Zur Ausgabe
Artikel 72 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Blumenernte im giftigen Regen

Fritz Vahrenholt über das chemiekritische Sachbuch »Gift-Grün« Dr. Fritz Vahrenholt, 37, Chemiker und Bestseller-Autor ("Seveso ist überall"), ist seit 1984 Staatsrat der Hamburger Umweltbehörde; er war Herausgeber des SPIEGEL-Buches »Tempo 100 - Soforthilfe für den Wald?«. *
Von Fritz Vahrenholt
aus DER SPIEGEL 33/1986

Die chemische Industrie sehe es als ihre Aufgabe an, ihre Produkte auf sichere Weise herzustellen und dafür zu sorgen, daß sie sicher zu handhaben, sicher anzuwenden und sicher zu entsorgen sind, so hieß es in diesen Tagen etwas selbstgefällig vom Verband der Chemischen Industrie.

Gewiß, die Chemie der 90er Jahre in der Bundesrepublik wird einen Vergleich mit den 70er Jahren gut aushalten können. Die größere Sicherheit der Chemie-Anlagen ist auch bei Kritikern unbestritten. Die Produktpalette wird um manche hochgiftige oder krebserzeugende Chemikalie entschärft. Reicht der Anpassungsprozeß, und gilt er weltweit? Oder gilt in der Chemie-Industrie immer noch die alte Politik: Produktion auf eigene, die Risiken auf fremde Rechnung - seit Seveso nichts dazugelernt?

Diesen Eindruck erwecken Andrea Ernst, Kurt Langbein und Hans Weiss in ihrem Buch »Gift-Grün«. Die 368 Seiten des Buches sind allerdings ein beredtes Beispiel dafür, woran die technische Risiko-Diskussion gegenwärtig krankt: daran, daß jene, die davon am meisten verstehen müßten - die Industrie-Chemiker -, interessengelenkt vernebeln und daß die meisten - so die Autoren -, die darüber engagiert die Öffentlichkeit aufklären wollen, zu wenig akribisch die Sachverhalte darstellen.

Nur so ist erklärbar, daß der bundesdeutsche Einsatz von Pflanzenbehandlungsmitteln von den Autoren in einen Topf geworfen wird mit den verheerenden Folgen des Pestizid-Einsatzes in der Dritten Welt; oder daß - zweites Beispiel - im Anhang des Buches chlorierte Kohlenwasserstoffe problematisiert werden, von denen ein Großteil längst in der Bundesrepublik verboten ist. Letzteres mag seine Ursache darin haben, daß die österreichischen Autoren ihre Bilanz vor dem Hintergrund der Chemie-Landschaft der Alpenrepublik sehen.

Erschreckend ist in der Tat, wie die Chemie-Diskussion an Österreich vorbeigegangen ist. Das dortige Pflanzenschutzgesetz aus dem Jahre 1948 kennt (anders als das bundesdeutsche Recht) keine befristeten Zulassungen von Pflanzenbehandlungsmitteln, nach dem Prinzip: einmal zugelassen - immer gut. Daß Österreichs Pestizid-Markt dem eines Dritte-Welt-Landes ähnelt, dieser Einschätzung der Autoren kann kaum widersprochen werden: Unter den rund 1800 in Österreich zugelassenen und im Handel angebotenen Mitteln finden sich immer noch Schlagetots wie Aldrin, Endrin, technisches HCH, DDT, 2,4,5-T, Quecksilberverbindungen, HCB, Heptachlor, Captan, Captafol und Folpet. All diese Mittel sind zwischen 1972 und 1986 in der Bundesrepublik verboten worden.

