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Bosheiten aus dem Sarg des Dandy

Noch nach seinem Tod fällt Amerikas größtes Schandmaul über seine prominenten Opfer her. Ob John F. Kennedy und seine Jackie, ob Gide oder Hemingway - der 1984 gestorbene Truman Capote verschonte in einem letzten, »intimen Gespräch«, das jetzt deutsch erscheint, niemanden mit seinem Tuntenklatsch. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Er war ein Meister der üblen Nachrede, die Lust am Lästern hat er bis ans Lebensende kultiviert.

Andre Gide, beispielsweise, dem er auf Sizilien begegnete, verspottete er als »alte französische Tunte mit einem grobem Gesicht«. Der liederliche Greis trieb es in Taormina fortgesetzt mit fünfzehnjährigen Knaben und blieb ihm als verkalktes »Dreckschwein« in peinlicher Erinnerung.

W. H. Auden war ein »tyrannischer Hund«, Hemingway eine »Hinterzimmer-Schwuchtel«, ein »armseliger Kerl«, sein OEuvre eher kümmerlich. Saul Bellow? »Ein Unschriftsteller« und Langweiler«. Joyce Carol Oates, das »abscheulichste Geschöpf in ganz Amerika«, sollte »öffentlich geköpft werden - sie zu lesen heißt absolut kotzen.«

Ansichten eines Clowns? Es spricht der Dichter Truman Capote, der ewige Wunderknabe, der »Die Grasharfe« und das »Frühstück bei Tiffany« schrieb, mit dem Mörder-Report »Kaltblütig« zu Weltruhm kam und in seinen letzten Jahren fast nur noch als Klatschbase und Skandalnudel von sich reden machte. Er war der schwule Dandy, Snob und selbstverliebte Egozentriker, der Hofnarr der Society, die er im (unvollendeten) Schlüsselroman »Erhörte Gebete« mit rüden Indiskretionen brüskierte. Als der literarische Jet-Jeck, der zeitweilig kokainsüchtig war und an epileptischen Anfällen litt, 1984 mit 59 Jahren in Los Angeles starb, atmeten ungezählte Capote-Opfer erleichtert auf.

Letzte Bosheiten des Schandmauls überliefert nun ein voluminöses »intimes Gespräch«, das der US-Journalist Lawrence Grobel von 1982 an bis kurz vor seinem Tod mit dem Schriftsteller geführt hat und das in Kürze vom Zürcher Diogenes Verlag als scharfgewürzte Spötterspeise serviert wird«. _("Ich hin schwul. Ich bin süchtig. Ich ) _(hin ein Genie«. 248 Seiten; 26,80 Mark. )

Da überzieht der Mann mit dem schwarzen Schlapphut prominente Mitmenschen noch einmal mit galligen Sottisen und geistreichen Rüpeleien. Zur Abrundung des Capote-Bildes zitiert Grobel Urteile über den »sprachlichen Paganini«, der »die Schriftstellerei

in Amerika ungeheuer beeinflußt« hat (so, in aller Bescheidenheit. Capote). Cocteau, mit dem er gut befreundet war, erschien er »alterslos« mit einer »ganz verruchten Gesinnung«. Capote, der Däumling von 1,63 Meter, sei »stämmig gebaut wie ein Ziegelscheißhaus«, bemerkte der Dramatiker Christopher Isherwood. Tennessee Williams, den Capote unbarmherzig einen »sterbenden Dichter nannte, verdächtigte den Kollegen, eine »böse Vettel« zu sein.

Für Norman Mailer, mit dem Capote ständig Invektiven tauschte, und für Gore Vidal stand das außer Zweifel. Unvermeidlich kommt im Dialog die Rede auf die legendäre Dauer-Fehde mit dem Romaneier Vidal, der jahrelang gegen Capote prozessierte, weil der giftige Gnom behauptet hatte, Vidal habe - bei einem Besuch im Weißen Haus - einen Damenbusen betatscht. 80000 Dollar Gerichtskosten, berichtet Capote geschmerzt, habe ihn der Fight mit dem Eselsarsch und Hanswurst gekostet. Zu Bruch ging dabei auch seine Freundschaft zur Society-Prinzessin Lee Radziwill, die Vidals mammographischen Fehlgriff gepetzt hatte, vor Gericht aber nicht bezeugen wollte.

Vidal verhöhnte Capote als »republikanisch gesinnte Hausfrau aus Kansas«, schmähte ihn als »erbarmungslos unoriginell« und machte sich über seinen zwergigen Körperwuchs lustig. Auf einer Party sei er zufällig auf den Elenden getroffen: »Ich hatte meine Brille nicht auf und setzte mich, wie ich meinte, auf einen Puff - und es war Capote.«

Die lästige Vidal-Affäre wirkte keineswegs mäßigend auf den Künstler - um ein Haar hätte ihm auch die Bestseller-Autorin Jacqueline Susann ("Tal der Puppen") eine Beleidigungsklage angehängt. Sie lag schwer krebskrank darnieder, als der Stänkerer, in einer TV-Show, verbreitete, sie sehe aus »wie ein Lastwagenfahrer im Tuntenfummel«. Die Dame, kolportiert Capote, sei aus dem Bett gefallen, habe »Blut gehustet« und »sich nie wieder erholt«. Einen Prozeß, meint er, hätte sie gewiß verloren, weil »nur zehn Lkw-Fahrer« im Gerichtssaal ausgereicht hätten, um den Wahrheitsbeweis zu erbringen. Frau Susann schwieg und starb.

