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Trennkost Blubbernder Blähbauch

Die Haysche Trennkost, eine vor 100 Jahren entwickelte törichte Diät, ist wieder in Mode.
aus DER SPIEGEL 31/1991

Ihr Haar ist wie das Abendrot, ihr Körper wie Ebbe und Flut. Die rothaarige Fergie fastet und futtert, ständig schwillt und schrumpft ihr Leib.

1986 nahm die Herzogin von York 10 Kilo mit Hypnose ab. 1988 hungerte sie sich mit FdH und der Fettpolster-Gymnastik Callanetics 20 Kilo runter. Letzten Herbst, durch Pralinen und Frühstücksbacon erneut aufgeschwemmt, verfiel Fergie auf eine neue Abspeck-Waffe: Haysche Trennkost. »Ich hab's ausprobiert«, strahlte sie Mitte März bei einem Besuch der britischen Streitkräfte in Fallingbostel, »es wirkte Wunder.«

»Englands dickste Schande« (Bunte) liegt mit ihrem Diätplan im Trend. Immer mehr Hungerleider in Deutschland entdecken die Ernährungsfibel des amerikanischen Arztes Howard Hay. Souverän fachsimpeln sie über »saure und basische Milieus im Magen«; sie spekulieren über die zermürbende Wirkung von Essigessenz und hantieren mit jenen obskuren Grundbegriffen, mit denen der US-Verdauungstheoretiker am Ende des 19. Jahrhunderts die »Tatkraft der amerikanischen Nation« wiederherstellen wollte.

Mindestens sechs Diätbücher sind derzeit im deutschen Buchhandel erhältlich, die sich allesamt auf die wirre Digestionslehre des US-Arztes berufen. Trennkost, versprechen die Ratgeber, führe zur »Selbstentgiftung des Körpers«, schütze vor Übergewicht, aber auch vor Schwermut, »Blähbauch« und »bleierner Müdigkeit«.

Hays Speisetheorie basiert auf der grundfalschen Ansicht, daß kohlenhydrathaltige Nahrung (zum Beispiel Brot, Kartoffeln, Reis) im Magen basisch aufgeweicht, die Eiweiße (wie Fisch und Fleisch) jedoch mittels Säuren zerlegt werden. Esse man nun Kartoffeln, blubbere der Bauch alkalisch, folgten Klopse nach, werde Säure in die Magentrommel gespült. Dieses Verpanschen der Sekrete, so Hay, laufe aber den »chemischen Verdauungsgesetzen« zuwider.

Die Folge permanenter Mischkostzufuhr malte sich der schnurrige Heilkostler in düstersten Farben aus: »Der Speisefluß liegt viel länger in den Darmnischen«, dann gammelt und fault es im Gedärm. Schließlich gelangen Schlacken ins Blut, bis die »Übersäuerung« das Gehirn so belastet, »daß kein klares Denken mehr möglich ist«.

Für Zeitgenossen, denen das holzschnittartig gezeichnete Magen-Darmtrakt-Szenario sauer aufstieß, hielt Hay sein Patentrezept bereit: strenge Trennung von Eiweiß- und Kohlenhydrat-Mahlzeiten, nach dem Motto: Morgens die Pommes, abends die Currywurst. Nur so sei Ordnung in den Säfte-Sumpf zu kriegen.

Enzymforscher haben Hays Ansichten längst als »dummes Zeug« entlarvt, wie der Freiburger Ernährungsmediziner Reinhold Kluthe formuliert. Gerade die von Hay verteufelte Sekret-Mischung findet bei der Nahrungsspaltung ständig statt. Der Magen, Eingangspforte der Nahrung, ist immer stark säurehaltig. Die Verdauung im oberen Dünndarm wiederum vollzieht sich nach Zugaben der Bauspeicheldrüse in einem leicht basischen Milieu. Abfälle und mulchende Reste, die gleichsam wie in einer Mülltonne vor sich hinwesen, kennt das komplizierte, von Hunderten von Enzymen gesteuerte Stoffwechselsystem schon gar nicht.

Obwohl Hays Säftelehre »nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt«, wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung vornehm feststellt, feiert der Sauer-Seifig-Grundsatz eine fast okkulte Renaissance in deutschen Kochtöpfen. »Der Darm muß ausreichend gefüllt sein«, predigt etwa die TV-Vorkosterin Antje Kühnemann und offeriert in ihrem Trennkost-Rezeptbuch »Blitzgulasch«, »Käseeinlaufsuppe« und »Überraschungskartoffeln«. Hurtige Verdauung verspricht auch »Köhnlechners Trenn-Diät« im Heyne-Verlag, die sich um »das Gleichgewicht von sauer und alkalisch« sorgt. Trennkostlerin Ursula Summ empfielt, nach 15 Uhr auf Früchte zu verzichten, da es sonst intrakorporal »leicht zu Gärprozessen kommen kann«.

