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E. Borneman über Gerd Brantenberg: »Die Töchter Egalias«

Mär vom Weiberregiment Gerd Brantenberg, 39, ist Hochschullehrerin in Norwegen. - Ernest Borneman, 65, Autor der anthropologischen Untersuchung »Das Patriarchat«, ist Hochschullehrer in Österreich und Vorsitzender der Österreichen Gesellschaft für Sexualforschung.
aus DER SPIEGEL 35/1980

Während meiner Studienzeit sagte der psychoanalytisch ausgebildete Anthropologe Geza Roheim oft zu seinen Hörern: »Wenn ihr die Wahrscheinlichkeit einer Aussage überprüfen wollt, dann dreht sie bitte um und fragt euch, ob sie dann noch sinnvoll ist.« Er pflegte das an seinen Opfern zu demonstrieren, indem er sich während seiner Tätigkeit als Lehranalytiker plötzlich in einen Analysanden verwandelte und dadurch den Lehranalysanden zwang, sich als Analytiker zu betätigen. Oder indem er sexuelle Konflikte zwischen Frauen und Männern dadurch erklärte, daß er von uns verlangte, wir sollten uns vorstellen, die Frau sei ein Mann und der Mann eine Frau.

Eines der Resultate dieser frühen Anweisungen zum transsexuellen Denken war, daß mindestens drei seiner ehemaligen Studenten in späteren Jahren Romane zu schreiben versuchten, die ein geschlechtlich umgepoltes Bild unserer Gesellschaftsordnung malen sollten. Alle drei haben dann, unabhängig voneinander, entdeckt, daß die Sache nach den ersten zehn oder zwanzig Seiten langweilig wird, weil der Leser mittlerweile den Trick erkannt hat und von nun an dem Autor stets um drei Schritte voraus ist.

Die norwegische Autorin Gerd Brantenberg hat der Versuchung, nach der zwanzigsten Seite weiterzumachen, nicht widerstehen können. Das Resultat ist wie erwartet. Ihr Buch erzählt die Geschichte unseres Jahrhunderts -- vom ungebrochenen, sich niemals in Frage stellenden Patriarchat der Jahrhundertwende über die Ausbreitung der Frauenbewegung bis zu den ersten Männergruppen, der militanten Schwulenbewegung und den Radikallesbierinnen. Aber es erzählt die Geschichte mit umgekehrten sexuellen Vorzeichen: Ein ungebrochenes Matriarchat, frei von jedem Selbstzweifel, wird durch die Entwicklung einer autonomen Männerbewegung, aber auch durch die Selbstorganisation der Homosexuellen in die Enge getrieben und zur Selbstkritik provoziert.

Eine lobenswerte Fabel. Nur -- die Ausführung ist so dünn, daß man Strudelblätter draus machen kann. Die Füllung fehlt. Petronius, Sohn der Direktorin Bram und Schüler des Herrleins Uglemos, mausert sich zum Männerrechtler, weigert sich, seinen PH zu tragen, entdeckt, daß er schwul ist, und hilft beim Aufbau einer autonomen Männerbewegung. Ende. Der Rest ist Staffage.

Mit Konzepten wie dem PH (Penishalter) wird ein wenig Leben in die Bude gebracht. Andere Erfindungen, die das Lesen des trägen Textes ein wenig erleichtern, sind öffentliche Gebärzeremonien im Gebärpalast (dem größten Gebäude von Egalia), die großen Menstruationsspiele und das Vaterschaftspatronat, das etwa der Anerkennung eines Kindsvaters durch die Mutter entspricht.

Das Buch hat weder Form noch Stil. Es ist sowohl in der Konstruktion wie in der Sprache von unsäglicher Schlampigkeit. Und da im Norwegischen Familiennamen mit der »Sohn« bedeutenden Endung -sen häufig sind, wirkt nicht einmal der simple Scherz, Namen wie Jonstochter, Gudmundstochter und Vigfustochter zu erfinden, im Deutschen plausibel. Andererseits haben die Übersetzer Elke Radicke und Wilfried Sczepan gute Arbeit geleistet, indem sie das Umkehrvokabular überzeugend ins Deutsche übertragen haben. Da heißt es »dam« statt »man«, »Herrlein« statt »Fräulein«, »Wibschen« statt »Menschen«, »frauschen« statt »herrschen«, »Selbstbefrauschung« statt »Selbstbeherrschung«, »Seefrau« statt »Seemann«, »Froschfrau« statt »Froschmann«, »Tranfritze« statt »Transuse«. Andere Übersetzungen sind weniger gelungen. Zum Beispiel klappt »Pfui Luzia« bei uns nicht, weil wir ja leider »Pfui Teufel« und nicht »Pfui Luzifer« sagen. »Matraxismus« statt »Marxismus« überzeugt mich auch nicht. Und »Johanna Walker« statt »Johnnie Walker« klingt eher nach Schleichwerbung als nach Futurologie.