Kein Grund für die Bundesrepublik, die Nase zu rümpfen, sind es doch in der Regel Töchter deutscher Chemiekonzerne, die diese Produkte nicht nur in Österreich vermarkten, sondern überall dort, wo keine gesetzlichen Schranken sie daran hindern. Ohne den breiten Protest der Umweltschutzbewegung und ohne die sensible Resonanz der Medien wären auch in der Bundesrepublik immer noch Endrin und 2,4,5-T auf dem Markt. Von einer »Frontbegradigung« sprach Werner Krum, Werksleiter der Hamburger Niederlassung der Firma Boehringer, Ingelheim.

Die Niederlagen, die der chemischen Industrie bei der Verteidigung ihrer harten Chemikalien in den letzten Jahren von Toxikologen, Ökologen und Bürgerinitiativen zugefügt wurden in selbstgefällige Erfolgsmeldungen umzumünzen, überlassen wir ihr gern. Die Strecke ist beachtlich. Daher macht es auch wenig Sinn, heute noch die Verwendung von Pflanzenbehandlungsmitteln in der Bundesrepublik zur Gesundheitsgefahr hochzusteigern, wie dies die Autoren tun.

Die Bespritzung des Hopfens in der Fränkischen Jura ist nicht das Giftproblem Nummer eins. Den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in der Bundesrepublik mit der gestiegenen Zahl der Allergieerkrankungen in Zusammenhang zu bringen, ist ebensowenig angemessen - dazu gibt es zu vielfältige Chemikalien des täglichen Bedarfs, die größere Wirkung entfalten als die 150 Mikrogramm Pflanzenschutzmittel-Rückstände, die der Bundesbürger durchschnittlich pro Tag über die Nahrung zu sich nimmt. Wer weiß schon, daß ein Liter Cola 8000 Mikrogramm Formaldehyd enthalten kann? Daß so manche natürlichen Krebserzeuger weit größere Bedeutung haben und wir gleichwohl mit ihnen gut und zufrieden leben, gehört auch zur Redlichkeit in der Rückstandsdebatte: p-Allylanisol im Basilikum, Psoralen in Petersilie und Sellerie oder Allylisothiocyanat im Senf.

Die wirklichen Bedrohungen sind hierzulande die Ausrottung von Arten durch den Pestizid-Einsatz und in der Dritten Welt die gesundheitsgefährdenden Arbeits- und Lebensbedingungen der Plantagenarbeiter und Kleinbauern.

Um rund 70 Prozent ist in den vergangenen 30 Jahren die Artenvielfalt in der

Bundesrepublik an Insekten und Kleinorganismen zurückgegangen. Mehr als die Hälfte der Verarmung der Flora ist auf Land- und Forstwirtschaft zurückzuführen.

Flurbereinigung, großflächige Zerstörung von Feuchtgebieten, Hecken und Büschen, intensive Stickstoffdüngung und nicht zuletzt der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, die Kulturpflanzen schützen und Wildkräuter vernichten, sind die Hauptursachen. Und mit jeder verschollenen Pflanzenart verschwindet die 10- bis 15fache Anzahl von Tierarten. Da die natürlichen Feinde der Schädlinge dezimiert werden, verleiten immer neue resistente Schädlingsstämme zu immer stärkeren chemischen Angriffen.

Daß dieser Sachverhalt die Bundesrepublik besonders betrifft, ein Land, in dem jahraus, jahrein mindestens 80 Arten aussterben, in dem bereits 50 Prozent der Brutvögel, 53 Prozent der Schmetterlinge ausgerottet sind, müßte in einem Buch mit dem Untertitel »Chemie in der Landwirtschaft und die Folgen« markanter herausgearbeitet werden. Denn es geht bei der Diskussion um »Rote Listen« vom Aussterben bedrohter Tierarten nicht darum, daß Ökologen einen möglichst großen Zoo an Pflanzen und Tierarten um ihrer selbst willen beschaulich betrachten wollen. Mit jeder sich für immer verabschiedenden Tier- und Pflanzenart wird das ökologische Gleichgewichtsnetz der Natur, in dem der Mensch balanciert, brüchiger.

