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EUTHANASIE Bizarre Verquickung

Die Thesen des australischen »Bio-Ethikers« Peter Singer geben Befürwortern der »aktiven Sterbehilfe« neuen Auftrieb. Die Tötung schwerstbehinderter Säuglinge soll kein Tabu mehr sein.
aus DER SPIEGEL 34/1989

Der Mann war hartnäckig. Weder Zureden noch Nichtbeachtung konnten ihn vertreiben. Gekettet an die Tür des Gebäudes, belagerte er den Gegner, Besucher mußten ihm ausweichen und Pamphlete entgegennehmen, die Zeile auf den mitgebrachten Schildern lautete: »Ich klage an«.

Angeklagt war das Wochenblatt »Die Zeit«. Mit einer sechsstündigen Belagerung des Hamburger Pressehauses erzwang Ende Juni der Autor und bundesweit bekannte Aktivist der westdeutschen »Krüppelbewegung« Franz Christoph, wovon unzufriedene Leser sonst nur träumen können: eine Debatte mit der Redaktion, die in einer späteren Ausgabe veröffentlicht wurde.

Mit einer Artikelfolge, so warf Rollstuhlfahrer Christoph zwei »Zeit«-Redakteuren vor, hätten sie »entschieden und demagogisch Propaganda für die Vernichtung behinderten Lebens« betrieben. An dem Vorwurf, so mußte die Redaktion indirekt eingestehen, war etwas dran.

Denn in den Wochen zuvor hatten sich die beiden Redakteure Hans Schuh und Reinhard Merkel mit ihren Artikeln zu Fürsprechern des australischen Philosophen Peter Singer gemacht, dessen Forderungen böse Erinnerungen an die Euthanasie-Strategien der Nationalsozialisten wecken: Schwerstbehinderte Neugeborene, so Singers These, seien »bis zu einem Monat nach der Geburt nicht als Menschen zu betrachten, die ein Recht auf Leben haben«. Es müsse vielmehr nach den Maßstäben einer von ihm entwickelten »Praktischen Ethik« (Buchtitel) die Tötung solcher Babys erlaubt werden. Das Tabu der »Heiligkeit des Lebens« dürfe in solchen Fällen durchbrochen werden.

Die öffentliche Erörterung derartiger Tabubrüche wollen aber viele Behinderte sowie Ärzte und Pädagogen, die mit ihnen zusammenarbeiten, gar nicht erst salonfähig werden lassen. Die Euthanasie-Forderung Singers und seiner Apologeten, schrieb Krüppelaktivist Christoph im SPIEGEL (23/1989), sei nichts anderes als »Aufruf zum Mord«.

Als ausgerechnet die »Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte« Anfang Juni einen Expertenstreit mit Singer veranstalten wollte, machten Behinderteninitiativen und die Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie für ein bundesweites Protestbündnis mobil. Aus Angst vor den angekündigten Gegenaktionen luden die Lebenshelfer zunächst Singer aus, kurz darauf sagten sie ihr Symposion ganz ab.

Verzichten mußte Singer auch auf einen Auftritt an der Universität Dortmund, wo der Sonderpädagoge Christoph Anstötz (gegen die Mehrheit seiner Kollegen) dem »Bio-Ethiker« aus Übersee ein Forum hatte verschaffen wollen. In Saarbrücken, der letzten Station seiner geplanten Tournee durch die Bundesrepublik, durfte Singer schließlich, unterstützt von dem Philosophen Georg Meggle, seinen Vortrag halten, nachdem er sich gegen ein halbstündiges Pfeifkonzert durchgesetzt hatte.

Doch die Proteste gegen die neue Leitfigur der Euthanasie-Befürworter ließen dem liberalen Geist der »Zeit«-Philosophen Merkel und Schuh keine Ruhe. Mit zwei langen Beiträgen traten sie der »aggressiven Intoleranz« der Singer-Gegner und der »doktrinären Lebensblindheit« der bundesdeutschen Gesellschaft entgegen, in der die »vielfach praktizierte Euthanasie an mißgebildeten Kleinkindern« hinter der »Finesse ihrer begrifflichen Abstraktionen« versteckt werde.

Ausgangspunkt der »neuen moralphilosophischen Euthanasie-Diskussion« (Merkel) sind die Fälle jener schwer mißgebildeten Neugeborenen, denen Ärzte keine lange Überlebenschance einräumen, deren zumeist schmerzvolles Leben aber gleichwohl etwa durch aufwendige Operationen für Monate oder Jahre verlängert werden könnte. Immer wieder geraten dann die behandelnden Mediziner in Gewissenskonflikte, immer aufs neue müssen sie über Wert oder Unwert des weiteren Kampfes für das Leben der Säuglinge befinden.

Wahrscheinlich mehrere hundert Mal im Jahr, so schätzte das Fernsehmagazin »Panorama« nach Recherchen in zahlreichen Geburtsabteilungen bundesdeutscher Krankenhäuser, entscheiden Ärzte in solchen Fällen, die Babys nur mit schmerzlindernden Medikamenten zu behandeln und sterben zu lassen, also »passive Sterbehilfe« zu leisten, wie sie gesetzlich erlaubt ist.

