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KULTURGESCHICHTE Bizarres Buch der Bücher

aus DER SPIEGEL 49/2002

Es ist der Fachverlag für Glitter und Glamour, selbst Pin-ups und softe Pornografie werden hier zum Kult erhoben. In diesem Bücherherbst ist das nicht anders - eine Veröffentlichung allerdings fällt aus dem halbseiden-hippen Rahmen: Der Taschen-Verlag veröffentlicht einen Reprint der ersten vollständigen Luther-Bibel (drei Bände, zusammen 1888 Seiten, 99,99 Euro). Immerhin passen die opulenten Illustrationen dieser Ausgabe von 1534 zum sonstigen handfesten Profil des Verlags: Auf den illuminierten Holzschnitten eines unbekannten Meisters aus der Werkstatt Lucas Cranachs speien feuerrote Drachen, es schleichen giftgrüne Schlangen aus den Augenhöhlen eines Totenkopfes, und eine üppig gerundete Eva labt sich an Adam und der fruchtbaren Schönheit des Paradieses. Tatsächlich vermittelt sich in diesen so farbenprächtigen wie wuchtigen Faksimile-Bänden bereits beim Durchblättern der festen und vornehm vergilbten Seiten, dass es sich beim Buch der Bücher um ein Werk voller Saft und Kraft, voller Lust und Leid handelt - eine Tatsache, die Bibelscheuen angesichts der üblichen strengen, schwarzen und dünnseitigen Ausgaben leicht entgehen kann. Luthers präzise und zugleich bildmächtige Sprache, die in modernen Bibel-Fassungen manchmal aufs allzu Brave geglättet wird, verheißt ohnehin prallen Lektüregenuss. Da ist sie also wieder: die Bibel als unschlagbarer Schmöker.

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