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Am Rande Blick fürs Abgründige

aus DER SPIEGEL 32/1996

Wissen ist Macht, aber wer macht das Wissen? Ein zwielichtiges Volk schafft es herbei, Geheimagenten, Spione, Spitzel, IM; also Leute wie Goethe, Kant (Hermann), Mata Hari und, jüngste Erkenntnis, der britische Film-Beau Cary Grant.

Der Mann, der mit Ingrid Bergman Hitchcock spielte, hatte während des Zweiten Weltkriegs für Englands Krone im vermeintlichen Nazi-Nest Hollywood hinter Kollegen hergeschnüffelt. Merkwürdigerweise löste diese Enthüllung, dargereicht von einem Cambridge-Gelehrten, weltweit Erstaunen aus; für Kenner der Szene war sie nur das Tüpfelchen auf dem i.

Denn keine Spezies Mensch ist so kompatibel mit Spionage wie jene, die als kreativ gilt, ihr Brot mit Schauspielerei und Schriftstellerei verdient, Phantasie hat und den Blick fürs Abgründige im Nebenmann. Die Geschichte lehrt es.

Arglistig etwa soll Goethe, im Nebenberuf Minister, einen umstürzlerischen Geheimbund unterwandert haben. Der Ruch, ein Spion in russischen Diensten zu sein, brachte seinem Kollegen Kotzebue einen Dolch ins Gewand.

Schwer im Agenten-Geschäft war der Mann, der »Robinson Crusoe« schrieb, Daniel Defoe. »Spionage und Nachrichtenbeschaffung sind die Seele der Staatsgeschäfte«, notierte er, empfahl ein landesweites Spitzelsystem und pirschte auch selbst los: getarnt als Dichter auf Materialsuche.

In ähnlicher Manier spionierte Giacomo Casanova, Komödiant und Schriftsteller in Personalunion, für geweihte Kreise die Bewaffnung französischer Kriegsschiffe aus. Er hatte mehr Glück als die Tänzerin Mata Hari; die Franzosen erschossen sie als deutsche Spionin.

Die innigste Verbindung von Schnüffeln und Schreiben in jüngster Zeit florierte in zwei Ländern, die außer warmem Bier nichts gemein hatten: England und die DDR. Das IM-Kapitel ist kein Ruhmesblatt; die britische Version hingegen erfreut sich, in Form von Literatur, höchster Anerkennung.

»Ich war kein Spion, der zum Schriftsteller wurde, sondern ein Schriftsteller, der zum Spion wurde«, enthüllte John le Carré. Und sein Kollege Graham Greene, ebenfalls Agent, verriet, daß jeder Romancier etwas von einem Spion an sich habe. Auch jeder Schauspieler; und so war es nur folgerichtig, daß Cary Grant privatim in die Geheimagenten-Rolle schlüpfte. Und wenn er nicht gestorben wäre, hätte er womöglich auch im Kino den Mann gespielt, der er war: Bond, James Bond.

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