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MUSIKER Blutige Lippen

Musiker im Orchestergraben führen ein streßreiches, geducktes Dasein. Den Dirigenten, der sich »ausagieren« kann, hassen sie. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Richard Wagners Musikdramen sind für den Baßgeiger eine ziemliche Zumutung. Kein Mensch, schimpft er, sei zum Beispiel imstande, die hektischen Walküren-Quintolen aus dem »Ring des Nibelungen« korrekt zu spielen. So versucht er es gar nicht erst. Statt dessen »verschmiert« er die lästigen Passagen mit wilden Bogenstrichen - ein Sabotageakt,

der es dem Komponisten heimzahlt.

Manchmal, berichtet der Musikus, spiele das Orchester einfach »über den Dirigenten hinweg«, ohne daß der es selber merke: »Wir lassen den da vorn hinpinseln, was er mag, und rumpeln unseren Stiefel runter. Das, bekennt der Mann mit dem Kontrabaß, sind geheimste Freuden, kaum mitzuteilen.

Der renitente Orchestermusiker ist zwar nur eine Kunstfigur, erdacht von dem Stückeschreiber und Romaneier Patrick Süskind ("Das Parfum"); doch was der tragikomische Held in Süskinds Erfolgsstück »Der Kontrabaß« hervorsprudelt, hat sich der Autor keineswegs aus den Fingern gesogen. Es ist, nunmehr wissenschaftlich verbürgt, treffsicher aus dem Leben gegriffen.

Zwei Professoren, der Hamburger Psychologe Hugo Schmale und sein Kollege Heinz Schmidtke aus München, haben Frust und Streß« deutscher Orchestermitglieder exakt vermessen. Das Fazit der Untersuchung, die unter dem Titel »Der Orchestermusiker, seine Arbeit und seine Belastung« kürzlich im Mainzer Schott-Verlag erschienen ist, klingt alarmierend: Die Musik-Profis leisten, meist in drangvoller Enge und unter der Fuchtel egozentrischer Kapellmeister, körperliche und seelische Schwerarbeit.

Verrichtet wird sie in ständiger Hetze, in überheizten Konzertsälen oder hallenartigen und schlecht beleuchteten Orchestergräben, dazu stets in einem Kollektiv, das unter gruppendynamischer Hochspannung steht - was den sensiblen Künstlernaturen auf die Gesundheit und aufs Gemüt schlägt.

Schon der Eintritt in die Orchestergemeinschaft ist mit einer Kränkung verbunden. Auf der Musikhochschule werden die Bläser und Streicher allesamt als Solisten ausgebildet. Für die Solo-Künstler in spe, meint Schmale, bringe die Orchesterlaufbahn ein jähes Ende aller Virtuosenträume: Im Orchester, so der Professor, »fällt einer nur noch auf, wenn er Fehler macht«.

Rund 7000 westdeutsche Musiker teilen dieses Schicksal, wobei sie sich, in insgesamt 89 sogenannten Kulturorchestern, fast nur der Pflege des klassischen Musikerbes widmen. Etwa 2000 Instrumentalisten haben die Fragebögen Schmales und Schmidtkes ausgefüllt und darin detailliert beschrieben, wie sie sich durchs Berufsleben schlagen - immer in Eile, ständig unterwegs.

Von den Proben, meist vormittags hasten sie zum Unterricht an Schulen Hochschulen oder auch in der eigenen Wohnung. An aufführungsfreien Abenden spielen sie, meist nur für ein paar Mark Honorar, in Laienorchestern mit, wo sie auch mal ein Solo vortragen können. Dann wieder stehen Konzertreisen an oder Plattenaufnahmen, dazwischen immer wieder Musikaufzeichnungen für Hör- oder Fernsehspiele.

Soviel strapaziöse Betriebsamkeit hinterläßt Spuren: Fast 60 Prozent der befragten Musiker klagen über beruflich bedingte Beschwerden, etwa Schlaflosigkeit, nervöse Gereiztheit oder Kreislaufmolesten. Am ärgsten allerdings werden die Musikanten von Skelettschäden belästigt, Folge der unnatürlichen, verkrampften Haltung heim Musizieren.

Zumal in vielen älteren Konzertsälen und Opernhäusern hocken die Musiker, eng zusammengepfercht, auf einer Fläche, die ursprünglich für weit kleinere Orchester berechnet war. Verkrümmt und mit verspannten Muskeln erwarten

sie dort ihre Einsätze, die ihnen jedesmal Puls und Blutdruck in die Höhe jagen.

Bei Orchestermusikern in Düsseldorf und Wuppertal haben Schmale und Schmidtke die Kreislaufschwankungen gemessen; die Frequenzkurven signalisieren ein brutales Wechselbad. Harmlose Tonstücke wie die »Lustige Witwe« fetzen die Musiker zwar ohne größeres Herzklopfen hin. Anspruchsvollere Werke dagegen, etwa von Brahms oder Ravel, belasten den Kreislauf erheblich - besonders die Bläser scheinen gelegentlich vom Kollaps bedroht zu sein.

Das liegt am gesteigerten Streß der Trompeter und Posaunisten, die - mit krampfhaft gespitzten Lippen und geblähten Lungen intonierend - leichter musikalisch entgleisen können. Jahrzehntelang hängen die Risiko-Musiker deshalb am einmal vertrauten Mundstück ihres Instruments. Ist das schließlich verschlissen und nicht mehr reparierbar, »so beginnt für den Mann eine Tragödie« (Schmale); ehe er sich an ein neues Mundstück gewöhnt, bläst er sich lieber die Lippen blutig.

Als zusätzliche Plage empfinden die Musiker nicht nur die meist dicke Luft in den Orchestergräben, auch der selbsterzeugte Lärm setzt ihnen zu. Speziell die tosenden Tutti-Stellen in den klassischen Symphonien lösen, wie Schmale und Schmidtke ermittelt haben, bei den Orchestermitgliedern oft »eine zumindest temporäre Vertäubung« aus.

Daran sind, wie die Streicher klagen, vor allem die Bläser schuld, die in den Orchestern ohnehin das geringste Prestige genießen. In der Klangkörper-Hierarchie, weiß Schmale, »rangieren die Streicher immer oben, das Blech ganz unten«. Den Mann mit der Pauke, einen besonders gefürchteten Krachschläger, möchten manche Violinisten, laut Schmale, am liebsten in einen schalldichten Glaskasten stecken. Da könnte er, wie sie vorschlagen, in ein Mikrophon trommeln; sein Getöse würde dann, am Orchester vorbei, über Lautsprecher ins Publikum übertragen.

Am meisten aber leiden die Orchestermusiker offenbar unter einem Mitarbeiter, der gar kein Instrument bedient: Der Wunsch nach besseren Dirigenten wurde in den Fragebögen der Forscher fast immer ganz weit oben notiert.

Dahinter, glaubt Schmale, stecke nicht nur berechtigte Kritik am mangelnden Können vieler Kapellmeister, sondern wohl auch ein bißchen Neid: Während sich die Musiker, auf unbequemen Stühlen, in scharfer Disziplin üben müssen, kann sich der Dompteur am Pult »nach Herzenslust ausagieren« (Schmale); und das hält ihn fit.

Kaum ein Orchestermusiker erreicht, laut Schmale, im Dienst das Rentenalter; die meisten gehen früher in Pension. Die Dirigenten dagegen werden steinalt und bleiben oft bis zu ihrem Tod im Geschäft - bei wesentlich höheren Bezügen.

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