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AUTOREN Bisschen abgeschrieben?

aus DER SPIEGEL 16/2007

Der gruseligste Kriminalfall Bayerns kommt vor Gericht - nach 85 Jahren nun doch. Allerdings steht nicht der Mörder, der 1922 auf dem bayerischen Einödhof Hinterkaifeck einer Familie die Schädel gespalten hat, vor dem Kadi. Dafür wird der gefeierten Autorin des Kriminalromans »Tannöd« vorgeworfen, sie habe ihre Geschichte über das Morddrama abgeschrieben. Diese Woche noch will der Journalist Peter Leuschner die Schriftstellerin Andrea Maria Schenkel wegen Plagiats beim Landgericht München verklagen. Die Romanversion der mysteriösen Bluttat erschien im Januar 2006 und steht seit Monaten an der Spitze der Bestsellerlisten - doch fehlt ihr ein Hinweis auf Leuschners 1997 erschienenes Sachbuch »Hinterkaifeck. Der Mordfall«. Leuschner hatte als erster Journalist Zugang zu allen Ermittlungsakten und Archivmappen über das Verbrechen, fasste in jahrelanger Arbeit kleinste Details zu einer spannenden Wiedergabe der Ereignisse im März 1922 zusammen. Dass Leuschner seinen Text mit fiktiven Dialogen und Szenen würzte, wird jetzt für Schenkel ein Problem. Denn auch diese erdachten Passagen finden sich teilweise in »Tannöd« wieder - in abgewandelter Form. So gibt es in beiden Büchern eine Szene, in der sich ein Monteur nach einer Schraubenmutter bückt und dabei den Schatten des Mörders zu sehen glaubt. Auch einen rätselhaften Dialog zwischen dem späteren Opfer Viktoria und einem Pfarrer kann man bei Leuschner und Schenkel nachlesen. Leuschner nennt es ein Gebot der Fairness, sein Buch als Vorlage in »Tannöd« zumindest zu erwähnen. Inzwischen will sein Anwalt aber mehr: Auch ein finanzieller Ausgleich wird eingeklagt. Der Hamburger Verlag Edition Nautilus, der Schenkels Bestseller publiziert, weist den Plagiatsvorwurf zurück. Autorin Schenkel erklärte, Leuschner selbst habe ihr sein Buch bei einem Besuch als Sachbuch vorgestellt, aus dem man entnehmen könne, was man möchte. Sie sehe der Auseinandersetzung »gelassen entgegen«.

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