Zur Ausgabe
Artikel 55 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Blackout in der ersten Reihe

Matchball fürs Kommerzfernsehen. Mit Wimbledon ist dem Kölner Sender RTL plus im TV-Krieg um Live-Übertragungen ein Coup gelungen - beachtliche Einschaltquoten, satte Werbe-Einnahmen. ARD und ZDF schimpften über »Preistreiberei« und boykottierten das Tennisturnier, um »Vermittlern die dicken Konten nicht zu vergolden«.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Es war der schönste Tag der Krauts in der Geschichte des heiligen Rasens, und die Welt schaute entzückt auf das baden-württembergische Ballwunder.

»Tennis-Götter«, jubilierte »Bild": »Borissimo, Bravissimo, Steffi!« Aus Bonn telegraphierten Kanzler und Präsident, »alle Deutschen zu Hause freuen sich«. Die Auslandspresse feierte den »Triumph der Titanen«, die »beste Tennis-Frau aller Zeiten«, in Fernost staunte die »Times of India": »Deutsche, überall Deutsche. Unfaßbar.«

Alle, alle hatten Steffis und Bobeles gloriose Himmelfahrt miterlebt, nur in der Heimat hockten verbitterte Patrioten, die sich nach Bildern von den Aufschlagvirtuosen in Wimbledon verzehrten und statt dessen ein erregungsfreies Kontrastprogramm auf ihrem Bildschirm betrachten mußten - den tutigen ARD-Ratgeber »Heim und Garten« etwa, die »Hexe Lakritze« oder Flatulenzen wie den »Palast der Winde«. Bei ARD und ZDF ging es der TV-Kundschaft wie Meister Lampe im ZDF-Trickfilm »Mein Name ist Hase« - sie wußten von nichts.

Kein Bild kam vom historischen deutschen Double-Day, von Leimens Bum-Bum mit dem Goldpokal und der tränenreichen Steffi; kein Ton vom meckernden McEnroe, vom gräflichen Revanchefeldzug gegen die spanische Keuchdrossel Arantxa Sanchez und vom Siegesseufzer: »Ganz tief in meinem Herzen hatte ich ein unglaubliches Gefühl.«

Finnland, Marokko, Tunesien waren dabei. Bei den Öffentlich-Rechtlichen jedoch gab es, zwei Wochen lang, einen Blackout in der ersten Reihe. Aus dem Tennis-Schlaraffenland berichteten allein die Brüder vom Kommerz, der Kölner Privatkanal RTL plus, und nur wer am Kabel hängt oder den Sender terrestrisch empfängt, nur die halbe TV-Nation mithin, konnte sich an den Siegen berauschen. Über die Blinden von ARD und ZDF brach, von der Springer-Presse eifrig geschürt, ein gewaltiges Protestgewitter herein.

»Ihr habt uns um Wimbledon betrogen«, so schäumte die Boulevard-Presse. In Bonn entsetzte sich eine Allparteien-Koalition über den »Skandal«, Bundespressechef Klein erwog die Errichtung eines Krisenstabes, Heiner Geißler verwies verwundet auf die geprellten DDR-Menschen, Annemarie Renger stellte die Altanstalten in die »Monopol-Schmollecke«. Und Staatssekretär Wolfgang von Geldern wollte die »Riesenschweinerei« mit sofortiger Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens abstrafen. Das war, frohlockte der CSU-Medienwart Edmund Stoiber, »ein gewaltiges Eigentor«.

Verdattert lugten letzte Woche die vereinigten »ARD/ZDF-Schlafmützen« (Graf Lambsdorff) aus ihrem Nachtgeschirr; rasch wurden Selbstverteidigungs-Experten auf den Schirm geschickt, die lebhaft und weinerlich über den unziemlichen Umgang der televisionären Neulinge mit den ehrwürdigen, antiken Öffentlich-Rechtlichen klagten und gegen ruinösen Wettbewerb aufbegehrten.

