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FILM Birnen-Komplott

Eine neue deutsche Filmkomödie verwandelt die Bonner Wende in einen hintersinnigen Klamauk. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Der eigentliche Film lief vorher ab: Wie sich das Team um Regisseur Gerhard Schmidt ins Bundeshaus und in die Bonner CDU-Zentrale schleicht, um mit gar nicht versteckter Kamera seine Wende-Klamotte abzudrehen, das ist schon wieder ein eigenes Stück Kino.

Da dirigiert der Bundesgrenzschutz Außenscheinwerfer, weil die Walkietalkies der Film-Mannschaft unbrauchbar geworden sind. Da hilft der Hausmeister vom Konrad-Adenauer-Haus mit unionseigenem Strom aus. Und die Dreharbeiten im Bundeshaus »segnet« der Kanzler selber mit einem jovialen: »Guten Morgen, meine Herren!«

Natürlich weiß Kohl sowenig wie seine Sicherheitskräfte, was da gespielt wird: seine eigene Verhohnepipelung nämlich. Und Hartmut Klatt, Pressesprecher des Bundestages, schafft die Peinlichkeit auch nicht gerade aus der Welt, wenn er erklärt: »Die Feststellung des Regisseurs Gerhard Schmidt, ins Bundeshaus komme man leichter als in manche Disco, geht von unzutreffenden Behauptungen aus.«

Schmidt hatte gar nichts behauptet. Doch wo immer der Filmemacher mit seiner 35-Millimeter-Kamera auftauchte, erübrigten sich Fragen nach Hausausweisen oder Drehgenehmigungen. Eine Arriflex ist in Bonn immer noch der beste Passierschein. So wurde sogar eine alberne Bestechungs-Szene auf dem Bundestags-Klo aufgenommen.

Bei Drehbeginn wußte nicht einmal der Regisseur, was er da eigentlich machte. Als Schmidt am Wahlabend des 6. März letzten Jahres die Unions-Christen bei ihrer Siegesfeier im Adenauer-Haus filmte, hatte er noch kein fertiges Drehbuch, geschweige denn Schauspieler. Er sammelte »christdemokratische Atmosphäre« und »Zwischenschnitte auf siegesfrohe Gesichter«.

Als dann aber feststand, was zwischen die Zwischenschnitte kommen sollte, gab es keinen Sieg mehr: Beim nächsten Drehtermin, am 25. September, drei Stunden nach der Hessen-Wahl, war die Party schon vorbei. Schmidt: »Das hatte den Vorteil, daß wir im Haus in Ruhe arbeiten konnten.«

Das Geld, das auf diese Weise an Studio-Bauten gespart wurde, steckte die Produktion lieber in die Besetzung. Angeheuert wurden neben anderen Günter Lamprecht, Konstantin Wecker, Tommi Piper, Wolfgang Neuss, Lore Lorentz, Dieter Hildebrandt, Gert Haucke und Didi Hallervorden.

Vor Jahresfrist hatte Hallervorden ("Der Doppelgänger") noch Wahlwerbung für Hans-Dietrich Genscher gemacht. Jetzt, im Film, glaubt er »wirklich jeden Mist, bloß nicht, daß Birne Kanzler ist«. Des Wende-Komikers neue Überzeugung, Helmut Kohl sei »doch wohl ''ne Pflaume«, ist denn auch die _(Heribert Holzrichter. )

einzig tragende Idee von Schmidts Lichtspiel.

Aus dieser Idee folgt: Auch die Amerikaner trauen weder Birne noch Pflaume einen reibungslosen Ablauf des Regierungswechsels am 1. Oktober 1982 zu und setzen auf Komplott statt auf Kompott. Die gesamte Bonner Führungsriege wird durch zuverlässige Doubles ersetzt und per Video überwacht.

Zur besseren Kontrolle entsendet Washington zwei CIA-Agenten an den Rhein, die dann auch prompt eine Panne zu vertuschen haben: Wegen antiamerikanischer Umtriebe soll das Kanzler-Double beseitigt werden, aber dann wird der Falsche ermordet, nämlich der Richtige. Eine Video-Kassette könnte das ganze Manöver auffliegen lassen. Sie wurde gestohlen, und die Jagd nach diesem Beweisstück bietet das Gerüst für die etwas verworrene Filmhandlung.

