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NUDISTEN Blöße auf Knoll

Ein neues Freizeitzentrum in Frankreich ermöglicht einen Nudismus de luxe.
aus DER SPIEGEL 22/1973

Dem Pariser »Express« erscheint es als »ein Markstein in der Geschichte des Nudismus«, traditionsbewußten Nudisten eher als eine Abweichung von der reinen nackten Lehre: Rund 150 Kilometer südöstlich von Paris, im stillen, waldigen Flußtal der Yonne, hat ein pfiffiger Manager ein ungewohnt luxuriöses Nudistenzentrum aufgemacht -- nicht nur in freier Luft, sondern hinter Glas und Beton.

Im »Club des étangs de Saint-Ange« sind alle ständig nackt -- aber auf eleganten Knollsesseln und weichen Teppichböden. Keine frische Brise, sondern die wohlige Temperatur von 28 Grad füllt das Klubhaus, einen großen Kuppelsaal mit Wendeltreppen und Galerien, um den sich bislang zehn Einzelbungalows und 17 »Studio«-Appartements gruppieren.

Nackt mixt Barmann Joel die Cocktails. Nackt genießen die Gäste Schnecken und Burgunder. Nackt serviert eine hübsche Jocelyne Sorbet. Nackt werden Scrabble und Klavier gespielt, Billardkugeln gestoßen und Tennisbälle geschmettert,

Am nacktesten aber wirken die Nackten von Saint-Ange abends vorm Fernsehschirm: Da räkeln sie sich in lila Polstern und betten die Beine auf Puffs, haben Kopfhörer auf und vor sich »Die Frau in Weiß«.

Mit seinem klimatisierten Luxus-Tempel will Saint-Ange-Besitzer Jean Fourquet, ein fülliger Fünfziger, einer alten Nudisten-Not abhelfen: »Es ist schwer, Nudist zu sein«, erläutert er, »wo es neun Monate im Jahr kalt ist.« Fourquet plant in großem Stil: Demnächst will er 15 weitere, durch beheizte Gänge verbundene Kuppelsäle bauen und mit Bungalows für mehr als 800 Familien umkränzen. Eisbahnen sollen abgehärteten Nackten sogar Wintersport ermöglichen. »Das wird«. schwärmt der Manager, »das größte Ganzjahr-Nudisten-Zentrum der Welt.«

Obwohl Fourquet schon 35 Studios (für je 60 000 bis 84 000 Franc) verkauft haben will, sind sogar die Wochenenden vorläufig noch arg still. Dafür lockt der Nackt-Klub Pulks von Photographen an. »Paris Match«. »Stern« und »Quick« eilten herbei. Die »Neue Revue« reiste für drei Tage mit eigenen Mannequins an; denn was sich am Ort die Blöße gibt, ist eher angejahrt. »Demnächst«, frohlockt Fourquet, »kommt der »Playboy'.«

Bei den organisierten Nudisten (etwa 100 000 in Frankreich) erntet Fourquet kaum Beifall. »Man wird kein echter Nudist«, so tadelt einer ihrer Funktionäre, »indem man sich in geheizten Räumen auf Möbel vom letzten Schrei setzt, ein Handtuch unter den Hintern klemmt und Karten drischt.« Tatsächlich polstern die Saint-Ange-Nackten Plastiksitze mit Frottiertüchern aus; die bloßen Damen verzichten nicht auf Make-up.

Sexy oder gar lasziv jedoch sind die Nudisten im geheizten Luxus-Interieur sowenig wie im kalten Nordseewind. »Hier ist alles erlaubt«, erläutert Klub-Boss Fourquet, der abends gern im Kuppelsaal zur elektrischen Orgel splitternackt die »Kleine Nachtmusik« geigt: »Nicht erlaubt ist nur, die anderen zu schockieren« -- zum Beispiel, so Fourquet. mit »faire l'amour«.

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