Für das ZDF ging der Chefredakteur Klaus Bresser vor die Kamera und verwies listig darauf, daß die hetzende Meute von der Presse »Mitbesitzer der privaten Sender« ist. In den »Tagesthemen«, am letzten Montag, fragte Moderator Friedrichs kleinlaut: »Was sind wir denn nun? Betrüger, Boykotteure oder nur Schlafmützen?« Fragen, die der ins Studio geeilte ARD-Vorsitzende Hartwig Kelm ordnungsgemäß mit einem erfrischenden »Nichts von alledem« beantwortete. Die ARD sei wie immer »kostenbewußt und hellwach«, letzteres wird weiträumig bezweifelt.

Im vergangenen Jahr, kurz vor Weihnachten, hatte das Wimbledon-Elend der Anstalten begonnen. Damals hatte die Bertelsmann-Tochter Ufa die europäischen Radio- und TV-Übertragungsrechte vom »All England Lawn Tennis Club« gekauft. Für fünf Jahre zahlte die Ufa knapp 60 Millionen Mark, außerdem einen »kleinen Aufschlag« für die Nebenrechte an Video-, Verlags- und Musikvermarktung. Die deutsche TV-Lizenz erhielt für fünf Millionen Mark pro Turnier der Sender RTL plus, der zu 38,9 Prozent im Bertelsmann-Besitz ist. Die für einen weitgespannten TV-Verbund tätige Europäische Rundfunk-Union (EBU) hatte den Briten gut 50 Millionen Mark geboten und dann kapituliert.

Damit waren auch ARD und ZDF angemeiert und ausgebootet. 50 Millionen, so erregten sich die TV-Muftis, seien eine Irrsinns-Summe. Im Vorjahr mußten die Deutschen anteilig nur 150 000 Mark zahlen, nun werde das »14fache« verlangt. Das aber hieß im Klartext: ARD und ZDF hätten zusammen rund 2,1 Millionen Mark in den EBU-Topf geben müssen - ein lächerliches Sümmchen, das die Herren leicht aus ihren Portokassen hätten bezahlen können und das kaum zur Produktion zweier »Tatorte« ausreichen würde.

Die Intendanten jedenfalls, Gebieter über sieben Milliarden Mark pro Jahr, waren tief gekränkt, und auch ein Ufa-Angebot, über die Zweitverwertung zu verhandeln, stimmte sie nicht froh. Am 23. Februar traf sich der Ufa-Chef Bernd Schiphorst in Köln ergebnislos mit dem ARD-Schmollmund Fritz Klein. Am 30. März übermittelte die Ufa der ARD ein schriftliches Angebot für 986 Sendeminuten, rund 16 Programmstunden. Demnach hätten die Anstalten »einstündige exklusive Tageszusammenfassungen nach 23 Uhr«, Kurzberichte in den Nachrichten bringen und insgesamt drei Stunden lang von den Halbfinal- und Finalkämpfen berichten dürfen. Preisangebot der Bertelsmänner, inklusive der Hörfunkrechte: 975 000 Mark.

Aber mit den privaten Spielverderbern wollten die Traditionsfunker überhaupt nichts zu schaffen haben. Um 23 Uhr, beschied der Vorsteher Kelm, »gehen viele unserer Zuschauer schon zu Bett«; sinnlos sei es überdies, vom Tennis nur ein paar Matchknaller zu zeigen wie etwa in den Kickshows die Tore. ARD und ZDF richteten sich auf den Boykott ein, ein Mitglied der ARD-Sportkoordination sprach zuversichtlich und selbstgefällig: »Ein Teil der Zuschauer wird es sicher nicht verstehen, aber wir gehen offensiv auf die Sache zu.«

Und es blieb ja zunächst, in den Vorrunden, noch alles sehr ruhig. In den ersten drei Tagen registrierte das ZDF etwa 150 Anrufer, viele äußerten Wohlwollen über den Tennis-Verzicht. Doch als die jungdeutsche Elite von Sieg zu Sieg marschierte, als Chris Evert stürzte, die Navratilova und Ivan, der schreckliche Lendl, wisperten Sportredakteure: »Wir sind alle sehr unglücklich.« Und der Medien-Händler Hans R. Beierlein höhnte: »Glatter Selbstmord. In kommerziellen Unternehmen müßten die, die das angezettelt haben, in den Ruhestand gehen.«