Kaum einer der Beteiligten mag nachträglich so recht zum Produkt stehen. Regisseur Schmidt hat »Angst vor überzogenen Erwartungen«, und Günter Wallraff, der am Drehbuch mitgearbeitet hat, schränkt ein: »Aber das Publikum lacht.«

Da hat er recht. Bei seinem ersten Kino-Spielfilm beweist Gerhard Schmidt (mit der Routine aus 280 TV-Produktionen) ein Gespür für Kintopp-Unterhaltung, wie es sonst nur »Supernasen«-Regisseure haben. Nach dem dramaturgischen Muster dieser Breiten-Klamauks ist »Is ''was Kanzler?« gestrickt. Nur wissen bei diesem Film auch Linke: Hier darf gelacht werden, Wallraff und Neuss haben es erlaubt.

Dabei schwingt Schmidt nicht nur plump den Holzhammer. Wenn zum Beispiel der Dr. Wendemeister seinen ob der deutschen Medienlandschaft besorgten CIA-Aufpassern versichert: »Dem ''Stern'' würgen wir noch ein Ding rein, das braucht aber Zeit«, dann hat das durchaus satirischen Stil.

Noch subtiler wird der Witz, wenn Wolfgang Neuss als Double von Annemarie Renger ("Der Abgeordnete von Brauchitsch hat seine Redezeit überzogen!") in den Schminkspiegel sinniert: »Neuss heißt mein Wahlkreis« - denn das stimmt wirklich.

Der Lacherfolg ist garantiert wie in den besten »Asterix«-Heften: feinsinnige Anspielungen für die gebildeten Stände, fürs Publikum ohne Latinum Hauruck-Klamauk. Damit die Moral der Filmgeschichte auch jeder versteht, bänkelt Konstantin Wecker mit einer Pauke durch die Handlung: »Der Wechsel ist schließlich ein Zahlungsversprechen. / Und kostet''s das Ansehn der Liberalen / Für alles im Leben muß man bezahlen.«

Aber solche Einlagen bleiben Fremdkörper in einem Film, der auf Gaudi aus ist. So hemmungslos albern ist deutsche Gegenwart auf der Leinwand noch nie vorgeführt worden (wobei am komischsten immer noch die Original-Einblendungen von Helmut Kohl sind): Schmidt

überantwortet die Bonner Szene der blanken Lächerlichkeit. Die tötet zwar nicht, aber mit Sicherheit kann sie etwas demontieren.

Warum sonst hat sich das Bundespresseamt schon während der Dreharbeiten dreimal beim Atlas-Verleih nach dem »Kanzler«-Film erkundigt? Jetzt, wo der ihn endlich sehen könnte, will der Regierungschef nicht mehr. Drei Plätze, die ihm für die Bonner Premiere am Montag dieser Woche reserviert wurden, werden wohl leer bleiben. Nur SPD und Grüne haben sich für die Politiker-Gala angesagt - das Kanzleramt verweigert zu dem Film jedwede Stellungnahme.

Regisseur Schmidt indessen hat keine Sorge, dem Zimmermannschen Wunsch nach »publikumsstarken« Filmen gerecht werden zu können. Er hat sein Werk zwar ohne Fördermittel gedreht, doch wenn der »Kanzler« 250 000 Zuschauer erreicht (bei einem »wertvoll«-Prädikat sogar nur 130 000), fließen die Gelder aus der Bonner Filmförderung automatisch. Dann will Schmidt eine Fortsetzung drehen. Titel: »The Kanzler streiks beck«.

Und sage keiner, solche Polit-Klamotte könne keine Lernprozesse auslösen: Als das Film-Team für das große Showdown auf dem Dach des Adenauer-Hauses (wo nun wirklich nicht original gedreht werden konnte) die CDU-Leuchtreklame auf einem Kölner Hochhaus nachbaute, beschwerten sich die Nachbarn. Und schon kursierte eine Unterschriften-Liste gegen das vier Meter hohe Unions-Signet.

Heribert Holzrichter.

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