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SCIENCE-FICTION Blick ins Grab

Wie schildern Zukunftsromane den Atomkrieg? Die Antwort, vorgelegt von zwei Literaturforschern: Den meisten Autoren geht dabei die Phantasie durch. *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Da ist sie«, murmelte der Mann, als er den zierlichen Raketenpfeil am Winterhimmel auftauchen sah. Sekundenlang folgte sein Blick der Flugbahn. »Das Ziel«, überlegte er, »muß hier in der Nähe sein.«

Es war sein letzter Gedanke. Im gleichen Moment verschwand das Projektil in einer Aura von blendender Leuchtkraft. Nur einen Lidschlag später umhüllte die gleißende Lichtwolke auch den Beobachter. Ein Gefühl der Schwerelosigkeit überkam ihn, begleitet von einem prickelnden Hitzeschauer. Und dann gab es den Mann nicht mehr.

Was jemand gerade noch spürt, bevor er im Atomblitz wie ein Zündholzkopf verglüht, ist nachzulesen in dem Sciencefiction-Roman mit dem Titel »Tomorrow!«. Das Buch des Amerikaners Philip Wylie, erschienen 1954, gehört zu einer Literaturgattung, die nur ein einziges Thema hat - den atomaren Holocaust und das Schicksal der Bedauernswerten, die davongekommen sind.

Mit nimmermüder Einbildungskraft beschwören seit Jahrzehnten vor allem angelsächsische Autoren eine düstere, »postnukleare« Zukunftswelt, in der Atompilze wuchern und verwehen und bejammernswerte Überlebende - Monstren, Strahlenkrüppel, Verrückte, seltsame Heilige und barbarische Steinzeithorden - durch rauchende Trümmerwüsten irren oder langsam darin zugrunde gehen.

Zwei Literaturwissenschaftler, der Neuseeländer David Dowling ("Fictions of Nuclear Disaster") und der Amerikaner Paul Brians ("Nuclear Holocausts"), haben das Schaffen der Atomkriegsdichter mit philologischer Akribie untersucht und umfassend dargestellt - eine deprimierende Herkulesarbeit: An die 800 Atomtod-Romane hat Fachmann Brians für seine Studie gelesen und ausgewertet; die frühesten sind schon ein halbes Jahrhundert vor Hiroschima erschienen.

Beizeiten, viel eher als die Physiker, hatten die Science-fiction-Autoren das im Atomkern schlummernde Zerstörungspotential erkannt. Nur zehn Jahre nach Entdeckung der Röntgenstrahlen, anno 1906, verfaßte etwa der Brite George Griffith einen Zukunftsroman, in dem geschildert wird, wie deutsche Forscher mit tückischen Strahlenwaffen Englands Kriegsflotte in Metallstaub auflösen - das Vereinigte Königreich schlägt mit Radiumgranaten zurück.

Fünf Jahre später, 1911, ersann Griffiths Landsmann H. G. Wells ("Die Zeitmaschine") den ersten Atombombentyp. In seinem Roman »The World Set Free« imaginierte er voluminöse, reaktorähnliche Dauerexplosionskörper, die, einmal gezündet, 17 Tage pausenlos wie Vulkane Feuer speien, wobei sich der radioaktive Sprengstoff am Ende in pures Gold verwandelt. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs riß die Serie literarischer Bombenerfindungen nicht ab; mit jedem neuen Roman wuchs die Wucht der Explosionen: Eine Superbombe, die Florida zerreißt und den Golfstrom umleitet, erdachte 1932 der britische Diplomat und Schriftsteller Harold Nicolson; John B. Priestley, Romancier und Dramatiker, erdichtete 1938 eine atomare Kettenreaktion, mit der eine Gruppe religiöser Fanatiker gleich die ganze Erdkruste wegsprengen will - Titel der Schauergeschichte: »The Doomsday Men«.

Nach 1945 waren die Doomsday-Dichter, bombentechnisch gesehen, nicht länger _(Sowjetfilm »Briefe eines Toten«; US-Film ) _("Planet der Affen«. )

auf Spekulationen angewiesen. Seither umkreisen ihre Visionen vor allem das, was dem großen Knall folgt. Den jeweils postulierten Atomkrieg und seine politische Vorgeschichte, so hat Experte Brians festgestellt, handeln die Autoren durchweg in wenigen, hastig hingeworfenen Sätzen ab.

