Boris Johnson auf absteigendem Ast Seine Fat-Elvis-Phase

Eine popkulturelle Analyse von Robert Rotifer
»I will survive«, das singt er in erster Person singular: Der narzisstische Überlebenskünstler Boris Johnson tut etwas, das nicht einmal Elvis Presley gewagt hätte: Er sucht sein Heil in einem radikalen Genrewechsel.
Politiker Johnson, Sänger Presley: Erst am Anfang eines ausgedehnten Niedergangs

Politiker Johnson, Sänger Presley: Erst am Anfang eines ausgedehnten Niedergangs

Foto: Leon Neal / Getty Images; Globe Photos / MediaPunch / AP

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Am Ende wird man sich an den Moment erinnern, da das Phänomen Boris Johnson kippte. Nein, nicht an die Geburtstagstorte während des Lockdown, nicht an die von seinen feuchtfröhlich feiernden Mitarbeitern ruinierte Kinderschaukel im Garten der Downing Street.

Zur Person
Foto: privat

Robert Rotifer, Jahrgang 1969, ist ein österreichischer Musiker, Produzent, Pop-Kurator, Moderator und Journalist. Seit 1997 lebt er in England.

Sondern an den Moment, als Zehntausende bei der Darts-Weltmeisterschaft kurz vor Weihnachten im Londoner Alexandra Palace vollbrüstig »Stand up if you hate Boris!« riefen . Da sie ohnehin bereits standen, war die Einigkeit des Sentiments gewissermaßen Voraussetzung. Neben der Zahl derer, die da lautstark ihren Hass auf Johnson bekundeten, war aber noch interessanter, wer sie waren und wie sie das taten.

Zu Ersterem: Die da riefen, waren Repräsentanten genau jener »White Working Class«, deren Stimmen Boris Johnson vor zweieindrittel Jahren zu seinem großen Wahlsieg verhalfen – zumindest dem Mythos nach. In Wahrheit kam die xenophobe Schlagseite seines neonationalistischen Brexit-Fundamentalismus beim Kleinbürgertum wohl mindestens genauso gut an wie bei den »Zurückgelassenen« (in der UK-Polit-Lingo »the left behind«) aus dem deindustrialisierten »Red Wall« (UK-Polit-Lingo für einst von Labour dominierte nordenglische Wahlkreise).

Zu Zweiterem: Die Tatsache, dass die Darts-WM-Zuseher Johnson bei seinem Vornamen »Boris« riefen, demonstrierte die Umkehr genau jener Qualität, die ihm einst zu unantastbarer Popularität verholfen hatte: Der volkstümliche Charme des selbstverliebten Clowns, der es zulässt, dass man nicht nur mit, sondern auch über ihn lachen kann.

Johnson befindet sich nun in der »Fat Elvis«-Phase seiner Karriere

Seit Ausbruch des »Partygate«-Skandals in der Downing Street las man in den endlosen Analysen britischer Kommentarspalten viel von den Sorgen innerhalb der konservativen Fraktion. Das Amüsement, mit dem die Bevölkerung ihren Regierungschef betrachte, sei purem Spott gewichen.

Stimmt nicht ganz, denn was hier zum Ausdruck kam, war, wenn man den Sprechchören genauer zuhörte, der blanke Hass. Der Name »Boris« klang dabei plötzlich nicht mehr kumpelhaft, sondern transportierte nun denselben verächtlichen Unterton wie einst »Maggie«, die letzte Amtsvorgängerin Johnsons, die man per Vornamen zu benennen pflegte. Wenn die Marke einmal zum Schimpfwort geworden ist, führt sobald kein Weg mehr zurück.

Betrachtet man Johnson als die populistische Popfigur, die er immer war, kann man sagen: Johnson befindet sich nun in der »Fat Elvis«-Phase seiner Karriere. Sein großer Coup des Jahres 2019, der ihn vom beliebten Possenreißer zum Premierminister machte, erscheint als Äquivalent zu Elvis' Comeback-TV-Special, das jenen 1968 nach dem Zwischenspiel von Beatles und Konsorten zum unbestrittenen King des Rock'n'Roll krönte.

Schon im Jahr darauf verhunzte Elvis aber auf der Bühne von Las Vegas seine ehemals so herzenswarm vorgetragene Schnulze »Are You Lonesome Tonight?« mit Witzchen und peinlich erzwungenem Gelächter. Das Ergebnis war in etwa so irritierend wie Johnsons unwillkürlich süffisant angehobener Mundwinkel, wann immer er in den vergangenen Monaten seine zunehmend unglaubwürdigen Schuldabweisungen oder Schein-Entschuldigungen ablieferte.

Presley befand sich, als er mit seinen Lachanfällen das eigene Publikum verhöhnte, erst am Anfang eines ausgedehnten Niedergangs, der acht Jahre später im von der Welt entfremdeten Graceland (seiner Version der Downing Street) auf tragische Weise enden sollte.

