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W. Boehlich über M. Greiffenhagen: »Kampf um Wörter?«

Verbessern oder verändern Unter den 54 Autoren des Sammelbandes »Kampf um Wörter? - Politische Begriffe im Meinungsstreit«, den der Stuttgarter Politologe Martin Greiffenhagen herausgegeben hat, sind Carl Amery, Egon Bahr, Gerhart Rudolf Baum, Ludwig von Friedeburg, Heiner Geißler, Wilhelm Hennis, Roman Herzog, Walter Jens, Helmut Kohl, Hans Koschnick, Hanna-Renate Laurien, Hermann Lübbe, Hans Matthöfer, Werner Remmers, Helmut Schmidt, Kurt Sontheimer, Günter Verheugen, Heinz Oskar Vetter und Friedrich Zimmermann.
aus DER SPIEGEL 40/1980

Wie die Wahl ausgehen wird, ist längst entschieden. Der Wahlkampf, ein teures Mißvergnügen, wird die Wähler kaum beeinflussen. Nicht bloß, weil er kein Kampf war, und nicht, weil er langweilig war. Aber auch ein wenig deswegen.

Die Parteien versuchen nicht durch Programme, sondern durch Gesichter und durch Schlagworte für sich einzunehmen, und wenn man auch die Gesichter unterscheiden kann, die Schlagworte sind einander so ähnlich, daß kaum jemand genau weiß, wer da nun für Sicherheit und wer für Freiheit und wer für Frieden ist und auf wen ankommt. Der eine schimpft den anderen Lügner und der andere den einen Betrüger, und wenn die Rede davon ist, daß ein Gewisser spricht »wie der Bulle pißt, eben mal so und mal so«, dann ist das fast schon ein Höhepunkt.

Die Parteien machen die Parteienverdrossenheit selbst, sie halten sich in mutwilliger Fehlinterpretation eines Grundgesetzartikels für wichtiger als der Souverän sie hält -- denn der ist nicht gewillt, ihnen zu den Geldmitteln zu verhelfen, die sie zu brauchen vorgeben, unter anderem für Wahlkämpfe, die diesen Namen nicht verdienen.

Die Parteien haben es aber nicht nötig, die Bürger für sich zu interessieren, da sie gelernt haben, sich selbst aus »öffentlichen« Mitteln zu bedienen. Sie leben ein Leben sehr fern von denen, für die zu leben sie vorgeben, und manchmal erwecken sie den Eindruck, daß sie sehr viel lieber ohne Wähler auskämen.

Erklären sie denen, worum es geht? Sagen sie, was sie wollen und vorhaben? Wohl eher nicht. Es scheint, daß sie nicht um das Votum der Wähler, sondern um Wörter und mit Wörtern kämpfen. Und zwar alle mit den gleichen Wörtern, die allerdings selten den gleichen Sinn haben.

Da ist es nützlich, wenn auch für diese Wahl zu spät und für die meisten Wähler ohnedies kaum geeignet oder erreichbar, daß Martin Greiffenhagen mit vielen Mitarbeitern einen mächtigen Wälzer zusammengestellt hat, der diesen »Kampf um Wörter« auf den Begriff zu bringen versucht. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat ihre Hand dabei im Spiele gehabt, und wenn nicht ihre Hand, dann wohl ihr Portemonnaie.

Greiffenhagen, der die Bundesrepublik nicht zu Unrecht für ein schwieriges Vaterland hält, hat zwei Dutzend solcher Wörter -- von »Chancengleichheit« bis »Wachstum« ausgesucht und sie von Leuten unterschiedlicher politischer Couleur behandeln lassen. Gelegentlich, wie bei »Familienpolitik« und »Staatsbürokratie«, hat er offizielle Stellungnahmen der drei großen Parteien eingeholt, gelegentlich hat er Parteifunktionären das Wort gegeben (Bahr und Zimmermann über »Entspannung« oder Baum und Herzog über »Rechtsstaat"), meistens aber Politologen und Soziologen herangeholt.

Auf diese Weise ist sein Buch zu einer merkwürdigen Mischung aus handfester Parteipropaganda einerseits und relativ freier, wenn auch von Parteistandpunkten nicht lösbarer Wissenschaft geworden. Reine Indoktrination hat er vermieden, indem er -- bis auf einen Fall -- kontroverse Meinungen gegeneinandergestellt hat.