Um den Ärzten eine Entscheidungshilfe zu geben, verabschiedete ein informelles Gremium von Medizinern, Ethikern und Juristen schon 1986 die sogenannten Einbecker Empfehlungen. Sie sind zwar rechtlich unverbindlich, vermitteln manchen Ärzten aber gleichwohl das beruhigende Gefühl einer gewissen Berechtigung, wenn sie mißgebildete Neugeborene sterben lassen.

Dabei sind die angegebenen Kriterien äußerst schwammig. Der Arzt, so heißt es etwa an einer Stelle der »Empfehlungen«, habe einen »Beurteilungsrahmen, wenn eine Behandlung dem Neugeborenen nur ein Leben mit schwersten, nicht behebbaren Schäden ermöglichen würde«. Solche vagen Definitionen, kritisierte der Arzt Peter Radtke, der selbst mit der »Glasknochenkrankheit«, einer äußerst schmerzhaften, extremen Bruchanfälligkeit der Knochen, zur Welt kam, seien ein »Freibrief für die Tötung«.

Zudem kommt es vor, daß Kinder selbst dann von schwersten Mißbildungen ausreichend geheilt werden können, wenn die behandelnden Mediziner dies selbst gar nicht erwarten. So berichtete »Panorama« von einem Jungen mit offenem Rücken, dem der Arzt gegenüber der Mutter mit den Worten »vergessen Sie das Kind« keine Überlebenschance einräumte. Als sich anderthalb Jahre später die Ärzte eines anderen Krankenhauses zur Operation bereit erklärten, hatten sie Erfolg. Der heute Achtjährige besucht wie andere Kinder seines Alters die Regelschule.

Die widersprüchliche Situation, daß jedem menschlichen Wesen trotz schlimmster Leiden das Recht auf sein Leben zusteht, gehört mittlerweile zum Klinikalltag. Diese Spannung wollen die Euthanasie-Philosophen jedoch nicht aushalten. Wo immer abzusehen sei, daß ein »Leben aus nichts als einem Leiden ohne Ende« bestehe, meint Singer, sei aktive Sterbehilfe notwendig, um die Qualen abzukürzen.

Ganz ähnlich argumentieren seit Jahren der Sterbehilfe-Professor Julius Hackethal und der Euthanasie-Propagandist Hans Henning Atrott für den schnellen Tod unheilbar Kranker. Über der bisherigen Praxis im »Dunkelfeld des gesellschaftlichen Umgangs mit Leben und Tod«, erkannte auch »Zeit«-Autor Merkel, laste der »Alpdruck eines kollektiven Selbstbetrugs«.

Den begehen jedoch vor allem die neuen Ethiker selbst. Denn so strikt sie den Vorwurf zurückweisen, sie würden dem Aufleben alter Nazi-Ideologien Vorschub leisten, so ähnlich sind ihre Argumente denen der damaligen Propaganda gegen das »lebensunwerte« Leben von Behinderten.

So kleidet etwa Singer seine Thesen in das Gewand des Tierschutzes und vergleicht schwerstbehinderte Kinder »zum Beispiel mit einem Hund oder einem Schwein«, denen er sodann »höhere Fähigkeiten im Hinblick auf Verstand, Selbstbewußtsein, Kommunikation und viele andere Dinge« zuschreibt.

Ähnlich war auch das SS-Kampfblatt »Das Schwarze Korps« vorgegangen. »Ein idiotisch geborenes Kind«, hieß es da zur ideologischen Vorbereitung des späteren Massenmordes in den Heilanstalten, »hat keinen Persönlichkeitswert. Das Bewußtsein seines Daseins geht ihm weniger auf als einem Tier.« Werner Catel, Obergutachter und ehemaliger Chef einer Tötungsabteilung im NS-Gesundheitswesen, verteidigte sich noch 1962 mit dem Argument, ein geistig behindertes Kind stehe »tief unter der Daseinsstufe eines beseelten Tieres«.

Angesichts solcher Parallelen, schrieb der Sozialhistoriker Ernst Klee (in einer späteren Ausgabe der »Zeit"), wecke »Singers bizarre Verquickung von Tierschutz und Euthanasie« schon drastische Erinnerungen an die NS-Zeit.

Gemeinsam ist den alten und neuen Euthanasie-Anhängern aber auch, daß sie den emotionalen Motiven ihres Drangs zur vermeintlich humanen Tötung leidender Menschen gar nicht nachgehen. Die Forderung nach Euthanasie für Kranke und Behinderte, meint der Gütersloher Sozialpsychiater Professor Klaus Dörner, Autor einer jüngst erschienenen Studie über die sozialen und historischen Wurzeln des Euthanasieprogramms der Nationalsozialisten*, sei schon immer dort gewachsen, wo nur noch die maximale Verbreitung von Leistung und Glück zähle.

Dörner, der hinter dem vorgeblichen Mitleid mit den Qualen der Schwerkranken eher den Wunsch sieht, mit solchem Leid gar nicht erst konfrontiert zu werden, formulierte seinen Beitrag zur aktuellen Euthanasie-Debatte für den SPIEGEL.

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