Johnson dagegen ist heute von einer konservativen Fraktion umgeben, die alles daran setzt, ihn zu stürzen, bevor er von allein fällt. Entgegen der fiebernden Erwartungen seines baldigen Abgangs wird man sich damit aber – vermutlich – noch bis nach den Lokalwahlen im Mai gedulden. Deren absehbares Debakel würde man dem Premier zum Abschied wohl noch gern umhängen.

Elvis 1976

Elvis 1976

Foto:

Globe Photos / MediaPunch / AP

Mit etwas Fantasie ließe sich die Elvis-Parallele auch noch auf dessen Entourage, die berüchtigte »Memphis Mafia« dehnen.

So wie Elvis 1976 seine engsten Bodyguards Dave Hebler, Sonny und Red West feuerte, die schließlich zwei Wochen vor seinem Tod ihre Abrechnung in Form des Skandalbuches »Elvis – What Happened?« veröffentlichten, gingen auch Johnson im Laufe der vergangenen Woche gleich fünf seiner engsten Verbündeten in der Downing Street abhanden.

Die Wichtigste von ihnen war seine politische Beraterin Munira Mirza. Ihr platzte endgültig der Kragen, als Johnson zur Ablenkung von seiner eigenen Bredouille dem Labourchef Keir Starmer fälschlich unterstellte, jener habe in seiner früheren Rolle als führender Staatsanwalt den posthum als massenhaften Kinderschänder entlarvten Ex-»Top of the Pops«-Moderator Jimmy Savile vor gerichtlicher Verfolgung verschont. Eine üble Attacke. Wobei Mirza selbst wiederum in der Vergangenheit auch nicht vor ähnlich tief zielenden Angriffen, etwa gegen Starmers Vorgänger Jeremy Corbyn, zurückgeschreckt ist. Auch im Fall Elvis hatten die Bodyguards bei den Partys in Graceland schließlich erst kräftig mitgefeiert, bevor sie ihre Fähigkeit zur moralischen Empörung entdeckten.

Der Überlebenskünstler Johnson tut indes etwas, das nicht einmal Elvis gewagt hätte: Er sucht sein Heil in einem radikalen Genrewechsel, einer Fusion aus neuer Ernsthaftigkeit und Disco. Das Anheuern eines neuen Beraterstabs wird in der hoffnungsvollen Diktion der Downing Street als Einzug der »Erwachsenen« bezeichnet. Und sein neuer Pressechef ist der Ex-BBC-Politikredakteur Guto Harri, der schon zu dessen Zeit als Londoner Bürgermeister für Johnson gearbeitet hatte.

Gleich nach seinem Amtsantritt, sagt Harri, habe er Johnson gefragt: »Wirst du überleben, Boris?« Jener habe »in seiner tiefen Stimme, langsam und voller Entschlossenheit« geantwortet und dabei »ein wenig zu singen begonnen, während er den Satz beendete: ›I will survive.‹ Ich konnte nicht widerstehen, ihm einladend zu sagen: ›You've got all your life to live‹, und er antwortete: 'I've got all my love to give'«, behauptete Harri, zitierend aus dem Text zu Gloria Gaynors berühmter, emanzipatorischer Disco-Hymne »I Will Survive.«

Der frischgebackene Pressechef bemühte diese Anekdote erstaunlicherweise als Evidenz zur Untermauerung des neuen Johnson-Bilds, das er vermitteln will: »Er ist kein kompletter Clown, er ist tatsächlich ein sehr liebenswerter Charakter. Er ist nicht der böse Mensch, als den ihn viele darstellen würden.«

Vielleicht bezieht sich Harri dabei auf seine eigenen Worte aus dem Jahr 2018. Damals hatte Johnson einen von seiner Vorgängerin Theresa May vorgeschlagenen Brexitdeal als »Selbstmordweste« bezeichnet. »Leider zerrt er uns jetzt an einen Ort«, kommentierte Harri damals Johnsons Aussage, »wo wir glauben, dass wir über Selbstmordwesten witzeln und sexuell völlig haltlos sein können. Jemand muss ihm den Spaten aus der Hand nehmen, sonst sieht es für mich so aus, als grabe er sein politisches Grab.«

Boris Johnson, der endlos unverschämte, endlos liebesbedürftige Narzisst, sieht kein Problem darin, jenen Mann, der so was über ihn gesagt hat, nun zum eifrigen Mitschaufeln einzuladen. Genauso wie er in der »Partygate«-Affäre bereit ist, seinen engsten Beamtenstab und die Glaubwürdigkeit der Metropolitan Police für sein politisches Überleben zu opfern.

Das zeigt noch mal: Letztlich ging es beim Projekt »Boris« doch nie wirklich um so Dinge wie Brexit oder das sogenannte »levelling up«, die viel beschworene Formel zur wundersamen Aufhebung der vom Süd-Nord-Gefälle gekennzeichneten Ungleichheit des modernen Großbritannien.

»I will survive«, das singt er in erster Person singular. Und bleibt dabei dem Einzigen treu, das ihn wirklich interessiert: sich selbst.

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