Dafür treffen die Autoren ins Zentrum der politischen und naturwissenschaftlichen Kritik in jenem Teil des Buches, der vom Pestizid-Einsatz in der Dritten Welt handelt. Denn der eigentliche Skandal spielt sich in der Dritten Welt ab. Was die Autoren für Kenia beschreiben, steht stellvertretend für viele Länder. Dort werden die in der Bundesrepublik verbotenen Mittel Aldrin, Dieldrin und Paraquat massenhaft in den Kaffeeplantagen ausgebracht.

Schon die Aufnahme von 0,7 Gramm Paraquat reicht aus, um einen erwachsenen Menschen langsam und qualvoll zu töten. »In Kenia«, berichten die Autoren, »werden die Landarbeiter damit barfuß und in verschlissenen, kurzärmeligen Leibchen ohne jede Schutzvorrichtung auf die Felder geschickt.« Selbst wenn die Betroffenen die kleingedruckten Warnhinweise auf den Packungen lesen könnten - sie haben keine Wahl, können sich nicht schützen. Sinnigerweise wird das Pestizid Lindan, das in der Bundesrepublik nicht mehr produziert wird, in Kenia unter dem Kisuaheli-Namen »Dawa ya mboga« verkauft, zu deutsch: »Medizin für Gemüse«.

Auch im brasilianischen Kaffee haben europäische Chemiekonzerne die Nase vorn. Die Konzerne werden zunehmend unabhängig von Pflanzenschutzmittel-Exporten aus Europa, da sie in jedem größeren Land Tochtergesellschaften unterhalten. Im Buch findet man Hinweise auf die Herstellung von DDT in Brasilien durch die dortige Hoechst-Tochter. Schering, heißt es an anderer Stelle, produziere im benachbarten Kolumbien ebenfalls verbotene Gifte wie Aldrin, Heptachlor sowie das seit dem Bhopal-Unglück ins Schlaglicht gerückte Methylisocyanat.

Eine durchgreifende Kontrolle in diesen Ländern, die in eine fatale Abhängigkeit von ihrem Nahrungs- und Futtermittel-Export geraten sind, ist nicht zu erwarten. Ein vielsagendes Beispiel für die Verquickung von Geschäft und Politik wird in »Gift-Grün« dargestellt. Als Nestor Jost 1984 neuer Landwirtschaftsminister von Brasilien wurde, meldete die deutsche Zeitung in Sao Paulo stolz: »Nestor Jost neuer brasilianischer Landwirtschaftsminister. Dem Aufsichtsrat der Bayer do Brasil gehört er als Vorsitzender an.«

Gut herausgearbeitet wird in dem Buch, daß die Gleichung »mehr Pestizide und chemische Dünger = mehr Nahrungsmittel« nicht mehr zu halten ist. Der Hunger in der Welt ist vielmehr hochrangig ein Problem der bedarfsgerechten Verteilung von Nahrungsenergie zwischen Industrieländern und der Dritten Welt.

Allein die EG importiert pro Jahr aus der Dritten Welt rund 18 Millionen Tonnen

Futtermittel. Das Getreidedefizit der Dritten Welt beträgt rund 80 Millionen Tonnen jährlich. Der brasilianische Bischof Helder Camara hat es auf den Punkt gebracht: »Das Vieh der Industrieländer konkurriert mit den Menschen der Entwicklungsländer um die Nahrung.«

Der übermäßige Einsatz von Pestiziden ist der wichtigste Faktor der industriellen Landwirtschaft, der letztlich den multinationalen Chemie- und Nahrungsmittelkonzernen und den Oligarchien der Dritten Welt dient. Unsere Milchüberschüsse sind zum großen Teil auf Sojaschrot aus Brasilien und auf Ölsaaten aus dem Sudan, aus Indien und Argentinien zurückzuführen.

