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Memoiren Breite Orgelbank

Fünf Kilo Gewicht, so ließ Peter Kreuder wissen, habe er beim Schreiben seiner Memoiren verloren. Das Werk des Schlagerkomponisten, jetzt im Handel, ist in der Tat ein starkes Stück.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Rosita Serrano, die Sängerin ("Roter Mohn"), »war leider Kleptomanin und klaute ohne Unterlaß alles, was ihr unter die sehr schönen Finger kam«.

Die Filmdiva Pola Negri trank ihren Whisky aus Silberschalen, schnupfte Kokain und versicherte, daß Joseph Goebbels »doch a Jidd« sei. Woher sie das wisse? »Nun, ich habe gesehen.«

Wenn sich Marlene Dietrich auch »wirklich sehr stark für andere Frauen interessierte« -- sie hat, immerhin, einige Ausnahmen gemacht.

Und Zarah Leander, die Bassistin? »Sie ist böse. Und je älter sie wird, um so böser wird sie und um so unerträglicher.«

Diese und noch viele andere, ähnlich galante Hinweise sind dem Film-, Operetten- und Schlagerkomponisten ("Sag beim Abschied leise Servus") Peter Kreuder, 66, zu verdanken, dessen größte Erfolge in die Goebbels-Ära fielen -- Kreuder hat jetzt seine Memoiren veröffentlicht, und laut Verlagsankündigung zeigen sie »die Welt, wie er sie sieht«. Titel des »an einem geheimen Ort in den Tiroler Alpen« verfaßten Erinnerungswerkes: »Nur Puppen haben keine Tränen"*.

Diesen Kernsatz hatte der kleine Peter einst von seinem Großvater gehört. einem rheinischen Fuhrunternehmer. Kreuders Papa war Opernsänger und ein arger Damenheld gewesen -- der Sohn nimmt ihm die so zahlreichen wie kostspieligen Liebschaften immer noch übel. Gleichwohl hat er ihm kräftig

* Peter Kreuder: »Nur Puppen haben keine Tränen Verlag R. S. Schulz, Percha; 472 Seiten; 25 Mark.

nachgeeifert. wie es scheint; schon der Klappentext seines Buches gibt da stolze Zahlen an: »Tausend Frauen haben ihn geliebt. hundert Frauen hat er geliebt, vier Frauen gab er sein Herz -- und einer gab er seine Seele noch dazu.«

Das Herz hätte der Komponist zumal in einem Falle besser bei sich behalten: Sophie, die dritte von vier Kreuder-Gattinnen, war in den Augen ihres memoirenschreibenden Lebensgefährten »eine Hexe« und »ein Schicksalsschlag«. sie »konnte nichts, hatte nichts gelernt als das bißchen Komparserie beim Film und etwas Hutmacherei«, doch als »Frau Professor Kreuder« genoß sie einen fabelhaften Lebensstandard -- sie »konnte das Dienstmädchen schikanieren und den Chauffeur in ihr Bett befehlen oder auch, wenn es ihr gerade paßte. den Chauffeur schikanieren und das Mädchen in ihr Bett befehlen«.

Wie ganz anders Ingrid, 31, die bisher letzte der Kreuder-Gemahlinnen: »Nicht ihre Schönheit hat mich bezwungen. sondern ihre Liebheit.«

Trotzdem« für des rundlichen Tonkünstlers große Abrechnung geben seine unlegitimierten Bündnisse doch viel mehr her. Als die Dietrich 1930 nach Hollywood abdampfte, hat Kreuder geweint: »Ich habe den Menschen geliebt.« Als Marlene ihn vor einigen Jahren in Paris nicht sehen wollte und seine Visitenkarte zerriß, schickte ihr der gekränkte Peter dreizehn schwarze Nelken ins Hotel: »Lege diese Blumen auf das Grab unserer Freundschaft.« So jedenfalls erzählt er"s in seinem Buch.

Auch Evita Perón. »Hure und Heilige zugleich« und überdies Argentiniens Präsidentenfrau, war dem von Juan Perón zum Professor erhobenen Musikus kein alltäglicher Eindruck: Kreuder erinnert sich ihres »wie in helles Gold getauchten« Körpers, »bei dem man nicht wußte, ob man ihn anbeten oder bis zur Besinnungslosigkeit zärtlich lieben sollte«. Evita saß neben ihm auf einem Klavierschemel und summte die von Kreuder gespielten Melodien mit, »bis sie plötzlich meinen Kopf herumriß und mein Gesicht abküßte«. So erzählt er's.

Trude Hesterberg, die prächtige Diseuse, hat sich dem noch sehr jungen Kreuder -- auch das erzählt er -- fordernd auf der Orgelbank genähert: »Du mußt mir gehören. Ich will es, ich will es.« Kreuder: »Ich wollte es auch. Für phantasielose Menschen möchte ich noch hinzufügen, daß es ziemlich breite Orgelbänke gibt«

Die berühmten Tiller-Girls, ein Trupp Revue-Schönheiten aus England, waren für den immer noch sehr jungen Peter -- und auch das gibt der Memoirenautor so an -- nur vorübergehend ein Problem: »Leider verwechselte ich sie immer, kam mit den ... Verabredungen durcheinander, bis ich mich entschloß, rationeller vorzugehen. Ich bat immer zwei der Tänzerinnen gleichzeitig um die Gunst des Augenblicks. Selten gab es ein harmonischeres Kreuder-Trio.«

Ist Peter Kreuder denn nie einem Mann begegnet? Doch, auch! Schwedenkönig Gustav V. legte den Strickstrumpf beiseite, um mit Kreuder aus dem selben Glas Aquavit zu trinken. Der Prince of Wales, späterer König Eduard VIII. und noch späterer Herzog von Windsor, erwies sich im Duett mit Kreuder »bis sechs Uhr früh« als »ein ganz ausgezeichneter Schlagzeuger«; hätte er sich auf dem britischen Thron gehalten, wäre Peter Königlicher Hofkapellmeister geworden, die Herren hatten das schon abgemacht.

Sogar Adolf Hitler zeigte sich dem damaligen Staatsmusikdirektor Kreuder von der angenehmsten Seite: »Er plauderte charmant über Musik« und befahl dem Adjutanten Schaub, »dafür zu sorgen, daß ich genügend Geld für neue Instrumente erhielt.

Eine Berühmtheit der Bundesrepublik hat Peter Kreuder schon als Kind in Köln gekannt -- einen pummeligen »Hans Herbert, dessen Vater Oberkellner war. -. Mit Nachnamen hieß er übrigens Blatzheim«.

Seltsam, Kreuder mochte diesen Klassenkameraden nicht: »Er gab entsetzlich an.«

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