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Verlage Blick zurück im Zorn

Krise im Hause S. Fischer: Der ehemalige Programmchef macht dem Verlag mit einem Konkurrenzunternehmen zu schaffen.
aus DER SPIEGEL 8/1994

Bei welchem US-Verlagshaus auch immer Ursula Köhler, die neue Cheflektorin des S. Fischer Verlages, derzeit anklopft: Jedesmal heißt's: Herr Conradi war schon da.

Arnulf Conradi, 49, der Vorgänger Ursula Köhlers, reist derzeit auf Autorenfang durch Amerika. Ende vergangenen Jahres verließ er Fischer im Streit mit der Verlegerin Monika Schoeller. Die Tochter des Industriellen Georg von Holtzbrinck leitet den Verlag seit 20 Jahren.

»Dieser Bruch hatte seine innere Notwendigkeit«, sagt die Fischer-Eignerin heute. Programmchef Conradi habe immer stärker auch den Verleger spielen wollen. »Er hat die Autoren, die er betreute, als seine Autoren betrachtet.«

Den S. Fischer Verlag bringt diese Trennung in größte Verlegenheit. Der erfolgreiche Büchermacher Conradi bereitet nicht nur die Gründung eines Konkurrenzhauses in Berlin vor, des Berlin Verlags, sondern auch die unfreundliche Übernahme einer Reihe prominenter Fischer-Autoren.

Von Johannesburg bis New York nutzt Conradi - zusammen mit Ehefrau Elisabeth Ruge, die schon bei Fischer als Lektorin an seiner Seite stand - alte Kontakte zu Abwerbeaktionen: Nadine Gordimer aus Südafrika und die Kanadierin Margaret Atwood wollen ihm folgen. Mit amerikanischen Sachbuchautoren wie dem populären Anti-TV-Prediger Neil Postman oder dem Soziologen Richard Sennett ist Conradi im Gespräch.

Auch Monika Maron, die wichtigste deutsche Fischer-Autorin, schließt einen Wechsel zum Berlin Verlag nicht aus. Die Erzählerin ("Stille Zeile Sechs") schwärmt geradezu davon, mit welcher Behutsamkeit Conradi sie verlegerisch betreut und ermuntert habe - derlei vergessen Dichter nicht.

Manche Branchenkenner sehen denn auch in Conradis Qualitäten den Grund für den Erfolg des Fischer Verlages in den vergangenen Jahren. Während viele mittlere und kleinere Verlage sinkende Auflagen beklagen, befindet sich Fischer seit einiger Zeit in der Gewinnzone.

Conradi, der 1978 eine akademische Karriere als Anglist für die Verlagsarbeit aufgab, hat offenbar die richtige Mischung von Einfühlung und Durchsetzungsvermögen. Der schlanke, hochgewachsene Mann spricht, wenn er will, mit sanfter, eindringlicher Stimme - doch wehe, es kommt ihm jemand in die Quere.

So jedenfalls klagen einige seiner ehemaligen Kollegen bei Fischer. Conradi habe sich selbstherrlich und autoritär gebärdet, heißt es da. Sogar von Selbstüberschätzung und »Cäsarenwahn« ist die Rede. Neid weniger erfolgreicher Verlagsleute?

»Parkettfähigkeit«, also Sicherheit im Auftritt, wird ihm freilich auch von seinen Gegnern nicht abgesprochen, keine Frage auch, daß er ein »Arbeitstier« sei - doch habe die Verlegerin ihm »zu sehr das Steuer überlassen«.

Die ist in fast allem Conradis Gegenstück: eher unsicher im Gespräch, scheu, grüblerisch, Entscheidungen ausweichend - dann aber zu jähen Entschlüssen neigend.

Conradi ist nicht die erste Fischer-Führungskraft, von der sich Monika Schoeller abrupt getrennt hat. So feuerte sie 1985 Krista Jussenhoven, die erfolgreiche Leiterin der Theaterabteilung. Und 1989 verließ Lektor Thomas Beckermann, zuständig für deutsche Literatur, unter Protest den Verlag - mit ihm eine ganze Reihe wichtiger Autoren, darunter Hermann Burger, Hanns-Josef Ortheil, Gerhard Köpf und Gerold Späth.