Die Autoren zeigen es am Beispiel Brasiliens: Den bundesdeutschen Kühen stehen 18 Prozent der fruchtbarsten Anbauflächen Brasiliens zur Verfügung. Für die im Giftregen arbeitenden und lebenden Landarbeiter der Dritten Welt ist es sicherlich kein Trost, daß so der Kreislauf des Giftes auch die Bevölkerung in den Industrieländern trifft.

Die größte Betroffenheit erzeugen die Autoren durch ein Kapitel über die Blumenarbeiterinnen in Kolumbien. Nur wenigen Insidern ist bekannt, daß unsere Muttertagsblumen und die Nelken, die einige von uns am 1. Mai als Zeichen der internationalen Solidarität ins Knopfloch stecken, aus Kolumbien importiert werden.

Kolumbien ist bei Schnittblumen nach den Niederlanden, Israel und Italien der wichtigste Exporteur für Mitteleuropa geworden. Tonnenweise wird die Exportware Tag für Tag am Flughafen von Bogota abgefertigt. Vor rund zwanzig Jahren hatten kolumbianische Großagrarier in Kooperation mit US-Firmen begonnen, Teile der fruchtbaren Gegenden um Bogota aufzukaufen. Eines der Blumenanbau-Zentren ist die kleine Gemeinde Chia.

Mit massivem Pestizid-Einsatz werden in den riesigen Gewächshäusern nach den Normen des europäischen und amerikanischen Geschmacks Nelken, Rosen und Chrysanthemen gezogen. 80 Prozent der rund 40000 Beschäftigten sind Frauen. Bereits eine halbe Stunde nach dem Spritzen der Schädlingsbekämpfungsmittel müssen die Frauen ihre Arbeit fortsetzen. Mit bloßen Händen schnitten sie bislang die Blumen, Handschuhe waren wegen der Pilzübertragung nicht erlaubt.

Als ich im letzten Jahr in Bogota zur Bestürzung meiner kolumbianischen Gastgeber diesen Zustand auf einer Pressekonferenz anprangerte, wurde mir versichert, man wolle den Frauen in Zukunft Handschuhe zur Verfügung stellen.

Welch ein Fortschritt! Nach wie vor arbeiten die Frauen 14 Stunden am Tag in den Gewächshäusern und müssen ihre mitgebrachten Mahlzeiten während der Arbeit verzehren - ohne sich vorher waschen zu können. Wer fragt da schon nach Mutterschutzbestimmungen für schwangere oder stillende Frauen?

Rund 65 Prozent der Frauen leiden an schweren Gesundheitsschäden: Übelkeit, Sehstörungen, Hautausschlägen. Die Fehlgeburtenrate ist außerordentlich hoch. Jedes dritte der in der Nelkenzucht versprühten, vergossenen oder verstreuten Mittel ist in der Bundesrepublik verboten. Die Autoren beschreiben eindrucksvoll, wie die Pestizide die gesamte Umgebung der Gewächshäuser vergiften: _____« Offene Kanäle fließen durch die wilden Siedlungen, » _____« die von der Bevölkerung aus Steinen, Blech und » _____« Plastikfolien rund um ihren Arbeitsplatz errichtet » _____« wurden. Aguas negras - schwarze Wasser - nennen die » _____« Frauen den Abfluß, der vor ihrem Haus vorbeifließt und in » _____« dem ihre Kinder spielen. Alte, ausgediente » _____« Pestizidbehälter dienen als Trinkwasserbehälter. »

Der Teil des Buches, der die Praktiken des Pestizid-Einsatzes in den Entwicklungsländern zur Anklage gegen Chemiekonzerne und gegen die Oberschichten der Entwicklungsländer verdichtet, macht das Buch allein schon lesenswert. Es kann seinen Beitrag dazu liefern, daß aus der Betroffenheit am Ende Einwirkungsmöglichkeiten entwickelt werden, nicht nur beim nächsten Blumenkauf.

Zur Ausgabe
Artikel 72 / 94
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.