Im Kölner RTL-plus-Haus knallten derweil die Champagnerkorken. Sportchef Ulli Potofski sprach schwärmerisch von einem »Durchbruch« für seinen Sender. Die Presse feierte den Wimbledon-Moderator als »charmanten Plauderer mit Witz und viel Selbstironie«, freundlich-amüsiert wurden RTL-Reportersprüche kolportiert: »Noch regt sich Leben in Miss Evert. Rein sportlich meine ich das.«

Und rein geschäftlich war der Stationschef Helmut Thoma so glücklich, wie er es sich »in den kühnsten Träumen nicht ausgemalt« hätte. Dank Wimbledon holten die Kölner zehn Millionen Mark zusätzlich in die Werbekassen, der Einschaltpreis für 30 Sekunden - während der Tennis-Liveshow - stieg auf 36 000 Mark. An Boris kontra Edberg ergötzten sich zeitweise 7,2 Millionen - ein absoluter Zuschauerrekord für ein Privatfernseh-Unternehmen. Der heimliche Wunsch der Etablierten, die Volkswut über die verlorenen Spiele möge verheerend über die Konkurrenz herfallen, erfüllte sich nicht.

Ein Rohrkrepierer der Privaten käme den Öffentlich-Rechtlichen sehr gelegen. Im Kampf um die Fußball-Bundesligarechte waren sie ja letztes Jahr schon einmal dem Erzfeind Ufa unterlegen, der 135 Millionen für drei Liga-Jahre hinblätterte und die ARD-»Sportschau« gleichsam zum Aftermieter der Ufa degradierte. Seither ist im TV-Sport-Business der Streit um die kostenfreie Kurzberichterstattung mächtig angefacht.

ARD und ZDF möchten vertraglich verankern, daß sie künftig gratis, in zweibis dreiminütigen Shorties über alle Sportfeste berichten dürfen, egal ob frei zugänglich oder exklusiv vermarktet. Die Kommerziellen sind strikt dagegen, nun sollen die Länder-Ministerpräsidenten im Staatsvertrag eine Regelung finden. Vielleicht spricht das Bundesverfassungsgericht das letzte Wort.

So war es womöglich »Prinzipienreiterei« (Schiphorst), daß ARD und ZDF bis zum Wimbledon-Finale eisern schwiegen, obwohl die Ufa-Händler bis zum letzten Turniertag noch Sendezeit verkauft hätten. Sat 1 immerhin, der kommerzielle Rivale, hatte noch am Freitag Termine vom Halbfinale und den Endspielen für seine News-Shows gebucht. Die beleidigten Ex-Monopolisten blieben stur und regten sich nicht. Die Herrschaften, so stichelte die »FAZ«, hätten wohl Probleme mit der »unbequemen Umstellung auf einen veränderten Fernsehmarkt«.

Aber mancher Rechtfertigungsversuch, der letzte Woche aus den Funkhäusern drang, klang nicht nur töricht, sondern auch verlogen. Südfunk-Chefredakteur Ernst Elitz etwa beklagte wortreich die schreckliche kommerzielle »Preistreiberei« - als sei der Sportmarkt ein Ableger der Aktion Sorgenkind. Das Wimbledon-Geld, so Elitz militant, wäre ohnehin in die Hände gieriger »Organisatoren, Vermittler und Rechtehändler« geflossen, die sich ihre »dicken Konten mit dem Geld der Gebührenzahler noch weiter vergolden wollen«.

Keine Sorge, die Öffentlich-Rechtlichen haben dieser Brut längst die Taschen gestopft. Von den 36,2 Millionen Mark, die ARD und ZDF für einige deutsche Tennis-Turniere und die Daviscup-Heimspiele lockermachten, hat der Vermarktungs-Mabuse Ion Tiriac rückhandliche 7 Millionen abgesahnt. #

Zur Ausgabe
Artikel 55 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.