Vier einleitende Aufsätze suchen den Leser nicht so sehr einzustimmen auf das, was ihn erwartet, als vielmehr ihn theoretisch vorzubereiten durch Gedanken über die politische Funktion von Sprache überhaupt. Es taucht da auch der Begriff der Sprachlenkung auf, der gern autoritären Staatsformen in die Schuhe geschoben wird, aber keineswegs bei ihnen allein seine Heimat, wenn auch seine größten Möglichkeiten hat.

Daß in der Bundesrepublik bestimmte Wörter verunglimpft und offiziell durch Glimpfwörter ersetzt werden, das läßt sich nicht leugnen. Was so lange »Vereidigung« hieß, wird seit neuestem nur noch »Gelöbnisfeier« genannt. Von »Berufsverbot« soll möglichst nicht die Rede sein, »Entsorgung« ist ein Lieblingswort unserer Atomfreunde, und was in den Mündern unserer Rechten aus der ehrenwerten »Volksfront« geworden ist, das hätten sich ihre Erfinder nicht träumen lassen. Alltagsbeispiele für den Kampf mit Wörtern.

Die Beispiele, für die Greiffenhagen sich entschieden hat, sind beinahe so alltäglich, ohne daß sie ebenso leicht zu enttarnen wären. Je allgemeiner ein Wort verwendet wird, je mehr es sich von seiner ideologischen Herkunft entfernt hat, oder umgekehrt: Je mehr die herrschenden Parteien sich einander angleichen (weil durch praktische Politik eben auch in ihrem Wortschatz), desto schwieriger wird es, seine »ideologische Position« festzustellen.

Wenn alle drei großen Parteien sich als liberal definieren, ist das einerseits ein Scheinsieg der ehemals Liberalen, andererseits aber das Ende einer stringenten Definitionsmöglichkeit des Wortes »liberal«. »Liberal« kommt wohl daher in Greiffenhagens Buch nicht vor.

An den Wörtern, die vorkommen, soll die politische Funktion der Sprache selbst zur Sprache gebracht werden. Das könnte auf verschiedene Weise geschehen. Indirekt, indem Vertreter verschiedener politischer Anschauungen sie auf ihre -- unreflektierte -- Weise anwenden, oder direkt durch ideologiekritische Untersuchungen an Material aus der politischen S.260 Praxis. Die zweite Methode wäre gewiß die sachlichere und genauere gewesen, aber die erste, von Greiffenhagen gewählte, leistet immer noch genug, für den jedenfalls, der den entscheidenden Beitrag von Walther Dieckmann, »Sprache in der Politik«, gelesen und verstanden hat.

Der Herausgeber selbst hält aus guten Gründen seine, die politische, Wissenschaft für ideologieabhängig, und wenn er auch den Gedanken der Aufklärung mehr vertraut als solchen einer Gegenaufklärung, ist er sich doch bewußt, daß seine Überzeugung, durch Aufklärung über die Bedingungen der eigenen politischen Kultur ließen sich die Bedingungen der Demokratie verbessern, selbst nicht unpolitisch ist. Der Glaube an Aufklärung entfernt ihn von den Konservativen, die Wahl des Wortes »verbessern« statt »verändern« entfernt ihn von der entschiedenen Linken.

Diese entschiedene Linke, nicht ihre radikaldemokratische, sondern ihre marxistische Spielart, kommt bei Greiffenhagen nirgends zu Worte. Gewiß steht sie nicht zur Wahl, aber sie hätte doch am Ende Interessantes beizusteuern gehabt. Wenn das Stichwort »Utopie« von einem einzigen Beiträger behandelt wird, und dann ausgerechnet noch von Ulrich Hommes, der ganz aufs Machbare aus ist und meint, eine Utopie, die das Endziel der Geschichte zu kennen glaube, vermöge Freiheit letztlich nicht zu befördern, kommen einem unkeusche Gedanken.

