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POP Blues vom heiligen Trinker

Eine neue CD huldigt der Country-Legende Hank Williams. Zu Klassiker-Ehren kommen jetzt auch andere Helden der amerikanischen Volksmusik.
aus DER SPIEGEL 25/1998

Seine Mutter interessierte sich offenbar erst wirklich für ihren Sohn, als der sich, 29jährig, zu Tode gesoffen hatte: Sie adoptierte umgehend seine Tochter, die zwei Tage nach seiner Beerdigung geboren wurde. So blieben die Tantiemen, die nach dem Tod des Sängers reichlich strömten, in der engeren Familie.

Ähnlich praktisch agierten auch die beiden nun verwitweten Ex-Frauen des Verstorbenen und gingen, getrennt natürlich, jeweils als »Mrs. Hank Williams« auf Tournee. Beide Damen waren klinisch talentfrei, aber nach dem Alkoholtod des Country-Künstlers erwies sich selbst solche Unverfrorenheit als erfreulich einträglich.

Soviel Liebe war dem teuren Toten zeit seines Lebens nicht widerfahren. »Your Cheatin'' Heart«, der Song über die trügerische Liebe seiner Frauen, wurde erst posthum ein Hit - und Williams Jahre vor Bill Haley und Elvis Presley das erste Pop-Idol.

Und der Sänger lebt, auch wenn er schon vor 45 Jahren gestorben ist. Vielleicht liegt es an der immergrünen Legende vom heiligen Trinker, daß seine Songs in gediegenen Editionen aufgelegt werden, wie sie diesem Klassiker der verlorenen Liebesmüh nur angemessen sind. Dazu veröffentlicht die Münchner Firma Trikont nun eine CD mit Cover-Versionen von Al Green bis Townes Van Zandt.

Hiram »Hank« Williams stammte aus dem »White Trash«, der sozialen Unterschicht des ärmsten Alabama. Die Frömmigkeit war dort, im tiefen Süden der USA, tief verwurzelt - und sei es, weil nur die Erweckungsprediger ein bißchen Abwechslung ins armselige Leben brachten. Hier wurden bloß richtige Mannsbilder in die Politik gewählt;

* Greil Marcus: »Basement Blues. Bob Dylan und das alte, unheimliche Amerika«. Deutsch von Fritz Schneider. Verlag Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins; 304 Seiten; 25 Mark.

vorausgesetzt, sie waren nicht schwarz und hatten ihr Geld auf ehrliche Weise verdient, als Wunderheiler, Pillendreher oder Roßtäuscher.

Das ist der Hintergrund der Country-Musik-Industrie, die sich mit Williams'' Aufstieg in Nashville etablierte. Bis heute lebt sie davon, daß sie mit ihrem süßen Seim die Auswirkungen des Fortschritts schalldämpft; der Konsument soll noch an eine gute alte Zeit glauben dürfen, in der es weder Kriminalität noch Großstädte gab.

Wie waghalsig diese schöne Vergangenheit zurechtgelogen ist, läßt sich mit der Sammlung klassischer Folkmusik nachprüfen, die jüngst im Auftrag der Smithsonian Institution in Washington erschienen ist. (In Deutschland wird sie vertrieben von Koch International aus Planegg bei München.)

Der geniale Schnorrer und frühere Beatnik Harry Smith, der sich im fortgeschrittenen Delirium gern als Sohn des Satanisten Aleister Crowley ausgab, hatte über Jahre die Songs wandernder Sänger, schwarz und weiß, gesammelt - daraus entstand 1952 eine bald berühmte »Anthology of American Folk Music«.

Hier reimt sich nicht Herz auf Schmerz und Gut auf Boden. Beschworen wird ein stockfinsteres Amerika: Mord und Totschlag sind das tägliche Brot, die »Titanic« geht unter, Präsidenten werden ermordet, und Streiks fordern blutige Opfer.

Die sonst nicht weiter auffällige Kommunistische Partei der USA finanzierte in den dreißiger Jahren die Moritatensänger, weil sie sich ein wenig Klassenkampf erhoffte. Die Revolution fand dann anderswo statt: Wie eine geheime Botschaft ging die »Anthology« von Hand zu Hand und lieferte das Material für das Folk-Revival der sechziger Jahre. Bob Dylan ist, wie der amerikanische Pop-Papst Greil Marcus gerade in seinem Buch über die »Basement Tapes« nachgewiesen hat, ohne den Kiffer Harry Smith kaum zu denken*.

Blind Lemon Jefferson, Uncle Dave Macon und Dock Boggs werden hier zu den wahren Gründervätern einer »unsichtbaren Republik«. In dieser Gemeinde traf man sich sonntags in der Kirche, erzog seine Kinder in der Furcht vor dem Herrn, prügelte seine Frau grün und blau und soff sich um Sinn und Verstand. Das ist der Blues, und den überlebt so leicht keiner.

Hank Williams begnügte sich allerdings nicht mit dem Vortrag von Moritaten, er wurde selber eine, beging seinen ausgedehnten Trinker-Selbstmord auf offener Bühne und wurde damit zum Vorläufer der Pop-Märtyrer Janis Joplin, Jimi Hendrix und Jim Morrison.

Immer schneller drehte sich das Karussell: Williams ließ sich von seiner Frau scheiden und heiratete vor 14 000 zahlenden Fans in New Orleans eine neue. Obwohl er bei der feierlichen Zeremonie noch die Spuren einer Schlägerei mit der alten im Gesicht trug, wollte er schon wieder zu ihr zurück: Trügerisch das Herz ...

Mal war er spindeldürr, dann aufgedunsen wie Elvis im Endstadium, er erlitt einen Herzanfall und schluckte dubiose Pillen. Den Cash-flow, der bei diesem Wettrennen mit dem Tod abfiel, investierten seine Frauen unverzüglich in neureichen Plunder: eine Schußfahrt in die Hölle.

Zwischen Rausch und Kater schrieb Williams seine berühmten Songs - und erzählte die traurige Wahrheit über sich und die Welt. In ein paar Sessions entstanden »Jambalaya« und »Cold, Cold Heart« und »Kaw-Liga«, dann stürzte er wieder davon, floh vor Frauen, Ärzten, Produzenten und Fans.

Schließlich klappte es doch. In der Neujahrsnacht 1953 fand man Williams tot auf dem Rücksitz seines Cadillacs. Damals stand er an der Spitze der Country-Hitparade, mit dem prophetischen Song »I''ll Never Get Out Of This World Alive«.

* Greil Marcus: »Basement Blues. Bob Dylan und das alte,unheimliche Amerika«. Deutsch von Fritz Schneider. Verlag Rogner &Bernhard bei Zweitausendeins; 304 Seiten; 25 Mark.

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