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FERNSEHEN Bitterer Traum

»Der große Alexander«. Film von Theo Angelopoulos. ZDF. 14. Januar, 22.40 Uhr; 15. Januar, 22.20 Uhr.
aus DER SPIEGEL 3/1981

Fast wäre »Der große Alexander« von Theo Angelopoulos zu dem traurigen Ruhm gekommen, das am meisten verschobene Programmstück des deutschen Fernsehens zu sein.

Während immer wieder, durch Ankündigungen des ZDF genarrt, Geisterbesprechungen des unsichtbaren Alexander erschienen -- so vor zwei Wochen in der »Zeit« --, war beim Zweiten Deutschen Fernsehen bald der Zeitpunkt der Synchronisation falsch kalkuliert worden, bald erwies sich das gepanzerte Programmschema als zu resistent S.155 gegen jähe Änderungen, und schließlich mußte Alexander dem Fußballverwirrspiel der Übertragungen aus Uruguay weichen.

Dem Interesse für den vierstündigen Mammutfilm, der in die ZDF-Kategorie »Das kleine Fernsehspiel« auch zweigeteilt etwa so gut paßt wie ein Paar Schuhe, Größe 56, in eine Boutique »Alles für das Kind«, werden die Verschiebungen -- so steht zu hoffen -- ebensowenig schaden wie die späte Ausstrahlungszeit. Es ist ja wohl eine kaum zu lösende Schwierigkeit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, daß es die wenigen Sendungen, derer es sich nicht zu schämen brauchte, schamvoll zu Sendezeiten verstecken muß, wo die meisten auf den schwarzen Kanal der Nachtruhe umgeschaltet haben.

Für den »Großen Alexander«, den das ZDF (wie schon »Die Jäger") mäzenatisch mitfinanziert hat, braucht sich der Sender nicht zu schämen -- und tut, paradoxerweise, doch gut daran, ihn ins späte Minderheitenprogramm abzuschieben.

Denn wer Fernsehen als eine möglichst schnelle Abfolge von bunten Bildchen, sogenannten turbulenten Situationen und Dialogen, die vor allem eine panische Angst vor der Stille verraten, schätzen und lieben gelernt hat -- wer also mit dem üblichen Tralala gut und gerne durch den Abend zu kommen gewohnt ist, den muß ein Film wie der des griechischen Filmemachers Theo Angelopoulos verstören.

Der fünfundvierzigjährige Athener und studierte Jurist, der ähnlich wie seine Pariser Vorbilder der Nouvelle Vague, bei denen er studierte, bis 1967 als Filmkritiker arbeitete, hat bisher nicht mehr als eine Handvoll geduldiger, episch breiter, kompromißlos genauer Filme gedreht, die klar und verwirrend zugleich die eindeutige und verworrene Geschichte seiner griechischen Heimat in filmische Bilder zu bannen suchen.

Im deutschen Fernsehen waren unter anderem die »Wanderschauspieler« und die »Jäger« zu sehen: beides Filme, die eine Art mythologisches Ineinander von verschiedenen historischen Zeiten herstellten; beides Filme, die gerade dadurch politische Klarheit zu erzeugen suchten, weil eben Aktionen nur dann verständlich werden, wenn man sich ihre scheinbar unverständlichen Wurzeln, ihre unbewußten Implikationen vor Augen führt.

Der »Große Alexander« arbeitet ähnlich. Er benutzt eine merkwürdig legendennahe Episode der griechischen Geschichte, um unüberbrückbare Gegensätze des griechischen Sozialsystems darzustellen: die abweisende Archaik der kargen Bergdörfer ebenso wie den nie ausgeträumten stolzen Traum vom Weiterleben der Antike, das elegante, an Frankreich und vor allem England orientierte Gesellschaftsleben Athens und der demokratische Stolz, der gegen diese Fremdbestimmung aufmuckt.

Das Ergebnis ist, so merkwürdig das klingen mag, eine barbarische Mondänität und eine elegante Barbarik -- das ausladende Filmverfahren von Angelopoulos, der Einstellungen von fast zehnminütiger Dauer riskiert und seine eindringlichen Arrangements in überzogenen Schwenks von über 360 Grad abfährt, bietet die Verschlossenheit dieser Welt zu ihrer Entschlüsselung auf.