Selten dauert danach der verheerende Schlagabtausch länger als ein paar Stunden, meist kommt er, laut Brians, sozusagen »aus heiterem Himmel«, ausgelöst etwa durch einen Computerfehler wie in dem sowjetischen Kino-Alptraum »Briefe eines Toten«. Nie sitzen die Schuldigen in London oder Washington; fast immer sind es die Sowjetführer, die, offenbar »an der Grenze des Irrsinns« (Brians), um jeden Preis nach der Weltherrschaft trachten und dabei notfalls die Verwüstung des Erdballs mit asiatischem Gleichmut in Kauf nehmen.

Eine ähnliche Kamikaze-Mentalität trauen einige Autoren auch den Chinesen zu, sonst allenfalls noch den Iren und, neuerdings, pazifistischen Terrorgruppen, die in absurder Selbstverleugnung den Teufel mit Beelzebub austreiben wollen - so werden Friedensfreunde beschrieben, die mit Atomgewalt einen Reagan-ähnlichen US-Präsidenten einschüchtern, nur weil der seine antikommunistischen Amtspflichten energisch und wehrhaft wahrnimmt.

Brians und sein Kollege Dowling zeigen, daß speziell amerikanische Sciencefiction-Autoren politisch stets auf der Höhe der Zeit sind, wenn sie ihren Lesern das Atomdesaster ausmalen. In der Nachkriegsepoche, als sich die USA noch im Besitz der nuklearen Überlegenheit wußten, zeichneten die Zukunftsdichter den Horror in einem eher versöhnlichen Licht.

Selbst in dem 1957 erschienenen Doomsday-Klassiker »On the Beach«, in dem Autor Nevil Shute die gesamte Menschheit an der Strahlenkrankheit sterben läßt, erscheint der Massentod nicht als Sensenmann mit böse grinsender Höllenfratze. Bei Shute tritt die Gattung Mensch fast schmerzfrei und in melancholischer Schönheit ab - »keine verschmorten Augäpfel, keine hängenden Hautfetzen, keine Krebsgeschwüre oder verkrüppelte Kinder«, schreibt Brians, »eigentlich gar kein Atomkrieg«.

Das änderte sich, als die Sowjets begannen, im atomaren Wettrüsten aufzuholen. Fortan verfinsterte sich die Szenerie der Endzeit-Romane; realistischer wurde sie deshalb nicht. Was Medizin und Strahlenforschung lehren, ignorieren die Autoren gern zugunsten phantastischer Einfälle von hohem Unterhaltungswert. So wimmelt es in der postnuklearen Romanwelt von pittoresken Kreaturen, die angeblich alle unter Strahleneinfluß entstanden sind - darunter hochintelligente Riesenameisen, federlose Enten im Format von mittelgroßen Sauriern, schuppige Urviecher, die aus dem Paläozoikum zu stammen scheinen, ferner menschenfressende Pflanzen oder hypertrophe Fische, die auf ihren Flossen über Land spazieren.

Im strahlenverseuchten Universum der Phantasten bleibt auch der Mensch von allerlei Metamorphosen nicht verschont. Da gibt es weise Übermenschen mit phosphoreszierenden Leibern, die an die 300 Jahre alt werden, hirngeschädigte, doch gutmütige Kahlköpfe ("Baldies"), paranoide Giftzwerge und telepathische Sonderlinge, die, ebenfalls strahlenbedingt, Gedanken lesen und übertragen können.

Viel Druckerschwärze widmen die Zukunftsdenker der Beschreibung des sozialen Wandels nach dem Atomkrieg. Anarchie, darin herrscht Konsens, ist die unmittelbare Kriegsfolge - was sich vor

allem auf das Geschlechtsleben geradezu befreiend auswirkt: In den überfüllten Atombunkern tobt, nach Darstellung mancher Autoren, ein wüster Hexensabbat mit »rasend kopulierenden Paaren« (Brians); sogar die Inzestschranken fallen in dem apokalyptischen Gewühl, nur Homosexuelle bleiben von den Orgien ausgeschlossen.

