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Pop Bordstein mit Ketchup

Aggressiv und fies: Das Frankfurter Duo »Rödelheim Hartreim Projekt« hat mit schnellen deutschen Sprechgesängen Erfolg.
aus DER SPIEGEL 6/1996

Furchteinflößend möchte der Bursche schon sein; wozu sonst zieht einer ein kampfgrünes T-Shirt mit dem Aufdruck »Pit Bull« über? Groß und breit, wie er ist, sieht Moses Pelham, 24, dabei aus wie sein eigener Bodyguard.

»Wenn du bei mir schellst, wirst du erfahren, wie es ist, wenn du am hellichten Tag 'n Bordstein mit Ketchup frißt«, rappt er - aggressiv, arrogant und in hessischem Dialekt.

Das Resultat ist erstaunlicherweise keine lächerliche Imitation der schwarzen US-Hip-Hopper aus den Ghettos in Los Angeles oder der Bronx, sondern original Frankfurter Straßengroove: Moses Pelham und sein Freund Thomas H. haben mit ihrem »Rödelheim Hartreim Projekt« die deutsche Version des Gangsta-Rap genannten Sprechgesangs erfunden.

»Zurück nach Rödelheim« heißt das dritte Album des Duos, das Ende Februar erscheint. In dieser Woche kommt die Single-Auskopplung »Höha, schnella, weita« auf den Markt, und das ist auch das Motto der beiden Frankfurter: 150 000 Stück wurden von ihrer ersten, 1994 erschienenen CD »Direkt aus Rödelheim« verkauft, die Tournee-Produktion »Live aus Rödelheim« brachte es immerhin auf 40 000 Stück. Diesmal sollen es mehr werden.

Schließlich ist Pelham davon überzeugt, daß er der beste deutsche Rapper ist - auch wenn die »Fantastischen Vier« mehr Alben verkaufen (weshalb Pelham sie, das ist er den Schimpfgebräuchen des Gewerbes schuldig, »die vier kleinen Fotzen aus Stuttgart« nennt). Die Plattenfirma MCA hat kräftig in die Werbung investiert: Sie spielte Musikjournalisten die neue CD bei Spazierfahrten im Mercedes der S-Klasse vor, produzierte ein Video, verteilte T-Shirts und dekoriert im Februar die Läden der WOM-Kette mit den Rödelheimern.

Spätestens seit die bei Sony unter Vertrag stehenden Fantastischen Vier sich mit ihrem Song »Die da« vor vier Jahren 28 Wochen in den Hitparaden hielten, suchen auch andere große Plattenfirmen nach dem Erfolg mit deutschen Hip-Hop-Bands. BMG Ariola setzt beispielsweise auf das Duo »Grooveminister«, das sich im vergangenen Jahr mit »Das ham wir uns verdient« durchsetzte, und schickt gerade die drei Mädchen von »Tic Tac Toe« durch Fernsehshows, wo sie fröhlich ihren Song »Ich find' dich scheiße« vortragen. Und Moses Pelham selbst produzierte im vergangenen Jahr noch die Frankfurterin »Schwester S.«, die mit »Ja klar« die Diskotheken eroberte.

»Das Image deutschsprachiger Produktionen hat sich verbessert«, sagt Peter Zombik, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft, der Dachorganisation der Plattenindustrie. Der Anteil deutscher Musik ist von 25 Prozent im Jahr 1993 auf schätzungsweise 40 Prozent im Jahr 1995 gestiegen - auch ein Erfolg des Kölner Musiksenders Viva, bei dem fast jeder zweite gezeigte Videoclip aus Deutschland stammt.

Moses Pelham allerdings präsentiert sich als Originalgenie jenseits aller Trends. »Ich suche meine Samples zusammen und schreibe einen Text«, sagt der Künstler: »Ich will in den Liedern ein Gefühl ausdrücken.«

Solche Gefühle sind vor allem Wut und Größenwahn ("Wir sind die Bundesreimer Nr. 1"), und wenn diese Attitüde Anstoß erregt, ist ihm das nur recht: »Notfalls sage ich hundertmal, daß ich der Größte bin.« Denn authentisch und glaubwürdig, darin stimmt er mit den schwarzen Rappern und deren Mythos von der »Street Credibility« überein, müssen Hip-Hop-Texte sein - sonst wird aus dem finsteren Gangsta von nebenan ein alberner Popstar.

Während sich die Fantastischen Vier mit banal-braven Texten in Platinhöhen hochrappten ("Sie ist weg, und ich bin wieder allein"), bevorzugen die zwei harten Kerle aus Frankfurt Gassenjargon. Denn sprachlicher Verfall gehört, wie bei ihren amerikanischen Vorbildern, zum Image. »Deine Mutter stinkt nach Fisch«, singt das Duo, sich selbst nennen sie »Bastard« und »Wichser«. Mit Formulierungen wie »Ich reiß' dich auf, Alter, und kack' dich wieder zu« kann man heutzutage durchaus in die Hitparade gelangen.

Hat nicht Thomas D. von den Fantastischen Vier jüngst behauptet, deutsche Rapper seien nun mal aus dem Mittelstand, und deshalb könnten ihre Lieder auch nicht vom Leben im Ghetto erzählen, eher »vom Ford Taunus oder von unseren Eigentumswohnungen«? Moses Pelham: »Was für ein Scheiß, ich lasse mir doch nicht von denen diktieren, worüber ich schreiben darf.«

Sein Freund Thomas H. hat andere Einwände: »Mittelstand? Das stimmt doch gar nicht«, sagt er, »wir zum Beispiel sind aus der Oberschicht.« Y

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