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»Bis es euch gefällt«

aus DER SPIEGEL 48/1992

SPIEGEL: Herr Kerkeling, Sie haben mit Ihrem Kernsatz »Das ganze Leben ist ein Quiz« die Existenzgrundlage des modernen Fernseh-Menschen beschrieben. Nun sind Sie Ihrem Heimat-Medium entlaufen und haben erstmals einen Kinofilm in Arbeit. Was treibt Sie in die Fremde?

KERKELING: Immer langsam, der Bildschirm bleibt auch künftig meine geistige Heimat. Mein Erstling, »Kein Pardon«, ist eine komische Tragödie aus vertrautem öffentlich-rechtlichen Anstaltsmuff. Ich spiele den aufstrebenden Jungmann Peter Schlönzke, Sproß einer Familie, die sich mit einem Schnittchen-Service durchbringt und ihr leicht behämmertes Wunschkind unbedingt ins Showbusiness hieven will. Peter verliert aber, unter lauter kleinen Idioten, den Wettbewerb »Witzischkeit kennt keine Grenze« und wird zunächst nur Kulissenschieber.

SPIEGEL: Was ist daran tragisch?

KERKELING: Es endet böse: Ich steige doch noch auf und werde Moderator einer Schlagersendung.

SPIEGEL: Also eine Art Zwerg-Heck, eine betrübliche Lebenskurve. Werden Sie uns denn wenigstens auch im neuen Medium mit erprobten Frechheiten erheitern, oder ist die Mitropa-Kaffeemaschine, Ihr Standard-Requisit, endgültig auf dem Müllhaufen der TV-Geschichte gelandet?

KERKELING: Damit ist Schluß. Auch der Ulk mit Königin Beatrix ist nur einmal möglich. Und die verjuxte Rhapsodie »Hurz!« kann ich auch nicht ewig singen. Mein Film ist der Versuch einer durchgehend erzählten Geschichte und soll keine abendfüllend aufgeblasene Sketch-Revue sein . . .

SPIEGEL: . . . eine Spezialität Ihres humoristisch verwelkten Kollegen Otto. Glauben Sie, daß Sie mit dieser Posse übers Fernsehen bildschirmflüchtige Kino-Gänger nennenswert aufmuntern können?

KERKELING: Anbiedern liegt mir nicht. Ich bin kein geschmeidiger Geschmacks-Populist und arbeite eher aus dem Bauch heraus.

SPIEGEL: Zu RTL sind Sie dagegen mit kühlem Kopf gewechselt, nach jahrelanger Hege in öffentlich-rechtlichen Brutkästen. Ein undankbarer Pflegefall.

KERKELING: Dankbarkeit muß ja nicht in Hörigkeit ausarten. Ich hatte bei Radio Bremen langfristig keine Perspektive mehr.

SPIEGEL: Vor kurzem haben Sie noch posaunt, nach Übertritt zu den Privaten seien Sie künstlerisch mausetot.

KERKELING: Es waren letztlich die Finanzen, die mich gelockt haben.

SPIEGEL: Hurz und gut, Sie wollen endlich richtig abkassieren.

KERKELING: Jawoll! Bei Radio Bremen habe ich für jährlich vier »Total normal«-Sendungen 120 000 Mark bekommen. Das hört sich stattlich an, aber nach Abzug aller Nebenkosten blieb nur ein eher kümmerliches Salär. Das hätte mich bei ausbleibendem Erfolg ins finanzielle Fiasko gestürzt.

SPIEGEL: Die Branche spricht von sechs Millionen Mark, die RTL in zwölf Kerkeling-Sendungen investieren will. Eine Summe, bei der den ARD-Oberen, wie es heißt, die Ohren abgefallen sein sollen.

KERKELING: Keine Intimitäten, bitte. Ich liefere als mein eigener Produzent ein komplettes, sendefertiges Programm. Und je sparsamer ich dabei wirtschafte, desto mehr bleibt in meiner Privatschatulle.

SPIEGEL: Worauf darf sich denn die Kerkeling-Gemeinde freuen?

KERKELING: Wir starten mit einer wöchentlichen Sendung im Herbst '93, live, chaotisch und total überdreht. Sie wird vermutlich die TV-Nation aufwühlen und entzweien. Die einen werden wohl aufheulen vor Empörung, die anderen hoffentlich vor Vergnügen kreischen.

SPIEGEL: Und wie soll dieser wildwuchernde Spalt-Pilz heißen?

KERKELING: Ein naheliegender Titel, der im Gespräch ist, wäre: »Bis es euch gefällt«.

SPIEGEL: Diese Drohung paßt ausgezeichnet zum zeitgenössischen Privatfernsehen. Gehören Sie als öffentlich-rechtliches Ziehkind in dieses anrüchige, aggressive Umfeld?

KERKELING: Es ist wahrlich nicht die Welt, nach der ich mich verzehre. Um ehrlich zu sein, ich hab das großzügige RTL-Angebot, das schon lange vorlag, erst angenommen, als Rosa von Praunheim mich letztes Jahr öffentlich als schwul bloßgestellt hat. Denn nach diesem Schock wußte ich nicht, wie es mit meiner Karriere weitergeht und ob mir die Altanstalten auf Dauer gewogen bleiben.

SPIEGEL: Noch kurz vorher hatten Sie Hape-verliebte deutsche Mütter mit der Meldung in Sicherheit gewiegt, Sie strebten total normal nach Familienfrieden und eigenen Kindern. Wie hat der Homo-Petzer Ihr Outing inszeniert?

KERKELING: Ich kannte Rosa gar nicht. Einen Tag vor der berüchtigten »Explosiv«-Sendung, in meinem neuen Heimathafen RTL, rief er mich an und wollte wissen, ob ich schwul sei.