Die Stärke des Buches liegt in einigen wenigen Szenen, die der Frauenbewegung einen überzeugenden Spiegel vorhalten, zum Beispiel, wenn den Mitgliedern der autonomen Männerbewegung zum ersten Male klar wird, daß sie die weibliche Verachtung des Mannes selber »nternalisiert haben: Sie schämten sich, einen Männerkörper zu » » haben. Sie schämten sich, einen Penis und einen Schambeutel » » zu haben. Ja, warum mußte das Ding denn auch Schambeutel » » heißen? Sollten sie nicht bald einen anderen Namen dafür » » finden? Sie schämten sich, daß sie keine Brüste, keine » » prallen Hüften, keine ordentlichen Schenkel und keinen » » richtigen Hintern hatten. Sie schämten sich, keine » » Menstruation zu bekommen. Sie schämten sich, wenn sie » » merkten, daß der Bart zu sprießen begann. Sie schämten sich, » » Haar auf der Brust zu haben, und sie schämten sich, das Haar » » auf dem Kopf zu verlieren. Sie schämten sich, daß sie, sobald » » sie halb erwachsen waren, eine tiefe, sonderbare Stimme » » bekamen und ihre schöne hellklingende Wibschenstimme, die sie » » als Kinder hatten, verloren. Sie schämten sich, daß sie » » Samenergüsse hatten. Sie schämten sich, weil sie nicht fähig » » waren, Kinder zu kriegen. Mitunter schämten sie sich so sehr, » » daß sie vor lauter Scham in den Erdboden hätten versinken » » mögen. »

So auch eine schöne Szene, wo die Männer über die Reform der »inderpflege beraten: Die Forderung nach einer Begrenzung der » » Kinderpflegezeit für Väter auf maximal zwei Jahre wurde » » anschließend einstimmig angenommen. Eine Flut von Argumenten » » ergoß sich über die Männerbewegung. Daß Kinder sich am » » wohlsten beim Vater fühlten, das wüßten doch alle. »Das ist » » doch schlicht und einfach Empirie«, sagten die Matraxisten. » » »Wer hat denn schon plärrende Kinder nach der Mutter schreien » » hören?« In jenen Tagen wurde viel über die Natur des Mannes » » geredet. Weniger diffus waren gewisse Untersuchungen, die von » » Psychologinnen vorgenommen worden waren und die nachwiesen, » » daß das Kind Gerd Brantenberg: »Die Töchter Egalias« Deutsch » » von Elke Radicke und Wilfried Sczepan Verlag Olle & Wolter » » Berlin 236 Seiten 19,80 Mark Borneman aggressiv wurde und » » später unter Anpassungsschwierigkeiten litt, wenn es in den » » ersten fünf Lebensjahren nicht beim Vater war. Soziologische » » Erhebungen hatten zu den gleichen Resultaten geführt. »

Aber diese Stellen gehören zu den wenigen, die über eine simple Travestie des heutigen Patriarchats hinausgehen. Der schwächste Teil des Buches ist die Ausarbeitung der geschichtlichen Ursachen der frauenrechtlichen Gesellschaft. Die Autorin erwähnt zwar, daß es den Frauen von Egalia verboten sei, über frühere Zeiten der Männerherrschaft zu sprechen, aber sie erklärt kaum, weshalb die Zeit der Männerherrschaft zusammengebrochen sei und mit welchen Mitteln die Frauen die Macht erobert hätten. Sie scheint zu glauben, jedes x-beliebige Produktionssystem könne in x-beliebiger Weise männerrechtliche oder frauenrechtliche Sozialsysteme erzeugen. Das widerspricht diametral den Erkenntnissen der Frauenbewegung, zu der die Autorin angeblich gehört.

Es gibt ja in der feministischen Literatur nicht nur Werke, die das Elend der Frau im Patriarchat beklagen und 755 Seiten lang Beweise für das patriarchalische Denken der Patriarchen liefern, sondern auch solche, die aus der Geschichte des Patriarchats Folgerungen ziehen -- Folgerungen, die dem Aufbau einer alternativen Gesellschaftsordnung dienen können.

Eine dieser Folgerungen ist, daß Gesellschaftsordnungen mit starker Dominanz des einen oder anderen Geschlechts nicht entstehen, weil das eine stärker oder klüger als das andere ist, sondern weil in allen Kulturen der Welt -- den vorgeschichtlichen wie den geschichtlichen, den »primitiven« wie den »zivilisierten« -- die Geschlechtsverhältnisse die Produktions- und Besitzverhältnisse widerspiegeln: Wenn es S.161 einen Gemeinnenner der zahllosen Varianten von Sozial- und Sexualsystemen gibt, dann ist es der, daß dasjenige Geschlecht, das mehr Nahrung oder mehr Geld nach Hause bringt, sich auch stets das Privileg der Herrschaft über Haushalt und Bett anmaßt.