Auch im atomaren Fegefeuer, so lautet die Botschaft vieler Verfasser, bleibt die Liebe eine unschlagbare Himmelsmacht. Zu den wichtigsten Leitmotiven der Romane zählt die, so Brians, »Adam-und-Eva-Formel«, die stereotype Geschichte vom womöglich allerletzten Menschenpärchen, das sich, oft auf einer idyllischen Tropeninsel, um die Wiederaufzucht der fast schon ausgestorbenen Gattung verdient macht.

Jüngere Autoren allerdings vertiefen sich lieber in die Schilderung einer postnuklearen »Neo-Barbarei« (Brians). In ihren Büchern wird die verwüstete Welt von primitiven, krankhaft gewalttätigen Nomadenstämmen bevölkert. Befehligt werden die wilden Horden oft von mänadenhaften Frauen, die an sizilianische Mafia-Mütter erinnern - oder auch an aggressive, Kastrationsängste verbreitende Radikalfeministinnen.

Andere Holocaust-Romane entwerfen das Szenario eines neuen Mittelalters. Eine ritterliche Elite, oft bestehend aus strahlenmutierten Edelmännern, herrscht darin diktatorisch über den ziemlich verkommenen Rest der Menschheit. In dem (exzellent verfilmten) Roman »Planet der Affen« von Pierre Boulle haben weise Primaten von der Erde Besitz ergriffen; Menschen, soweit noch vorhanden, sind in ihren Augen raubtierhafte »Kreaturen ohne Sprache und Verstand«.

Fast nirgendwo in der Doomsday-Literatur, so wundert sich Kritiker Brians, werden die Wissenschaftler für die atomare Katastrophe verantwortlich gemacht. »Alles Wissen ist gut, das Böse liegt nur in den Herzen der Menschen«, sagt in einem der Bücher ein Horden-Häuptling, als jugendliche Romanhelden, zwei Generationen nach dem großen Orlog, soeben die guten alten Schwarzpulverbomben neu erfunden haben.

Häufig aber überleben Wissenschaft und moderne Technik den Atomkrieg. In einigen Romanen kämpfen Computer und Roboter verbissen weiter, wenn die Menschheit längst ausgerottet ist. In anderen bewähren sich die klugen Automaten als wackere Nothelfer, die den letzten Überlebenden, etwa als Sanitäter, treuherzig beistehen.

Seit Anfang der achtziger Jahre, konstatiert Brians, sei die Doomsday-Literatur zu einem Genre heruntergekommen, das nur mehr blutrünstige, ja sadistische Abenteurergeschichten erzähle. In den Romanen des Amerikaners Jerry Ahern, einer zehnbändigen Serie mit dem Titel »The Survivalist«, wird die atomare Nachkriegslandschaft zum Schauplatz endloser Greueltaten wie Folter, Mord und Vergewaltigung, die vorgeblich einen erbarmungslosen Überlebenskampf nachzeichnen, in Wahrheit aber, so Brians, »nur um ihrer selbst willen beschrieben werden«.

Wie schießwütige Wildwest-Helden strolchen Aherns Nachkriegs-Killer durchs verstrahlte Gelände, immer auf der Suche nach einem dramatischen »Shoot out« mit marodierenden Banden oder tückischen Strahlenkrüppeln von der paranoiden Sorte. Die brutalen Dauerkämpfe reflektieren, laut Brians, ein in der US-Jugend verbreitetes Grundgefühl von »Frustration und Wut«, verbunden mit der Lebensmaxime: »Mach den anderen fertig, bevor er dich fertigmacht.«

Sonderlich erfolgreich waren die Doomsday-Schriftsteller dennoch fast

nie. Die Lektüre ihrer Romane, schreibt Berufsleser Brians, hinterlasse ein Gefühl, »wie wenn man ins eigene Grab starrt«. Nahezu jeder, urteilt er, scheine sich schon »durch ein einziges Buch hinreichend über den Atomkrieg informiert zu fühlen«.

Von den näheren Umständen des Weltuntergangs, schätzt Brians, wolle der fatalistisch gestimmte Durchschnittsbürger nun mal nichts wissen. »Wenn die Bombe fällt«, hat ihm einer erklärt, »möchte ich direkt darunter stehen und nie erfahren, was da eigentlich passiert ist.«

Sowjetfilm »Briefe eines Toten«; US-Film »Planet der Affen«.

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