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»BIST DU EINE SCHILDKRÖTE?«

aus DER SPIEGEL 43/1968

»Wo die Engel sich fürchten hinzugehen«, meldete das Raumschiff »Apollo 7« aus der Erdumlaufbahn über Texas, USA, »da fallen die Narren ein.« Unten in Houston, am Funksprechgerät des Apollo-Kontrollzentrums, saß der Reserve-Astronaut Jack Swigert und fühlte sich vergackeiert.

Er hatte lediglich darum gebeten, den Anschluß für die Übermittlung biomedizinischer Daten auf den Raumschiff-Kommandanten Walter Schirra umzuschalten. Als Antwort hörte er nun den Schlagertext von Engeln und Narren. Und dann fragte »Apollo 7« herunter: »Machst du Musik, Jack?« Swigert verneinte. Oben aber war welche:

Da spielte jemand das Lied »Fools rush in where angels fear to tread«. Deswegen die Bemerkung: »Wir haben sehr gute Musik hier.« Das Kontrollzentrum freilich hatte weder Musik noch eine Erklärung. »Ihr könnt ja mal in der Stadt herumtelephonieren, welcher Sender das gerade gebracht hat«, schlug »Apollo 7« vor. Denn dergleichen war schon öfter passiert auf dieser Reise, immer über Texas: daß sich Programme bodenständiger Rundfunksender in den Sprechfunkverkehr mit dem All mischten. Einmal hatte Raumschiff-Pilot Donn Eisele einen heißen Tip für eine Krankenhaus-Versicherung im Kopfhörer. Er nahm es leicht: »Vielleicht wissen die etwas, das ich noch nicht weiß.«

Tags darauf hatte er einen schönen Schnupfen. Er hatte ihn von Walter Schirra. Und der wiederum hatte ihn von Walter Cunningham, dem dritten an Bord. »Apollo 7« wurde zur ersten Weitraum-Krankenstation. Zu allen ungelösten Problemen, die Amerikas Weltraumflüge befrachten, nahm das größte, modernste und komplizierteste Raumschiff der USA nun auch noch dies mit auf den Weg: die gemeine irdische Erkältung.

Sie traf die drei Astronauten so unverhofft wie jenes Lied von den Engeln und den Narren -- wie eine ironische Erinnerung an die Unentrinnbarkeit ihrer vertrauten Schwächen. Viel ließ sich nicht dagegen tun, jedenfalls nichts anderes als auf der Erde. »Wenn ich eine wirksame Droge gegen die gemeine Erkältung hätte«, bekannte Astronauten-Chefarzt Charles Berry, »dann wäre ich nicht hier, sondern irgendwo auf einer Jacht, denn dann hätte ich ein Vermögen verdient.«

So aber hatte er Cunningham und später auch Eisele, als sie drei Tage vor dem Start über Verschnupftheit klagten, prophylaktisch mit Antibiotika und Antihistaminen behandelt, was auch anzuschlagen schien. Bereits 36 Stunden vor dem Abschuß der Raumrakete waren die Symptome verschwunden, Als dann einen Tag nach dem Start Schirra meldete, jetzt habe er eine saftige Erkältung, wurde freilich klar, daß die Viren keineswegs verschwunden waren. Sie waren an Bord und tummelten sich.

Das warf faszinierende Fragen auf: Vermehrten die Viren sich unter Weltraumbedingungen schneller als am Boden? Oder waren sie gar Mutationen unterworfen? Würde so aus einem schlichten Schnupfen eine neue schreckliche Krankheit werden? Aber da niemand die Antwort wußte, hielt man sich an die alte Kur: Aspirin, abermals Aspirin, ein paar Tabletten zur Befreiung der verschleimten Luftwege, viele Papiertaschentücher und viel freundlicher Fatalismus.

Selbst prophylaktische Antibiotika aus der Bordapotheke mochten die Ärzte des Kontrollzentrums nun nicht mehr verschreiben -- ein Umstand, der Walter Cunningham verdroß, denn er wollte seinen Schnupfen, der ihn vor dem Start geplagt hatte, nicht wiederhaben: »Soll ich ihn erst kriegen, damit ihr ihn behandeln könnt?«

Der Weltraum-Schnupfen blieb eine Episode. Nicht aber jenes Rendezvous zwischen Faszination und Fatalismus, das er zutage brachte. Dies nämlich erwies sich als typisch für das Unternehmen »Apollo 7«, ja für den derzeitigen Zustand des amerikanischen Raumfahrtprogramms überhaupt.

