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Braver Schweyk

aus DER SPIEGEL 13/1957

Im kalifornischen Exil, 1943, hat der Dramatiker Bertolt Brecht nicht nur einen positiven Nationalhelden, die französische. Jeanne d'Arc, kraft poetischer Phantasie in den zweiten Weltkrieg versetzt. Auch der gleichsam negative, jedenfalls vollkommen unheldische Held der Tschechen, die von dem Schriftsteller Jaroslav Hasek ersonnene Romanfigur des »braven Soldaten Schwejk«, ist von Brecht zur Bühnenfigur gemacht worden, deren Abenteuer sich nun statt im ersten ebenfalls im zweiten Weltkrieg ereignen. Brechts Schauspiel »Schweyk« wird seit einiger Zeit im »Theater der Polnischen Armee« gespielt, das in dem 226 Meter hohen Warschauer »Stalin-Palast für Kunst und Wissenschaft« untergebracht ist.

Haseks berühmte Romanfigur-Schreibweise in der deutschen Buchausgabe* »Schwejk«, bei Brecht »Schweyk« - repräsentiert die Unlust des tschechischen Volkes, während des ersten Weltkrieges für die Erhaltung der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie zu kämpfen, auf deren Zerfall die Tschechen hofften. »Der brave Soldat Schwejk«, so charakterisierte ihn der Schriftsteller Alfred Polgar, »glaubt an Gott, der die Flinten wachsen ließ, aber auch das Korn, in das man sie wirft.«

Schwejks Methode laut Polgar: »Sein Gehorsam ist tödlich für die Befehle. Seine unbedingte Anerkennung der Autorität untergräbt diese. Er ist die leibhaftige gute Miene zum bösen Spiel ...«

Aus dem k.u.k. Soldaten Schwejk hat Brecht nun in seiner satirisch-kabarettistischen Szenenfolge den großdeutschen Soldaten Schweyk gemacht, der aus dem »Reichsprotektorat Böhmen und Mähren« stammt und es vornehmlich mit SS-Leuten zu tun hat.

Brechts Schweyk übernimmt zwar, so oft es geht, die Geschichten und Pointen, die ihm von Hasek zugeschrieben wurden, doch ist der Klima-Unterschied zwischen der österreichisch-ungarischen Armee, die notgedrungen für Gemütlichkeit einigen Spielraum lassen mußte, und der straffen Organisation im Dritten Reich meist zu groß. Brecht sah sich daher vor allem darauf verwiesen. Schweyks Methode einen Befehl allzu wörtlich zu verstehen - der veränderten Lage anzupassen.

Soldat Schweyk - zu seinem Kummer »so beschäftigt mit Iberlebn, daß man zu nix anderm kommt.« - vereinfacht etwa den Gruß »Heil Hitler« zu einem schlichten »Heitler« und empfiehlt diese Methode treuherzig einem Freunde: »Du mußt nicht sagen Heil Hitler«, sondern ... 'Heitler', das zeigt, daß du's gewohnt bist und es auch im Schlaf sagst, zu Haus.« Als er hört, daß auf Hitler im Münchener Löwenbräukeller ein Attentat verübt worden ist, antwortet er sogleich: »Hat er lang leiden müssen?«

Nach seiner Gewohnheit hat Brecht den Personen der Handlung Gelegenheit für ausgiebige Songs eingeräumt und - da seine Schweyk-Bearbeitung als eine Art kabarettistische Satire gedacht ist - in Zwischenspielen auch Hitler, Göring und andere nationalsozialistische Machthaber als Karikaturen auf die Bühne gestellt, die in Versen miteinander reden. Am Ende findet sogar eine Begegnung zwischen Hitler und Schweyk statt.

Schweyk, der sich einsam auf dem Marsch nach Stalingrad befindet - »ich komm zu Hilf und schitz die Zivilisation vor dem Bolschewismus« -, trifft im Schneesturm auf eine »überlebensgroße Gestalt«, die in Versen redet und sich als »der Führer« zu erkennen gibt:

Herr Schweyk, wenn das Dritte Reich unterliegt, waren nur die Naturgewalten schuld an diesem Mißgeschick.

An der Karikatur Hitlers kann der brave Soldat endlich den direkten Spott auslassen, den er sich sein Leben lang aus Vorsicht versagen mußte:

Ja, du kannst nicht zurück, und du kannst nicht

noch vorn,

du bist oben bankrott und unten verlor'n.

Am Ende der Brechtschen Schweyk -Bearbeitung versammeln sich die Darsteller zu einem gemeinsamen Chor, dessen Text zufolge sie sich darüber einig sind:

Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne der Machligen kommen am Ende zum Halt.

Der in Warschau uraufgeführte Schweyk ist zwar ohne Zweifel nicht zu den kräftigsten Werken des Dramatikers Brecht zu zählen, aber er amüsiert das Publikum so sehr, daß die Vorstellungen im »Theater der Polnischen Armee« bereits seit Wochen ausverkauft sind. Beobachter führen den Beifall auch darauf zurück, das die Zuschauer gewisse Passagen des Stücks - etwa Schweyks Lob der Lebensmittelknappheit »wo viel ist, herrscht keine Ordnung« - als Anspielung auf aktuelle Nöte der Volksrepublik Polen auffassen. Auch die Bemerkungen, die auf Hitlers Neigung für gigantische Architektur zielen, gewinnen in dem monströsen Stalin-Palast, der alle Warschauer Bauweise überragt, eine doppelte Bedeutung: Der Darsteller tritt dabei an die Rampe und zeigt wie zufällig an die Decke des Theaters.

Die polnischen Kritiker dagegen, die mehr an der literarischen Seite dieses Schauspiels interessiert sind, zeigten sich skeptischer als das Abend für Abend enthusiasmierte Publikum. Kritiker Jan Kott nannte Brechts Verpflanzung des Soldaten Schweyk in den zweiten Weltkrieg einen »künstlerischen Irrtum«, der Kritiker Andre Wirth formulierte: »Schweyk als handelnde Person« sei nur in der alten österreichischen Armee möglich gewesen, »unter den Bedingungen einer relativen persönlichen Freiheit, die eine notwendige Bedingung jeder Handlungsweise ist. Diese relative persönliche Freiheit wurde vom Faschismus zunichte gemacht.« Zu einem ähnlichen Urteil kam die Zeitung »Zycie Warszawy« ("Warschauer Leben"): Hitler-Deutschland war kein Operettenstaat.«

* Jaroslav Hasek: »Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk«; Kiepenheuer & Witsch, Köln; 508 Seiten; 7,80 Mark.

Autor Brecht

»Der Gehorsam ist tödlich«

Gesprächspartner Hitler, Schweyk*

Begegnung bei Stalingrad

* Szenenbild aus der »Schwejk«-Aufführung

in Warschau: Schauspieler Lesniak (links). Dzwonkowski.

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