Die vorgeschriebene Trennung von K- und E-Nahrung ist zudem kaum möglich. Fast alle Nahrungsmittel enthalten sowohl Kohlenhydrate als auch Eiweiße. Rohmilch zum Beispiel enthält 39 Prozent Kohlenhydrate und 27 Prozent Proteine in der Trockensubstanz. Ähnlich ausgewogen ist das Verhältnis bei fast allen Gemüsesorten, die Hay kurzerhand als »neutrale Nahrungsmittel« ausweist und für in beide Richtungen kompatibel hält.

Dennoch strotzt der Trenn-Speiseplan von Verboten. Kiwis vertragen sich nicht mit Bananen, Milch paßt nicht zu Cornflakes, Käse nicht zu Nudeln, Brot soll man demnach nur mit Blutwurst essen, Eingemachtes, Kakao, Ingwer und Essigessenz lehnte der US-Diätiker rundweg ab.

Die gewichtmindernde Wirkung der Hay-Kost, da sind sich die Experten einig, hat ihren Grund nicht im Trennen der Speisen, sondern in den frugalen Portionen, die empfohlen werden. Zudem soll die Nahrung Hay zufolge eiweiß- und fettarm sein und zu 80 Prozent aus Kohlenhydraten bestehen. »Das hört sich zwar schrecklich viel an«, beruhigt Fernsehärztin Kühnemann, »aber der Tag beginnt ja bereits mit Obst.« Wer dann noch zwischendurch »Gurken knabbert« und mittags »wieder in Salat und rohem und gekochtem Gemüse schwelgt«, habe sein »Basenpensum« schnell erreicht.

Experten, wie der Ernährungsforscher Claus Leitzmann von der Universität Gießen, vermuten noch andere Gründe für die Gewichtabnahme nach Hay. Das Speisen, von unzähligen Tabus behindert, werde so schwierig, daß dem Probanden gleichsam als Nebeneffekt der Appetit vergehe (jedenfalls das unbedachte Schlingen).

Kräftig beim Altmeister Hay abgekupfert hat auch das Autoren-Ehepaar Harvey und Marilyn Diamond, dessen Stakkato-Diät »Fit fürs Leben« derzeit »rasend gut verkauft wird«, wie die Buchhändlerin Anja Lauf von der Hamburger Thalia-Buchhandlung versichert.

»In Deutschland machen schon 200 000 die ,Fit for Life'-Diät«, weiß die Bunte und verweist auf die in Diamond-Menüs enthaltenen »potenzfördernden Spurenelemente«. Anderen Probanden schlägt die Speisekur dagegen auf den Kopf: »Ich denke schneller«, glaubt die Schauspielerin Vera Tschechowa, auch Peter Boenisch, Publizist und Trennkostgänger, meldet mentale Heilerfolge: »Ich kann viel leisten, schnell denken.«

Bei den Diamonds ist bis zwölf Uhr nur Obst angesagt, die Kohlenhydrate werden tagsüber verspeist, abends die Eiweiße. Mischesser, die nach alter Manier das Schnitzel mit Brosamen panieren, sind von bösen Blähungen bedroht. Im theoretischen Teil ihrer Abhandlung lassen die Autoren Eiweiße im Magen verfaulen, Kohlenhydrate vergären zu rülpsträchtiger Kohlensäure, stinkender Nahrungsbrei ergießt sich in den Unterleib. Als Gewährsmann für ihren Ratgeber zitieren die Fitmacher ständig einen Doktor Norman Walker, der als »Experte auf dem Gebiet des Drüsensystems« angeblich noch im Alter von 116 Jahren sein Gemüse selbst zog.

Weniger zweifelhafte Autoritäten wie der Gießener Forscher Leitzmann halten den Speiseplan der Trennköstler für annehmbar, die vorgeschlagene Diät sei eiweißarm und reich an Ballaststoffen. Leitzmann verweist auf »gute Heilerfolge« des deutschen Trennkost-Papstes Ludwig Walb, 83, der in seiner Abspeckklinik in Homberg seit Jahrzehnten Fettleibige mit Trenndiät verköstigt.

Das Trennen selbst jedoch gilt den Ernährungswissenschaftlern als unnützer Firlefanz. »Ernährungsphysiologisch gesehen, ist das Separieren von Kohlenhydraten und Eiweißen ohne nachweisbare Wirkung«, sagt der Freiburger Diätspezialist Kluthe. Doch, fügt er hinzu, »viele machen es sich auch beim Leichtwerden gerne schwer«.

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