Dem Aufatmen, mit dem die weitraumbewußten Bürger dieses Landes den ersten bemannten Testflug ihres Mondschiffes zur Notiz nahmen, folgte alsbald ein Achselzucken. Und zu der glanzäugigen Hingabe, mit der die Mondschützen selber ihr Ziel Immer wieder ins Visier nahmen, gesellte sich ein schnöder Zweifel: ob dies alles denn noch die Mühe lohne.

Die Szene hat in der Tat gewechselt. Symbolfiguren des technologischen Fortschritts wie Wernher von Braun gebrauchen heute unwidersprochen Worte, die im Land der unbegrenzten Möglichkeiten vor kurzem noch zu den Obszönitäten gerechnet wurden -- die Worte: Wir schaffen es vielleicht nicht.

Zum erstenmal, seit hier die Raketen fliegen, gebärden sich Amerikas Mondsüchtige tatsächlich wie Kranke, denen man bloß ein Aspirin verschrieben hat. So ähnlich ist es auch. Das Weltraum-Budget der USA ist drastisch gekürzt worden: Von einer ohnehin als sparsam geltenden 4,4-Milliarden-Dollar-Anforderung haben der Präsident und der Kongreß nur etwa 3.8 Milliarden übriggelassen. Für Amerikas Weltraumfahrer bedeutet dies, daß die Engel gegangen und die Narren eingefallen sind.

Wernher von Braun ist überzeugt, daß die USA ihre führende Rolle In der technologischen Entwicklung spätestens in fünf Jahren an die Russen abgeben müssen, wenn sie nicht wenigstens fünf bis sechs Milliarden Dollar jährlich für die Raumforschung aufwenden.

Es gibt Wissenschaftler in Amerika, die das noch viel schwärzer sehen und die auch öffentlich keinen Hehl daraus machen, daß nach ihrer Meinung die Zukunft der amerikanischen Raumfahrt schon beendet ist.

Die nämlich hätte erst hinter dem Mond begonnen. Und für alles, was nach dem Mondflug kommen sollte, ist nun so gut wie kein Geld mehr da: für die Versuche, unbemannte Raumstationen auf den Planeten Mars und Venus zu landen, für die Entwicklung eines atomaren Raketen-Antriebs und für Wernher von Brauns erdumkreisende Raum-Werkstatt.

James Webb, bislang Chef der Weitraumbehörde Nasa, ist kürzlich mit dem Kassandra-Ruf zurückgetreten, die Amerikaner seien im Begriff, aus dem Weltraum abzuziehen, ehe sie ihn überhaupt betreten hätten.

Die Nasa operiert am Rande einer deftigen Depression. Ende des Jahres werden von den 420 000 Arbeitskräften, die sie einmal beschäftigt hat, nur noch 220 000 übrig sein. Selbst die Kontrakt-Firmen des Projekts »Apollo«, das ja noch läuft, entlassen monatlich zwischen 3000 und 4000 Mann.

Kostspielige Anlagen für Forschungen und Tests in Huntsville und in New Orleans werden kaum noch genutzt. Und in den ausgesprochenen Nasa-Gemeinden wie auf Cape Kennedy oder nahe Houston versuchen Kaufleute und Immobilien-Händler längst Kunden anzuziehen, die nicht von der Raumfahrt leben. Was bleibt, ist der Mondschuß, das Projekt »Apollo. Da es den größten unmittelbaren Prestige-Nutzen hat, ist es finanziell am wenigsten beschnitten worden.

Aber gelaufen ist das Rennen darum noch lange nicht. Sowohl Webb als auch von Braun glauben, daß die Russen eine Rakete einsatzbereit haben, die wesentlich schubstärker ist als die amerikanische Mondrakete »Saturn 5« mit ihren 7,5 Millionen Pfund Schub, und daß sie deshalb sogar direkt zum Mond und zurück fliegen könnten -- also ohne ein Beiboot wie die amerikanische Mondfähre, die ohnehin erst nächsten Februar startklar ist.

Für die USA aber ist die »Saturn 5« vorerst das letzte Wort. Ihre Produktion wird mit Stückzahl 15 ersatzlos eingestellt. Der Mond, den sie erreichen kann, droht zum Sackbahnhof der US-Raumfahrt zu werden. Und solche Ziele können die Kräfte der Besten schwerlich beflügeln.

