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PORZELLAN-AUKTION Böttger-Hausse

aus DER SPIEGEL 29/1960

Es dauerte genau hundertachtzig Minuten, dann waren im Londoner Auktionshaus Sotheby 80 891 Pfund

945 615 Mark - umgesetzt. Zur Versteigerung stand eine Porzellansammlung, die das verstorbene Hamburger Ehepaar Otto und Magdalene Blohm in vierzig Jahren zusammengekauft hatte.

»Stücke dieser Art sind heute fast sämtlich in den großen Museen und für Sammler nicht mehr erreichbar, begeisterte sich der Londoner »Observer« über diese weitaus bedeutendste Kollektion aus der Frühzeit der europäischen Porzellankunst, die sich überhaupt noch in Privathand befunden hatte. Tatsächlich übertrafen Umfang und Qualität der Sammlung so sehr alle Erwartungen, daß sich das vorsichtige Londoner Auktionshaus entschlossen hatte, zunächst nur ein Drittel anzubieten.

»Der Markt könnte eine solche Menge auf einmal überhaupt nicht verkraften«, erklärte die Firma. Die beiden anderen Drittel sollen jeweils im Abstand von einigen Monaten versteigert werden. Der Erlös des ersten Drittels der Sammlung erbrachte die höchste Summe, die jemals auf dem an Auktionsrekorden wahrhaftig nicht armen Londoner Markt bei einer Porzellan-Versteigerung erzielt worden war.

Die Sammler Blohm, Mitinhaber eines im Jahre 1829 gegründeten Handelshauses in Venezuela - mit der gleichnamigen Hamburger Schiffbaufirma verwandt, aber geschäftlich nicht liiert -, hatten ihr erstes Stück Porzellan 1899 in London auf einer Auktion erworben und von da an eine Leidenschaft für die zarte Erfindung des thüringischen Apothekers Johann Friedrich Böttger entwickelt. Von Justus Brinckmann, dem Gründer des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe, und seinen Nachfolgern Richard Stettiner und Max Sauerland beraten, füllten sie die großen Vitrinen ihres Eßzimmers am hanseatisch-patrizischen Harvestehuder Weg.

Als Otto Blohm 1944 starb, waren in seiner Sammlung die erlauchtesten Namen europäischer Manufakturen vertreten, und zwar mit raren Werken aus der Frühzeit. »Die Sammlung Blohm hört zeitlich etwa da auf, wo die meisten anderen Sammlungen anfangen«, erklärte die Firma Sotheby. Zu den Glanzstücken der Kollektion gehörten eine braune Pantalon-Figur aus Böttgers Werkstatt, eine Wiener Suppenterrine mit einem chinesischen Hund auf dem Deckel, Schnupftabaksdosen aus Meißen, kleine Figuren von Schäfern, Makkaroni-Essern und Pierrots, Teekannen mit Rokokozierat und Häkelnadelschützer - geformt als Kinder auf einem Nachtgeschirr.

Nach dem Tode Magdalene Blohms im Jahre 1950 wurde die Sammlung von der Alster nach Carácas geschickt, wo sie zehn Jahre lang unberührt in ihren Kisten stand. Dann beschlossen die Kinder der Erblasser, Ernesto Blohm in Carácas und seine bei

New York lebende Schwester Beatrice von Rumohr, Ehefrau eines aus dem Holsteinischen stammenden Geschäftsmanns, das Porzellan zu verkaufen.

Für das Museum für Kunst und Gewerbe beim Hamburger Hauptbahnhof, dessen Leiter wohl gehofft hatten, die Sammlung eines Tages ihrem Institut einzuverleiben, mochte dieser Entschluß ein Schlag sein. »Unsere Eltern haben dem Museum aber oft finanziell bei seinen Käufen geholfen«, sagte jetzt Ernesto Blohm. Daß er und seine Schwester die Sammlung verauktionieren lassen, gehe auf den ausdrücklichen Wunsch der Eltern zurück. »Vater hat uns immer gesagt, wenn wir die Sammlung nicht behalten könnten, sollten wir sie versteigern lassen. Er selbst habe so viel Spaß an Auktionen gehabt, und es sei doch viel schöner, wenn ein Kunstwerk von jungen Sammlern auf einer Versteigerung erstanden weide, als wenn es in irgendein Museum wandere.«

Abgesehen von pietätvoller Respektierung elterlicher Wünsche bot eine Versteigerung allerdings auch angenehme finanzielle Aussichten. Die Preise, die in den letzten Jahren auf Kunstauktionen erzielt wurden, sind enorm und von den jungen Sammlern, an die Vater Blohm gedacht haben mag, kaum noch zu bezahlen.

Eine der Ursachen für diese Hausse ist gewiß die Knappheit an Angeboten, die sich immer weiter verstärkt, weil ein großer Teil der Kunstgegenstände von öffentlichen Sammlungen gekauft und somit in der Regel dem Markt ein für allemal entzogen wird. Eine andere Ursache für die astronomischen Kurse der Kunstgegenstände hat allerdings mit Kunstpflege weniger zu tun, sondern mit Spekulation. Anläßlich einer Börsenanalyse rechnete kürzlich der amerika-nische »Pick's World Currency Report« auf, daß die Kurssteigerung bei Kunstgegenständen die aller anderen Spekulationsobjekte übertrifft.