Kein psychologisches »Weil«, kein politisches »Deshalb« erklären den Verlauf der Geschichte, die antikische Wucht hat und dörfliche Kleinkariertheit -- wobei sich zeigt, daß wohl beides ein und dasselbe zu sein vermag.

Die Athener Gesellschaft feiert das Silvester des Jahres 1899. Man sieht die neoklassizistische Umgebung des »Wittelsbacher« Athen, sieht die goldbetreßte, befrackte Gesellschaft, die sich an Champagnerkelchen würdig festhält, sieht die Roben der Damen, die nach Treppen verlangen, über die sie herabrauschen können. Ein Hauch von dekadentem Dandytum liegt über der Fete in der britischen Botschaft.

Kontrastiert wird diese (buchstäbliche) Fin-de-siecle-Stimmung mit verschwörerischen Attentatsvorbereitungen. Ein gewichtiger Mann, der aussieht wie ein dem Grabe und der Sage entstiegener mazedonischer Alexander, halb Reinkarnation, halb komischer Nachahmungsnarr, besteigt einen Schimmel; Gefängnistore öffnen sich, die so Befreiten ziehen am wunderbaren Horizont der griechischen Küste im Morgendämmer vorbei, der Poseidon-Tempel erscheint, Geschichte wird für einen betörenden Augenblick, schön und verloren zugleich, Gegenwart.

Die Aufrührer nehmen den britischen Botschafter und sein Personal als Geiseln -- und bringen die Regierung in eine Zwickmühle: Nicht zu deutlich möchte sie werden lassen, daß sie von Englands Gnaden regiert, nicht zu sehr möchte sie den Forderungen der Geiselnehmer nach Amnestie aller Gefangenen nachgeben. Denn die haben, mit Alexander an der Spitze, in einem Dorf eine Art kommunistischer Utopie ins S.156 Leben gerufen -- und das könnte gefährlich ansteckend sein.

In dem Dorf jedoch, das in abweisender Armut sich hinter einem Fluß in die schneebedeckten kargen Felsen Mazedoniens klammert, läuft sich die Entwicklung gegen die, notgedrungen, auf Zeit spielende ohnmächtige Regierung von selbst zu Tode.

Die Fraktionen verabsolutieren ihre Interessen: Italienische Anarchisten, die hier ihr Asyl gefunden haben, wollen die besitzlose Gesellschaft, die armen Bauern dagegen wollen ihre Armut nicht teilen. Und unter Alexander und seinen Gefolgsleuten machen sich bonapartistische Willkürakte breit: Im Dorf erweist sich, wie in einem Modell und von Angelopoulos ohne lehrhafte Aufdringlichkeit gezeigt, wie jähe, freiheitsdürstende Fraktionismen das Wesen einer Revolution zerstören, man mag dabei an den Stalinismus denken, an die Wiederholungen der griechischen Geschichte zwischen 1900 und 1970 oder, ohne die Parallele überanstrengen zu müssen, an die momentanen Vorgänge im Iran.

Schließlich tötet der in seiner kopflos panischen Selbstherrlichkeit ertrinkende Alexander die Geiseln und wird von den Dorfbewohnern, die jetzt die Rache der am anderen Flußufer stehenden Regierungstruppen fürchten, umringt und mänadisch zerrissen.

Als die Dorfbewohner den Kreis um ihn öffnen, ist der Platz leer, der Mythos wie nie dagewesen. Aber in der Schlußeinstellung sieht man das heutige Athen, von einem nächtlichen Hügel herab: jene unwiderstehliche Mischung aus Dunst, Neonflitter, wild verschachtelter Boom-Architektur und einer zur Größe verklärten Vergangenheit.

Und der Junge, der die Jugend Alexanders in merkwürdigen Einschüben verkörperte, reitet auf Alexanders Schimmel in die Stadt. »So kam Alexander in die große Stadt.«

Sicher, Angelopoulos ist bei all seinem episch genauen Fanatismus Mythologe. Aber von irgendwelchen »Kyffhäusern«, griechischen wie sonstigen, erzählt man nur, wenn sie als Traum bitter gebraucht werden.

Hellmuth Karasek

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