Trotz solcher gehässigen Sticheleien - »Anwandlungen von Schuldgefühlen«, nach denen sich der Interviewer Grobel fürsorglich erkundigt, waren Capote fremd. Treuherzig sagt er, als Künstler verfüge er übereinen doppelten Wahrnehmungssinn«, er sehe »irgendwie, was gut ist«, und »gleichzeitig, was böse ist«. Und weil ihm mehr Niedertracht als Güte im Leben widerfuhr, hat er in seinen Tagebüchern die »wahrhaft verächtlichen Leute notiert, 4000 Namen,

Jackie Onassis, verwitwete Kennedy, thronte auf einem Ehrenplatz dieser Animositäten-Liste. Capote verabscheute die langjährige Freundin als »sehr opportunistische, unaufrichtige, eitle und ziemlich böse Person - auch Jackie hatte ihn im Vidal-Prozeß im Stich gelassen. Als er, auf einer Dinnerparty, die Verräterin entdeckte, eilte Capote zornbebend zu den Gastgebern, zischte: »Warum haben Sie mir nicht gesagt, daß dieses Flittchen hier sein würde?« und stürmte davon.

Unangenehm berührt berichtet Capote auch von einem Souper in der New Yorker Park Avenue, an dem John F. Kennedy - damals noch Senator- teilgenommen hat »Die Damen waren nach dem Dinner aufgestanden, die Männer warteten auf Brandy und Zigarren«. Man schwadronierte über die »teuren Huren in Las Vegas«, wie »gut sie den Schwanz lutschen« könnten und »wie groß ihre Titten wären«. Die Telephon-Nummern wechselten en gros die Besitzer, und der künftige Präsident - so Capote - habe sie auf einer Serviette mitgepinselt. Kennedy war »ein schlimmer Fall von krankhafter Geilheiten ein Fall für die Schweinebucht.

Unerschöpflich war Capotes Reservoir an Tratsch-Geschichten, sein »photographisches Gedächtnis« speicherte alles, was ihm, für die »Erhörten Gebete«, literarisch nutzbar erschien. Er ging mit den »Rolling Stones« auf Tournee. Mick Jagger, der »außerordentlich scharfe, schlaue Geschäftsmann entpuppte sich als »Spießer, wie er im Buch steht. Andy Warhol, der Künstler »mit einer unwahrscheinlichen Gabe, andere für sich einzuspannen, machte ihn - vor vielen Jahren - »fast verrückt, weil er ständig vor der Haustür des verehrten Schriftsetzers herumlungert-.

In einer Reportage über Marlon Brando enthüllte Capote, entgegen einer Absprache, daß Brandos Mutter eine Säuferin war. Brando tobte: »Dieses kleine Schwein« Trocken sprach der Regisseur Joshua Logan, der mit Brando »Sayonara« gedreht hatte: »Sie hätten ihn umbringen müssen, bevor Sie ihn zum Essen einluden« Logan drohte dem Schriftsteller: »Spotten Sie nur über meine Filme, und Sie werden es für den Rest Ihres fetten Zwergenlebens bereuen.«

Hollywood war Capote verhaßt, die meisten Schauspieler hielt er für Taugenichtse; bei den Dreharbeiten zum dem Krimi »Eine Leiche zum Dessert«, in dem er einen spinnerten Nabob spielte. Langweilte er sich gräßlich. Geliebt hat er Bogart, den »herrlichen Kampfgockel«, und - über alles - die göttliche Monroe, die ihm mit kindlichem Entzücken erzählte: »Ich tanze gern nackt vor dem Spiegel und seh'' meine Titten hopsen.«

Den Filmdraufgänger Erroll Flynn, der ihm eine Nacht lang zugetan war, schätzte er als kultivierten Zeitgenossen. Flynn konnte auch, wie die Monroe schwärmerisch erzählte, virtuos Klavier spielen - ohne Hände, mit dem Penis. Einem Schauspieler, der das Fach gewechselt hat, widmet Capote eine lobende Erwähnung: Ronald Reagan sei ein »viel intelligenterer Mann, als die meisten auch nur zu ahnen scheinen«.

Am Ende des intimen Dialogs verriet der Künstler, was ihn am meisten fasziniert hat an den Schönen und Reichen, die ihn so schmählich von ihren üppigen Tafeln verstoßen hatten. Versonnen sagt Capote: »Der wahre Unterschied zwischen reichen und normalen Leuten ist, daß die Reichen so phantastisches Gemüse servieren lassen.«

»Ich hin schwul. Ich bin süchtig. Ich hin ein Genie«. 248 Seiten;26,80 Mark.

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