Der Streit im vergangenen Jahr entzündete sich vordergründig an der zukünftigen Gestaltung der Buchumschläge. Der Verlegerin hatten die Arbeiten des mit ihr befreundeten israelischen Künstlers Raphie Etgar, 46, so gut gefallen, daß sie ihn mit der einheitlichen Neugestaltung der Fischer-Bücher betrauen wollte.

Conradi zog nicht mit und ließ es zur Kraftprobe mit der Verlegerin kommen. Der Holtzbrinck-Konzern, seit Mitte der sechziger Jahre im Besitz des Verlags, stellte sich im Sinne der Familienbande hinter Monika Schoeller: Aus für Conradi.

Der gegenwärtige Konflikt weist im übrigen eine verblüffende historische Parallele auf.

Der 1886 von Samuel Fischer in Berlin gegründete Verlag sammelte einst die literarische Elite unter einem Dach: Alfred Döblin, Gerhart Hauptmann, Hermann Hesse, Hugo von Hofmannsthal und Thomas Mann. Die Nazis zwangen 1935 die jüdische Familie Fischer, den Verlag zu verkaufen. Der Verleger Peter Suhrkamp führte ihn treu weiter - was er schließlich sogar mit KZ-Haft büßen mußte.

Als der Fischer-Schwiegersohn Gottfried Bermann Fischer aus dem Exil zurückkehrte und seinen im Ausland betriebenen Verlag mit dem deutschen Haus zusammenlegen wollte, kam es zum Eklat und 1950 zur Trennung. Dabei triumphierte Suhrkamp: Von 48 befragten Verlagsautoren votierten 33 für ihn und seinen neuen Suhrkamp Verlag - Brecht mit den Worten: »Natürlich möchte ich unter allen Umständen in dem Verlag sein, den Sie leiten.«

Auch damals waren - Ironie der Geschichte - die Buchumschläge ein Streitpunkt. Bermann Fischer in seinen Memoiren über Peter Suhrkamp: »Seine grauen Schutzumschläge entsprachen seinem düsterasketischen Wesen, nicht aber unserer Art, die ihren Ausdruck in einer farbenfreudigen Gestaltung unserer Bücher finden wollte.«

Mit Argwohn beobachteten die Fischer-Leute in den fünfziger Jahren den Aufstieg des Hauses Suhrkamp zu einer der ersten literarischen Adressen Deutschlands. Als der SPIEGEL 1987 Gottfried Bermann Fischer befragte, wie er nun, nach fast 40 Jahren, an die Trennung von Suhrkamp zurückdenke, antwortete der verbittert: »Mit Zorn, wie 1950.«

Entsprechend schief hängt der Haussegen bei Fischer, seit Ende Januar die Nachricht eintraf, daß zu den Geldgebern und Gesellschaftern von Conradis Berlin Verlag ausgerechnet der heutige Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld zählt - auch wenn der sich aus der Verlagspolitik weitgehend heraushalten will. Zu deutlich klingt das nach einem zweiten Triumph Suhrkamps über Fischer.

Um so mehr ist die Verlegerin Schoeller bemüht, den Schaden einzudämmen. Sie gibt sich überzeugt, daß Conradis Abgang »keinen entscheidenden Bruch« markiere. Immerhin werde der größte Teil des Umsatzes im Taschenbuchverlag gemacht, der nicht Conradis Domäne war.

Auch der Wechsel Nadine Gordimers zur Konkurrenz, so Monika Schoeller, bedeute keinen endgültigen Bruch mit Fischer - zumindest drei Bände mit neuen Erzählungen der südafrikanischen Autorin habe sich der Frankfurter Verlag gesichert.

Und die Rolle des Künstlers Raphie Etgar? Der habe lediglich einen Beratervertrag, betont die Verlegerin. »Ich habe nie beabsichtigt, sämtliche Bücher des Verlages einheitlich ausstatten zu lassen - schon gar nicht die Taschenbücher.«

Bislang allerdings war Etgars Wirken wenig segensreich für den Verlag. Bei der Aufstellung einer von ihm geschaffenen schweren Metallskulptur im Hof des Verlagshauses wurde das Gebäude so beschädigt, daß Regenwasser ins Gemäuer drang - ausgerechnet in das kostbare Verlagsarchiv. Y

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