SPIEGEL: Wie haben Sie reagiert?

KERKELING: Ich habe ihm gesagt, das veröffentliche ich, wenn ich es für richtig halte. Ich hatte ein mulmiges Gefühl. Am Abend darauf rief eine entsetzte Freundin bei mir an: »Schalt sofort den Fernseher ein, es geht dir an den Kragen.« Als Rosa meinen Namen nannte, war ich der Ohnmacht nahe.

SPIEGEL: Praunheim schwatzt bekanntlich bisweilen Unfug vor der TV-Kamera. Den verrenteten Staatslenker Helmut Schmidt hat er mal als bisexuell geoutet, obwohl doch niemand den unfroh vergeistigten Altkanzler ernsthaft mit Geschlechtslust in Verbindung bringen würde.

KERKELING: In meinem Falle hatte er ja recht, und eigentlich habe ich eine Enthüllung schon länger befürchtet. Ich habe mich nie an die Samstagabend-Show getraut, weil die Schnüffler von der Boulevard-Presse dann mit Sicherheit in meinem Privatleben gewühlt und herausgefunden hätten, daß ich seit Jahren mit meinem Freund zusammenlebe.

SPIEGEL: Sie machen jetzt einen heiteren, unbeschwerten Eindruck. Ist wirklich kein Flurschaden entstanden?

KERKELING: Nein, meine Ängste waren völlig unbegründet. Das Publikum hat irre normal reagiert. Sogar in der tiefsten bayerischen Provinz, wo ich kurz nach dem Outing auf Tournee war, bin ich nie dumm angequatscht worden. Es gibt in unserem Gewerbe so viele Untergrund-Schwule, die teilweise zur Tarnung in die Ehe geflüchtet sind. Ich kann nur jedem raten, sich nicht zu verstellen.

SPIEGEL: Sind Sie etwa der rosa Klatschbase dankbar?

KERKELING: Das wäre wohl übertrieben. Sensiblere Naturen als ich hätten sich in einer Kurzschlußhandlung womöglich mit dem Fön in die Badewanne gelegt.

SPIEGEL: Das ist doch genau die mörderische Erlebniswelt, in der sich Ihr neuer Arbeitgeber RTL am liebsten suhlt - Sex, Gewalt, Indiskretion.

KERKELING: Das Fernsehen ist absolut schamlos geworden. Ständig werden Tabus geknackt.

SPIEGEL: In Talk-Shows erscheinen, als Vertreter sexueller Randgruppen, mutmaßlich demnächst Kleintierzüchter, die sich an ihrem Geflügel vergehen.

KERKELING: Nichts ist unmöglich. Ich hoffe nur, das Publikum wird irgendwann rebellieren, auch gegen die Flut der tristen Soft-Pornos wie »Bohr weiter, Kumpel«. Dieses aus den Fugen geratene Fernsehen wird kollabieren.

SPIEGEL: Und was kommt dann?

KERKELING: Ruhe, endlich!

SPIEGEL: Eine herrliche Television. Aber die hochdotierten Maultaschen wie der Mitternachts-Narziß Thomas Gottschalk werden gewiß nicht freiwillig in den Vorruhestand gehen.

KERKELING: Ich verstehe nicht, warum Gottschalk sich diesen Streß einer werktäglichen Late-Show verordnet. Ich würde schnell auf dem Zahnfleisch gehen. Und lohnt denn der Aufwand bei den doch eher ärmlichen Einschaltquoten? Der deutsche Fernsehbürger beißt doch erfahrungsgemäß sehr zeitig in seine Bettwurst.

SPIEGEL: Wie wollen Sie ein Volk von chronisch übersättigten Fernbedienungs-Fanatikern von der Schlummerrolle holen? Etwa mit Ihren Lieblingen aus der altdeutschen Fernsehunterhaltung, mit dem betagten Brauchtums-Dirndl Maria Hellwig oder dem ausrangierten Bembel-Schwenker Heinz Schenk, der ja auch in »Kein Pardon« tragend mitwirkt?

KERKELING: Das sind zum Teil wirklich große Entertainer, die sich im deutschen Biedermeier-Fernsehen doch gar nicht anders entwickeln konnten. Die stehen zu dem, was sie anrichten, und sind nicht so ausgebuffte Abkocher wie etliche dieser grauenhaften musikalischen Volkstums-Mutanten.

SPIEGEL: Woher kommt denn Ihre Leidenschaft für die Steinzeit des Fernsehens?

KERKELING: Wir TV-Zöglinge der sechziger und siebziger Jahre haben doch alle eine schräge, heimliche Passion zu den Lemuren dieser spießigen Unterhaltung. Da lief zu der Zeit, als ich fernsehen durfte, samstags nachmittags, immer der »Blaue Bock« oder »Die Musik kommt«. Meine Oma, die mich großgezogen hat, sagte: »Guck dir das an, das ist eine schöne Sendung.« Ich fand es abartig und faszinierend zugleich.

SPIEGEL: Ihre Frau Großmutter ist für Ihre Geschmacksbildung wegweisend geblieben?

KERKELING: Oma Berta ist immer noch kurz und hart in ihrem Urteil. Und wie sie mir damals die Augen geöffnet hat für das Gute und Schöne, so blicke ich manchmal gerührt auch heute noch in die Röhre.

SPIEGEL: Und was sehen Sie da?

KERKELING: Eigentlich immer noch den großkarierten Peter Frankenfeld mit Gästen in der Kitschkulisse von »Musik ist Trumpf«. Vor diesen rosaroten Tüllgardinen haben die ihre Sketche abgezogen - zum Niederknien. Ich glaube, daß viele von uns jungen Entertainern von einem rauschenden Auftritt auf der großen Showtreppe träumen - natürlich nur als Parodie.

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