Projizieren wir die evolutionäre Logik des Patriarchats über die Gegenwart hinaus, so finden wir alles andere als das »Egalia« der Gerd Brantenberg. Nur wenn es der Frauenbewegung gelingen sollte, ein besser funktionierendes Produktions- und Verteilungssystem als das des bürgerlichen Patriarchats zu erfinden, könnte sie die Männerherrschaft zerschlagen und eine Frauenherrschaft an ihre Stelle setzen. Aber will die Autorin das? Soll »Egalia« nur eine Parodie auf die heutige Männerherrschaft sein, die sich mit so eklatanter Selbsttäuschung als »Demokratie« beschreibt? Oder enthält es auch Hoffnungen auf ein tatsächliches »Egalia«, auf eine klassenlose Gesellschaft frei von sexueller Dominanz?

Die würde allerdings anders aussehen als die Welt der Frau Brantenberg. Nicht nur würden die Geschlechter gleiche Rechte haben und ähnliche Sozialrollen ausüben, sondern sie würden einander auch psychisch und physisch ähnlicher werden. Wie in jeder bekannten Gesellschaftsordnung soziale Polarisierung stets zur sexuellen Polarisierung geführt hat, so würde soziale Entpolarisierung unweigerlich zur Entpolarisierung der Geschlechter führen.

Schon heute sind Beziehungen zwischen einer sehr »männlichen« Frau und einem sehr »weiblichen« Mann zufriedenstellender als zwischen den patriarchalischen Stereotypen von Mann und Frau. Und zwar aus dem simplen Grunde, weil nur derjenige, der sich dank seiner psychosexuellen Anlage in den anderen versetzen, dessen Wünsche erraten und erfüllen kann.

Ebenso wie die klassenlose Gesellschaft keine entindividualisierte sein darf, sondern im Gegenteil erst zur vollen Entfaltung der Individuen führen soll, so ist es gattungsgeschichtlich denkbar, daß wir in einer Gesellschaft freier Individuen auch entscheiden werden, ob wir als Männer oder Frauen leben wollen. Dieser Gedanke aber scheint Frau Brantenberg fremd zu sein. Statt der Männergesellschaft den Spiegel ihrer Unmenschlichkeit vorzuhalten, legitimiert sie die närrischsten Aspekte des Patriarchats.

Mehr noch: Indem die »Männerbewegung« Egalias, das kryptographierte Double der heutigen Frauenbewegung, als blöd, ineffizient und »obendrein« noch homosexuell beschrieben wird, denunziert die Autorin ihre heutigen Schwestern. Das kommt selbst bei männlichen Lesern schlecht an, denn die Frauenbewegung hat bereits so viele Männer von ihrem Anliegen überzeugt, daß dieses Buch auch für sie wie ein Schlag ins Gesicht wirkt.

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Sie schämten sich, einen Männerkörper zu haben. Sie schämten sich,

einen Penis und einen Schambeutel zu haben. Ja, warum mußte das Ding

denn auch Schambeutel heißen? Sollten sie nicht bald einen anderen

Namen dafür finden? Sie schämten sich, daß sie keine Brüste, keine

prallen Hüften, keine ordentlichen Schenkel und keinen richtigen

Hintern hatten. Sie schämten sich, keine Menstruation zu bekommen.

Sie schämten sich, wenn sie merkten, daß der Bart zu sprießen

begann. Sie schämten sich, Haar auf der Brust zu haben, und sie

schämten sich, das Haar auf dem Kopf zu verlieren. Sie schämten

sich, daß sie, sobald sie halb erwachsen waren, eine tiefe,

sonderbare Stimme bekamen und ihre schöne hellklingende

Wibschenstimme, die sie als Kinder hatten, verloren. Sie schämten

sich, daß sie Samenergüsse hatten. Sie schämten sich, weil sie nicht

fähig waren, Kinder zu kriegen. Mitunter schämten sie sich so sehr,

daß sie vor lauter Scham in den Erdboden hätten versinken mögen.

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Die Forderung nach einer Begrenzung der Kinderpflegezeit für Väter

auf maximal zwei Jahre wurde anschließend einstimmig angenommen.

Eine Flut von Argumenten ergoß sich über die Männerbewegung. Daß

Kinder sich am wohlsten beim Vater fühlten, das wüßten doch alle.

»Das ist doch schlicht und einfach Empirie«, sagten die Matraxisten.

»Wer hat denn schon plärrende Kinder nach der Mutter schreien

hören?« In jenen Tagen wurde viel über die Natur des Mannes geredet.

Weniger diffus waren gewisse Untersuchungen, die von Psychologinnen

vorgenommen worden waren und die nachwiesen, daß das Kind Gerd

Brantenberg: »Die Töchter Egalias« Deutsch von Elke Radicke und

Wilfried Sczepan Verlag Olle & Wolter Berlin 236 Seiten 19,80 Mark

Borneman aggressiv wurde und später unter Anpassungsschwierigkeiten

litt, wenn es in den ersten fünf Lebensjahren nicht beim Vater war.

Soziologische Erhebungen hatten zu den gleichen Resultaten geführt.

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Ernest Borneman
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