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MEDIZIN Blick in die black box

Im Deutschen Herzzentrum in München lassen sich Werkstudenten für 1000 Mark das Herz katheterisieren. Die riskanten Versuche sollen die Wirkung eines Herzmittels aufklären.
aus DER SPIEGEL 30/1975

»Wenn's medizinische Versuche gibt«, ist die Münchner Politologie-Studentin Sandra Meltes*. die sich ihr Studium durch Arbeit im Studenten-Schnelldienst verdient, »immer dabei«. Mal läßt sie sich in einer Klinik »'ne Narkose verpassen«, mal erprobt sie in einem Institut für Arbeitsphysiologie ein neues Schlafmittel -- »250 Mark für dreimal schlafen«.

Zuletzt ließ sie sich im Deutschen Herzzentrum in München durch die Oberschenkelvene einen 2,5 Millimeter dicken Katheter ins Herz schieben. Sie empfand das Experiment als »'nen Klacks«, und ihr Motiv war »bestimmt nicht Idealismus« sondern die 1000 Mark, die ihr für zwei Katheterisierungen ausbezahlt wurden.

Als »die leichtest verdienten 1000 Mark meines Lebens« empfand auch Kommilitone Karl Danzig das Honorar für die Prozedur, bei der er »mit Musik von Udo Jürgens im Hintergrund« allenfalls »ein komisches Druckgefühl« verspürte. Zuerst hatte er gezaudert, weil er sich »vorkam wie eine Nutte, die ihren Körper verkauft«, dann aber überwog doch die Sehnsucht nach einem Führerschein, für den er das leichtverdiente Geld anlegen will.

Auch die Jura-Studentin Paula Schwamm, die »wegen meiner fanatischen Reiterei« und einer geplanten »großen Reise nach Griechenland« Extrageld benötigte. empfand bei dem Job »nicht direkt einen Schmerz«. Gerhard Remm, der an der Kunstakademie Malerei studiert und stets »jobbt, was gerade kommt«, fühlte sieh nach der Prozedur hingegen »wie Quasimodo ohne Krücken«. Seine Freundin Vera Nahm. Amerikanistik-Studentin und nebenher Volontärin bei der Münchner »Abendzeitung«, empfand bei der Katheterisierung gar »das, was vielleicht Todesangst sein könnte« -- und blieb der zweiten Stich-Probe lieber fern.

Professor Dr. Werner Rudolph, Direktor der Klinik für Herz- und Kreislauferkrankungen im Deutschen Herzzentrum, will mit der Versuchsreihe mit insgesamt 15 Probanden -- der letzte steigt am Donnerstag dieser Woche auf den wannenförmigen Operationstisch -bestimmte Nebenwirkungen des Herzpräparats »Clinium« erforschen. Der Professor, der sieh »von den vielen Präparaten auf dem Markt überrollt« fühlt, möchte sich vor allem ein eigenes Urteil über die von ihm eingesetzten * Namen von der Redaktion geändert.

Medikamente verschaffen: »Die Kombi-Wirkung vieler Medikamente ist doch auch für uns eine black box.«

Die Honorare für die Studenten, die Professor Rudolph einstweilen per Scheck über sein Privatkonto vorstreckte, werden freilich von der Düsseldorfer Pharma-Fabrik Janssen GmbH erstattet, die überdies den Münchner Mediziner von jeglicher Haftung freigestellt hat. Karl Kochs, Pressesprecher von Janssen: »Unsere Haftpflicht liegt höher als die Kraftfahrzeuginsassen-Versicherung, also bei mehr als einer halben Million Mark pro Person.«

Gewiß ist aber auch das Risiko solcher Herz-Versuche höher als die Mitfahrt in einem Auto. Nach langjährigen Statistiken liegt die Mortalität bei Katheterisierung von herzkranken Patienten bei etwa eins zu tausend. Bei gesunden Probanden lassen sich laut Pharma-Sprecher Kochs die Todesraten wegen der noch zu geringen Erfahrungen nicht ermitteln. Im übrigen verläßt er sieh auf die modernen Einrichtungen der vor gut einem Jahr eröffneten Münchner Klinik, wo »im Extremfall auch Thoraxöffnungen vorgenommen werden können«.

Die Münchner Probanden sind denn auch von dem Klinik-Arzt Dr. Henning Petri, der die Untersuchungen leitet, eindringlich auf die Gefahren des Experiments -- Blutungen, Embolie, Thrombose, Kammerflimmern -- hingewiesen worden. Auf der hausüblichen »Einverständniserklärung« ("Mit der Durchführung einer Herzkatheter-Untersuchung bin ich einverstanden") wurde handschriftlich hinzugefügt: »Über die Risiken der Untersuchungen bin ich aufgeklärt worden.«

In den USA dürfen solche Herzuntersuchungen an Gesunden nur bei vielversprechenden neuen Medikamenten und mit einer Sondergenehmigung der Arzneimittelbehörde FDA vorgenommen werden -- das westdeutsche Bundesgesundheitsamt hat solche Befugnisse nicht.

Professor Rudolph sieht sich mit diesem Beleg für die Freiwilligkeit und der Haftungsfreistellung durch die Düsseldorfer Pharmazeuten denn auch rechtlich außer jeder Gefahr. Rudolph: »Ich halte mich da sehr exakt an die geltenden Vorschriften.«

Das mag schon sein, nur: Die geltenden Vorschriften selbst sind nicht sehr exakt. Die von Professor Rudolph herangezogene Deklaration von Helsinki« etwa, die 1964 vom Weltärztebund verabschiedet wurde, enthält großzügig interpretierbare, rechtlich unverbindliche ethische Postulate über die »Pflicht des Arztes, Beschützer des Lebens und der Gesundheit der Versuchsperson zu sein«.

Auch daß es sich bei dem mit den Probanden geschlossenen Vertrag um einen Verstoß gegen die guten Sitten (Paragraph 138 des Bürgerlichen Gesetzbuches) handeln könnte, weil die Notlage armer Studenten durch die beachtliche Geldzuwendung ausgenutzt werde, ist für Professor Rudolph ausgeschlossen: »Eine der Studentinnen wollte sich von dem Geld ja sogar ein Pferd kaufen.«

Maler-Student Remm fürchtet denn auch schon, daß durch Veröffentlichungen die medizinischen Offerten wieder geschmälert werden könnten: »Die Dinger sind sehr gefragt.« Auch Rupert Wildbihler vom Münchner Studentenschnelldienst, der nur fünf Studenten ans Herzzentrum direkt vermittelt hat, weiß, daß solche Jobs »unter der Hand durch Mund-zu-Mund-Propaganda« weitergereicht werden -- selbst solche, deren Vermittlung der Schnelldienst ablehnt.

Besonders begehrt ist bei den Studenten der Spermaverkauf. Wildbihler: »Da wird bis zu 250 Mark pro Schuß gezahlt.«

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