Die Champions rennen noch, gewiß -- aber eben so, wie man zum letzten Bus rennt, man will schließlich nach Hause. Vielleicht, wer weiß, sieht am nächsten Morgen alles wieder viel rosiger aus. Unter solchen Umständen stellt sich auch die Frage neu, ob es denn wohl nichts Dringlicheres gebe, als vor den Russen auf dem Mond zu sein -- selbst wenn sie jetzt nicht laut wird.

Für John F. Kennedy, der seine Landsleute hieß, bis zum Ende der Dekade einen der Ihren sicher auf den Trabanten und wieder zurückzubringen, war der Mondflug eine Chiffre des Aufbruchs zu neuen Grenzen. Aber Kennedy ist lange tot. Und heute stößt die Nation an Grenzen, die so neu nicht sind: die Unversöhnlichkeit der Rassen, die Unausrottbarkeit von Gesetzlosigkeit und Gewalt, die Unersättlichkeit eines ungewollten Krieges, der eben jene Milliarden verschlingt, die der Zukunft zugedacht waren.

Wer wollte da noch voller Begeisterung im Mondflug die große Aufgabe des Jahrzehnts erblicken? Wer würde * Im Bild: Astronauten Eisele, Schirra.

dieses Abenteuer da nicht gerne wieder der Romantik auf eine Weile zu treuen Händen überlassen -- jener Ausdrucksform menschlichen Dasems also, in der »Fly me to the Moon« nichts anderes bedeutet als »Hold my Hand«?

Wenn schon ein amerikanischer Fernsehmann wie Chef Huntley, der seine Bemerkungen zum Zeitgeschehen sonst extra dry zu machen pflegt, die Befürchtung äußert, kein Dichter werde den Mond mehr besingen, wenn wir erst mal dort gelandet sind, dann ist es weit gekommen.

Tatsächlich haben die Nachrichten-Medien der USA, insonderheit die Fernsehstationen, wohl noch keinem bemannten Raumflug so wenig Aufmerksamkeit gewidmet wie diesem Marathonflug der drei Astronauten des Mondschiffes »Apollo 7« -- obwohl das Fernsehen diesmal sogar live aus dem Weltraum kam,

Noch nie jedenfalls ist das reguläre Fernsehprogramm so schnell wieder in seine (von der Werbung bezahlten) Rechte eingetreten wie nach dem problemlos gelungenen Start des ersten amerikanischen Weltraum-Triumvirats.

Es ist eben nicht leicht, die emotionsfeindliche, in Zahlenkolonnen formierte Technik der wahren Raumfahrt an ein Publikum zu verkaufen, das schon in der Kinderstunde fliegende Drachen gegen die Strahlen-Kreuzer der Weltraumpiraten antreten sieht und auf dessen Bildschirmen es pausenlos kracht, wenn nicht gerade geworben oder gerätselt oder in Mutters Namen Lebenshilfe geleistet wird.

Gewiß, eine Katastrophe hätte den Atem der Nation stocken lassen, hätte alles andere verdrängt. Aber »Apollo 7« war das blanke Gegenteil: die Überwindung einer Katastrophe. Diese Mission mußte beweisen, daß jenes Feuer auf der Startrampe 34, das im Januar 1967 die erste »Apollo«-Crew, Grissom, White und Chaffee, verbrannte, nicht auch die Befähigung der Amerikaner zum bemannten Raumflug zerstört hat.

Doch dabei erwies sich, daß der bemannte Raumflug schon wieder auf dem besten Wege ist, Routine zu werden. Eine besonders komplizierte Routine obendrein -- jedenfalls für das Publikum. Funktionsweise und Manöver des Raumschiffs sind längst nur noch für Experten ganz durchschaubar.

Und die Gespräche der Astronauten mit dem Kontrollzentrum hören sich die meiste Zeit an, als telephoniere der Mann, der gekommen ist, die Waschmaschine zu reparieren, mit der Herstellerfirma, weil er den Fehler allein nicht finden kann.

Die Astronauten sind nicht mehr die Helden der Nation. Sie sind eine besonders qualifizierte, besonders privilegierte Elitetruppe der Technologie. Und was wichtiger ist: Sie fühlen sich jetzt auch so.

