Möbelfabrik Interlübke. »rief sofort in Zürich an«, denn »die Sache war ungewöhnlich«.

Die Sache: Der Normschrank zum Anbauen, mit Türen vom Boden bis zur Decke -- inzwischen fast der Regelfall moderner Einrichtung, war damals. 1962, eine Branchensensation.

Ziemlich genau 775 Kilometer Schrankwand (würde man all die raumhohen Türen aneinanderreihen) hat die Firma Interlübke seither verkauft. Und sie wurde, was es bis dahin in der Möbel-Branche kaum gab, ein Markenbegriff: Rund 75 Prozent aller Bundesdeutschen kennen den Firmennamen.

Nun will der Branchen-Riese (700 Beschäftigte, Umsatz 1975: 83 Millionen Mark) sein durchweg teures Angebot abermals erweitern. Zur Internationalen Möbelmesse vorletzte Woche in Köln stellte Interlübke ein neues Programm vor: Billigpreis-Mobiliar für junge Leute zum Selberbauen.

Unter der Marke »bip-line« (für »basic interior program") will Interlübke am Erfolg der Ikea-Möbelmärkte teilhaben: Die Käufer schleppen verpackte Möbelstücke zu Niedrigpreisen ab und setzen sie daheim zu Regalen, Schränken, Bett und Tisch zusammen. Die Pappkartons mit den »bip-line«-Teilen sollen über die traditionellen Interlübke-Händler nach dem Shop-inthe-Shop-Prinzip verbreitet werden.

Die Huckepack-Möbel (Werbespruch: »Für Leute, die viel wohnen und wenig renommieren wollen") sind gleichsam die Billigvariante der sonst eher auf Prestige bedachten Wiedenbrücker Firma -- die sich freilich auf ihr zweckmäßiges, schnörkelloses Styling einiges zugute halten kann.

»Wir haben«, resümierte 1970 Firmengründer Leo Lübke, »Großmutters Schlafzimmer aus den Wohnungen vertrieben.« Bis dahin, und bis zur Kreation des Schrankwand-Endlos-Bausystems war das Unternehmen eine deutsche Möbelfabrik von üblichem Schrot und Korn.

Im ostwestfälischen Kerngebiet der Branche, mit patriarchalischer Führung ("Ich bestimme den Tonfall, der sich bis zur Basis auswirkt") und als Familienbesitz ("Garantie für maximale Geschmeidigkeit") hatte der gelernte Schreiner Leo Lübke mit seinem Bruder Hans die Firma 1937 gegründet.

Er verdiente viel Geld mit Heeresaufträgen (Offiziersbaracken und Inneneinrichtung), lieferte für Focke-Wulf hölzerne Flugzeugteile ("Da lernten wir Genauigkeit") und stattete die Eisenbahn-Salonwagen von Hitler und Göring aus. Aber im Unterschied zu anderen »westfälischen Hölzwürmern« (Designer Colani über neureiche Möbler) hatte Lübke das Bauhaus-Design kennengelernt.

Schon das erste Baustein-Schlafzimmer von Interlübke, 1956 herausgebracht, verriet industrielle Formgebung. Die Standardisierung des von dem Schweizer Architekten und Möbelhändler Walter Müller vorgeschlagenen Schranksystems (noch heute paßt jede neue Tür zum Modell 1963) brachte dann den Durchbruch: Die »Interlübke-Schrankwand« wurde zum erfolgreichsten Longseller der deutschen Möbelindustrie.

Insgesamt verfügt der Lübke-Clan über eine Art Möbel-Imperium. Nach teils ähnlichen Designvorstellungen wie bei der Stammfirma Interlübke (seit dem Tod des Firmengründers Anfang 1975 geleitet von Neffe Horst, 33) werden von Leo-Sohn Helmut, 39, Sitz- und Polstermöbel (Marke »Cor") in Rheda gefertigt. Ein Leo-Neffe Karl, 48, produziert Stil-Stühle und -Tische (und möblierte das Bundeshausrestaurant). Leo-Sohn Burkhard, 35, entwirft in Gütersloh seine vielprämierten »Topsystem«-Kindermöbel, darunter das erfolgreiche Bausystem Mobilix.

Entwerfen läßt die Firma Interlübke ihre Programme in der Schweiz, entweder von Schrank-Erfinder Müller oder von den ehemaligen Müller-Mitarbeitern Franz Hero, 42, und Karl Odermatt, 35, die in einer ausgebauten Spinnerei in Hinwil bei Zürich die Design-Werkstatt »Team Form« betreiben.

Hero und Odermatt, beide gelernte Tischler und »als Designer eigentlich Autodidakten«, bereiten jedes Modell fast bis zur Fabrikationsreife vor. Sie kennen den Markt und die Fertigungstechniken, mißtrauen dem »emotionalen Design der Italiener« und den Kunststücken des Exzentrikers Colani: »Das sind doch alles Gags, mal bestaunt auf einer Messe, aber nie in Serie erfolgreich.«

Die Team-Former, beim Tischlern der Prototypen sicher glücklicher als bei dem Versuch, ihre Design-Vorstellungen theoretisch zu formulieren, haben inzwischen rund ein halbes Dutzend Interlübke-Programme entwickelt, Baukästen für den Schlaf- und Wohnbereich mit so hochgestochenen Titeln wie »Umgebung 121«, »Medium«, »Alternum« oder »Antro«.

Gemeinsam ist den Entwürfen ihre funktionsbezogene Form: Spielerischer Zierat und pure Dekoration kommen nicht vor, die Fronten sind klar gegliedert, die Beschläge schlicht. »Design«, so etwa lautet die Maxime, »soll nicht aufdringlich, nicht aggressiv sein, es darf den Menschen nicht einengen.«

Manchmal kostet Konsequenz Marktanteile, so als die Interlübke-Leute es sich in den letzten Jahren verkniffen, »auf die nostalgische Rustikalwelle mit aufzuspringen«. Experimente und Avantgardismus freilich sind ebenfalls unerwünscht. Jede Neuheit wird erst sorgsam marktgetestet: Aus Hamburg kommt der beratende Innenarchitekt Peter Maly ("als Verbindungsmann zum Großstadtgeschmack"); Vertreter und Händler werden gehört, bevor eine Serie anläuft.

Dennoch gibt es Reinfälle: der »Ideenschreibtisch«, ein Schreibmöbel mit überorganisiertem Innenleben, das Sitzsystem »Refugium« mit hohen, raumteilenden Rückenlehnen und das »Podium 3«-Programm für den teureren Twen-Geschmack wurden schnell wieder aus dem Verkehr gezogen. Das von den Kritikern sehr geschätzte »Podium 3« sollte dreidimensional durch den Raum choreographiert werden. Interlübke lieferte vorsorglich maßstäbliche Modellbaukästen dazu an die Verkäufer, »aber der Handel«, mutmaßt Maly, »war offensichtlich überfordert«.

Als richtig erfolgreich gelten bei Interlübke allerdings nur Programme, die annähernd zehn Prozent vom Gesamtumsatz bringen. »Von den gestoppten Programmen«, heißt es denn auch bei den »Team Form«-Designern nicht ohne Wehmut, »hätte manch kleinerer Hersteller noch ganz gut existieren können.«

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