Greiffenhagen rügt die deutsche Konfliktscheu, war aber selbst nicht frei davon. Kann er sich, kann man sich ein vergleichbares französisches, italienisches, spanisches Werk vorstellen, das so ausschließlich den bürgerlichen Parteien vorbehalten wäre? Daß er Parteienvertreter um Mitarbeit gebeten hat, gibt schon einen Sinn -aber wie repräsentativ sind sie jeweils für ihre Partei?

Zimmermann, der simpel ein Hoheslied auf den braven Mann Strauß singt, ist es gewiß, aber ist es der Kultusminister Remmers? Zum Beispiel. Wenn alle drei Parteien einen linken und einen rechten Flügel und eine indifferente Mitte haben, wer kann dann überhaupt für sie sprechen? Ist das Vokabular, sieht man einmal von der obligaten Berufung auf Gott, den Herrn, ab, eines linken CDU-Mannes reaktionärer als das eines rechten SPD-Mannes?

Trotzdem, was Greiffenhagen zusammengestellt hat, ist interessant genug, und immer dort am interessantesten, wo einander ausschließende Positionen ganz unvermittelt aufeinanderprallen. Liest man nur, was Remmers über Chancengleichheit sagt, hält man ihn womöglich für einen umgänglichen bis liberalen Herrn, der die eigene Partei nicht unbedingt für alleinseligmachend S.261 hält. Er hat auch gewiß nicht unrecht mit dem, was er über Leistungsdruck und Konkurrenzangst an den Schulen sagt, recht auch damit, daß die Schule nicht wechselweise den Parteien gehören dürfe.

Gegen Chancengleichheit hat er zunächst gar nicht so viel, nur kommen im Laufe seiner Ausführungen immer mehr Katzen aus dem Sack, bis sich herausgestellt hat, daß er reale Chancengleichheit mit allen ihren Konsequenzen überhaupt nicht will.

Statt dessen möchte er der Bourgeoisie ihre Bildungs- und Karriereprivilegien erhalten und sie nicht »auf höchst inhumane Weise ruiniert« sehen.

Dagegen muß man Ludwig von Friedeburg setzen, der auch einmal hessischer Kultusminister war und von dem ich nicht weiß, ob die SPD, die sich ja auch aufs »Machbare« verlegt hat, seine bildungspolitischen Vorstellungen noch teilt. Er möchte Ernst machen mit der Chancengleichheit und spricht daher nicht von Privilegien, sondern von Solidarität und Brüderlichkeit; aber, was wichtiger ist, im Gegensatz zu Remmers ist er fähig, nicht nur Forderungen aufzustellen und Meinungen zu äußern, sondern zu erklären, was weswegen wie ist. Will sagen, er nutzt sein soziologisches Rüstzeug.

»Chancengleichheit« ist ein treffliches Beispiel dafür, welche unterschiedlichen Bedeutungen einem scheinbar naiv gebrauchten Wort gegeben werden können. »Freiheit« wäre ein anderes. Da stoßen Frau Laurien und die Herren Rapp und Theo Schiller aufeinander.

Während Frau Laurien die Freiheit für etwas über alles geht, weiß Theo Schiller, daß Freiheit zunächst Freiheit von etwas sein muß, ehe sie zu einer Freiheit für etwas werden kann. Für Frau Laurien ist »der Mensch frei«, weil das so im CDU-Grundsatzprogramm steht, worüber Hennis, an anderer Stelle, nur den Kopf schütteln kann, während sich Rapp zu der Kühnheit versteigt: »Alle Menschen sind mit gleichen Rechten geboren und in gleicher Menschenwürde ins Leben getreten.« Das sahen Rousseau und Schiller (Friedrich) ein wenig anders.

Hat man lange genug in Greiffenhagens Anthologie gelesen, bemerkt man, daß die aus pädagogischen Gründen getrennten Wörter vielfältig miteinander verbunden sind. Es hat die Demokratisierung viel mit der Emanzipation zu tun, diese wieder mit der Familienpolitik, der Rechtsstaat mit dem Extremismus, Reform und Revolution mit Konflikt und Konsens, und immer so weiter. Erst alle Beiträge zusammengenommen lassen den Unterschied deutlich werden zwischen Fortschritt und Beharrung, das also, wozwischen die Wähler werden wählen müssen.

Walter Boehlich
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