In einer Übersicht über Transaktionen im Jahre 1959 schrieb das Blatt, Kunstgegenstände hätten sich »wieder einmal als besser erwiesen als Gold, Platin, Diamanten, Grundbesitz und die meisten ,blue chips' (höchstnotierte Aktien) der Welt. An der Spitze standen franzosische Möbel des achtzehnten Jahrhunderts. Sie waren 1958 um 225 Prozent gestiegen und 1959 wieder um 150 Prozent. Ihnen folgten lateinische Evangelien des dreizehnten bis fünfzehnten Jahrhunderts, frühe Bibeln, Gebetbücher und flämische Manuskripte mit Preissteigerungen von 125 bis 150 Prozent. Erstklassige Bilder von Renoir, Cézanne, Gauguin, Degas und Toulouse-Lautrec brachten unter dem Auktionshammer um 80 Prozent mehr als vor einem Jahr. Neu auf dem Markt war die Wiedergeburt der Popularität erstklassiger holländischer Meister wie Peter Paul Rubens«.

Unter den Umschlagplätzen solcher als Kunst- Wie als Spekulationsobjekt gleichermaßen erstklassigen Gegenstände hat sich London einen führenden Platz erobert, seit vor drei -Jahren einige hemmende Devisenvorschriften gefallen sind. Dieser Primat geht in erster Linie darauf zurück, daß sich Londons große Auktionshäuser wie Sotheby und Christie mit einer geringeren Kommission begnügen als die meisten ihrer ausländischen Kollegen.

Die Londoner behalten zehn Prozent vom erzielten Preis ein, der Käufer hat keinerlei Aufschläge zu zahlen. In New York wird eine Kommission von 22 bis 25 Prozent berechnet. Die Franzosen fördern in der Regel zwar nur fünfzehn Prozent, doch muß der Käufer außerdem eine Steuer an den Staat entrichten, die 13,5 bis 22. Prozent des Kaufpreises beträgt. Deutsche Auktionatoren beanspruchen in der Regel für sich eine Kommission von fünfzehn Prozent des erzielten Preises, obendrein muß ihnen aber der Ersteigerer noch einmal fünfzehn Prozent Aufschlag auf die von ihm gebotene Summe zahlen.

Allerdings schließen die Londoner Häuser im Gegensatz zu ihren ausländischen Konkurrenten jegliche Gewähr dafür aus, daß die Beschreibung in den Katalogen stimmt. Wenn in Paris ein als Rembrandt versteigertes Bild sich als ein van Meegeren entpuppt, kann der Käufer sein Geld zurückverlangen. In London besitzt er darauf keinen Anspruch. »Allerdings würden wir wohl praktisch in einem solchen Fall doch etwas unternehmen« sagt Tim Clarke, einer der Direktoren von Sotheby.

Die Blohm-Kollektion ist die erste bedeutende deutsche Kunstsammlung, die seinem Hause seit Kriegsende anvertraut worden ist: Ein kleiner Teil ging über den Londoner Umweg an deutsche Sammler zurück. Der größere Teil wurde von englischen und amerikanischen Händlern auf eigene Rechnung erworben. Die bedeutendste Porzellanfirma der Welt, die Antique Porcelain Company in London und New York, zahlte mehr als ein Drittel der Gesamtsumme, die für die 202 im Katalog angeführten Posten geboten wurde.

Der Inhaber dieses Unternehmens, Hanns Weinberg - die Nationalsozialisten hatten ihn 1938 aus Berlin vertrieben -, ein silberköpfiger, kleiner Herr in grauem Doppelreiher mit blauem Schlips, war es, der den höchsten Preis der Blohm-Auktion für ein Einzelstück zahlte. Für Böttgers Pantalon legte er dreitausend Pfund, 35 250 Mark, an. Auf ihn blickte der Versteigerer Clarke auch, als der wertvollste Posten ausgerufen wurde.

Es waren fünfzehn Figuren aus dem Repertoire der italienischen Commedia dell'Arte von Simon Feilner aus der Manufaktur des Schlosses Fürstenberg an der Weser. Die Blohms hatten vierzig Jahre gebraucht, um die Serie aus langbärtigen Pantalons und Harlekins im Narrenkostüm zusammenzubringen. Für die ersten Stücke hatten sie nur einige hundert Mark gezahlt, für andere zwei- bis dreitausend, für die letzte Figur schließlich zehntausend Mark. Auf diese Weise hatten die Blohms schließlich den einzigen kompletten Satz in ihren Besitz gebracht, den es von diesen Porzellanen aus der Fürstenberg-Manufaktur gibt.

Auktionator Tim Clarke begann mit einem Ausrufpreis von 2000 Pfund. Weinberg bot um fünfhundert mehr. Clarke stieg auf 3000 - im Auftrag eines deutschen Privatsammlers. Weinberg nickte nur; das bedeutete 3500. Clarke erhöhte wiederum.

Das Duell, bei dem die beiden gegen Ende sogar um jeweils tausend Pfund kletterten, dauerte 57 Sekunden. Dann hatte die Antique Porcelain Company auch diese Serie erworben, für 15 000 Pfund, rund 175 000 Mark.

Weinberg hatte sich damit als Beherrscher der Blohm-Auktion durchgesetzt. Er wurde daher unwirsch, als sich beim letzten Stück. einem makkaroni-essenden Pierrot mit Colombine aus der neapolitanischen Manufaktur Capodimonte, noch Konkurrenz zeigte. Clarke hatte mit 400 Pfund begonnen, und man steigerte sich um fünfzig Pfund.

Weinberg hatte schließlich 1650 Pfund geboten, und noch immer wagte jemand, ihm zu trotzen. Daraufhin hörte Weinberg auf zu nicken: Die Sache wurde ihm lästig. »Zweitausend Pfund«, sagte er. Die Auktion war beendet.

Feilner-Figurinen: In 57 Sekunden für 175000 Mark versteigert

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