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Boris Pahor, 108

aus DER SPIEGEL 23/2022
Foto: Giovanni Giovannetti / Independent Photo Agency / IMAGO

Am Ende wirkte er, in seinem Haus mit Meerblick, als wäre bereits alles Leben aus seinem zierlichen Körper gewichen. Der Geist aber blieb klar: Boris Pahor war einer der bedeutendsten Schriftsteller slowenischer Sprache. Als 1914 im damals noch habsburgischen Triest die Särge des erschossenen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gemahlin an Land gebracht wurden, war Pahor bereits auf der Welt. Die Geburt des italienischen Faschismus samt Bücherverbrennungen und Zwangsitalianisierung verfolgte und protokollierte der Angehörige der slowenischen Minderheit später aus nächster Nähe. Er diente in der italienischen Armee an der libyschen Front und wurde 1944 verhaftet, weil er dem slowenischen Widerstand angehörte. Prügel, Folter und die Verlegung in vier Konzentrationslager folgten, darunter Dachau und Bergen-Belsen. »Den blauen Schaum auf den Lippen der Vergasten«, so erzählte es Pahor noch Jahrzehnte später, vergesse er nicht. Er selbst überlebte und begann nach dem Krieg, das Gesehene niederzuschreiben. Vor allem sein 1967 erschienener, später preisgekrönter Roman »Nekropolis« widmet sich den Gräueln der Faschistenzeit. In Italien wie auch in Deutschland allerdings wurde das Buch jahrzehntelang nicht übersetzt – der Autor blieb unter dem Radar der internationalen Literaturkritik. Erst im Greisenalter erlebte der unermüdliche Mahner und schreibende Jahrhundertzeuge, wie sein Werk zunehmend entdeckt und er selbst mit Verdienstorden überhäuft wurde. Boris Pahor starb am 30. Mai in seiner Geburtsstadt Triest.

wma
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