Das Weltraum-Fernsehen hat das klargemacht -- ausgerechnet jene Einlage im Flugprogramm also, die von der Nasa als eine Art Anreißer gedacht war, als die Drehorgel sozusagen, die den Hut in der Hand füllen helfen soll.

Kapitän Walter Schirra, 45, der Astronauten-Veteran auf seinem dritten und erklärtermaßen letzten Flug, war von Anfang an dagegen. Nicht weil er die Kamera zu fürchten hätte. Er ist ein attraktiver, ausdrucksfähiger Typ, der bei der Marine den Spitznamen »Silberzunge« hatte. Er verfügt über jene betont männliche Gelassenheit, die ganz unverhofft detonieren kann. Und er hat durchaus Sinn für Spaß: Auf seinem ersten Weltraumflug schmuggelte er ein Butterbrot an Bord und auf seinem zweiten, um die Weihnachtszeit, einen Triangel, mit dem er »Jingle Bells« spielte.

Die Fernsehübertragung aus dem Weltraum aber, so fand er zu Recht, sei erstens technisch noch nicht perfekt und habe zweitens im Flugplan dieser Mission eigentlich nichts verloren. Als der erste Sendetermin kam, weigerte Schirra sich einfach, die Kamera in Gang zu setzen, und legte sich darob kräftig mit seinem Boß am Boden, Deke Slayton, an: »Wir haben das Gerät noch nicht ausgepackt, wir haben noch nicht gegessen, ich habe immer noch eine Erkältung, ich lehne es ab, unseren Zeitplan auf diese Art zu versauen.« Millionen Amerikaner warteten vergebens.

Und als später schließlich doch gesendet wurde, nahmen Schirra und seine Kopiloten das Fernsehen erst einmal auf den Arm -- indem sie es parodierten, bevor sie mit dem Weltraum-Schulfunk anfingen.

Sie hielten der Kamera Schilder hin, auf denen das Raumschiff »der herrliche Apollo-Room, hoch über allen Dächern« hieß. Sie sagten sich selber an als »die einmalige Apollo-Tournee mit den drei großartigen Weltraum-Akrobaten« oder als »eine hübsche Schau für die ganze liebe Familie«. Und sie hatten schließlich auch ein Schild mit dem Standard-Slogan der bewertungsgierigen Schau-Leute parat: »Keep those cards and letters coming in, folks -- schreibt uns fleißig, wie es euch gefallen hat.«

Die besten Witze aber waren nicht für das breite Publikum. Nur Insider konnten sie verstehen. Bereits in der zweiten »Apollo«-Sendung sahen sich Deke Slayton und der Nasa-Sprecher Paul Haney mit der sauber gepinselten Frage konfrontiert: »Bist du eine Schildkröte?« Die »Schildkröten« sind ein ebenso exklusiver wie frecher Klub von Astronauten, Testpiloten und Technikern der Weltraumfahrt, zu deren festen Regeln es gehört, obige Frage sofort und lauthals mit einer ziemlich unanständigen Antwort zu versehen ("You bet your sweet ass, I am"), widrigenfalls sie jedermann in Hörweite einen Drink bezahlen müssen.

Doch Slayton und Haney schwiegen, denn natürlich darf niemand sich getrauen, im sittenstrengen amerikanischen Fernsehen, wo praktisch jedermann in Hörweite ist, lauthals eine so unanständige Antwort zu geben.

Und so wird es also, wenn alles gutgeht, für den Mann auf der Straße zu Weihnachten eine amerikanische Mondumrundung und für die Insider von »Apollo 7« nach der Landung eine erhebliche Party geben. Mag sein, auch umgekehrt. Hauptsache, der Stimmungs- und Alkoholpegel steigt zu jenem Grad, wo die Amerikaner sagen: »High.«

Dean Martin, hauptamtlicher TV-Schaumann und gleichermaßen berühmt für seine Lieder wie für seinen Alkoholkonsum, sah die Party schon kommen: »Re Jungs«, telegraphierte er an »Apollo 7«, »erst klaut Houston mein Lied (,Fools rush in'), dann klaut Ihr meinen Slogan (,Keep those cards and letters coming'), und es steht zehn zu eins, daß ihr nach der Landung auch noch anfangen werdet zu trinken. P. 5.: Wie alle Amerikaner bin ich stolz auf euch. Zweites P. S.: Ich war gestern abend higher als ihr jetzt.«

Hermann Schreiber
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